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19 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Zeitreise des Neil Young in einer Telefonzelle, oder: Dr. Who im Jahre 1949, 23. Mai 2014
Von 
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Rezension bezieht sich auf: A Letter Home (Audio CD)
Viele Verrisse erinnern in gewisser Weise an die Häme, die Neil Young entgegenschlug, als er Mitte der Siebziger den Sanftmut von Harvest verliess und mit drei Nachfolgewerken einen Abgesang auf die Ideale der Hippieära inszenierte. Tonight's The Night etwa war wohl auch alles andere als eine aufnahmetechnisch hochwertige Produktion, es wurde aber ein Klassiker der Rockgeschichte, eine unerhörte Auseinandersetzung mit dem Elend des Sterbens Nahestehender: der psychoakustische Fachbegriff für das Klangbild ist "audio verite".

Wenn Young jetzt sozusagen eine Zeitmaschine betritt und alte, ans Herz gewachsene Lieder im Klangfeld alter Schellackplatten ansiedelt, dann ist das a) eine bewusste (und gut durchdachte) künstlerische Entscheidung und b) einmal mehr "audio verite". Das Resultat geht mir bei vielen Liedern unter die Haut. Ein wenig schüttele ich den Kopf über sogenannte hard core-Fans, die auf diversen Foren ihren Frust rausposaunen.

Ich weiss nämlich nicht, warum ich mich nach wie vor von alten, ebenso "bescheiden" klingenden Bluesaufnahmen von Bessie Smith begeistern lassen kann, und jetzt nicht minder Freude an dieser ganz besonderen Zeitreise von Neil Young empfinden sollte. Wunderbare Platte, wenige trauen sich sowas, und diese lo-fi-Produktion tut der Intensität des Vortrags überhaupt keinen Abbruch. Ganz allein stehe ich mit meiner Meinung nicht da, John Mulvey hat im Blog-Teil der Webseite des englischen Musikmagazins Uncut eine ähnliche Wahrnehmung beschrieben. Und Alex Petridis hat heute in The Guardian nachgelegt.

Ich kann jedem einzelnen Niedermacher dieser Platte eins versichern: wenn Bob Dylan dieses Album hört, wird er seinen Hut ziehen. Wenn Jim Morrison für ein paar Tage auf die Welt zurückkehren würde, würde er ihm beim Hören eine Gänsehaut nach der andern den Rücken runterlaufen. Wenn Daniel Lanois die Scheibe hört, wird er sagen: "Respekt!" Wenn Leonard Cohen sich A Letter Home anhört, könnte er gut Lust bekommen, seinem Song Tower Of Song eine neue Strophe anzufügen (eine Strophe, in der Bert Jansch vorkommt).

Montaigne hat einmal, schon viel länger ist das her, geschrieben, Leben heisse, sterben zu lernen. Wenn Neil Young sich jetzt in so eine sauerstoffarme "Telefonzelle" begibt, dann ist das durchaus auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod: viele der hier gecoverten Lieder stammen von Musikern, die alle schon im "Tower of Song" ihren Platz gefunden haben. Da muss keine high resolution her, kein polierter Sound: da dringt etwas Altes, Fernes an unsere Ohren, das will ich wie einem alten Schwarzweissfilm erleben, in schlichtem Mono, brüchig. Und so schlägt dieses Werk eine Brücke zu einem seiner alten Meisterwerke, Tonight's The Night.
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1-9 von 9 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 23.05.2014 15:27:07 GMT+02:00
R. Spielmann meint:
Ursprünglich wollte ich eine eigene Rezenion schreiben - dies ist nicht mehr erforderlich,
da Sie alles so schön auf den Punkt gebracht haben.
Mein Kompliment zu dieser Rezension...danke!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.05.2014 16:13:46 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.05.2014 18:07:49 GMT+02:00
song_x meint:
Immer schön, ein paar Gleichgesinnte zu haben:)
LG, Song X (manafonistas.de)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.05.2014 18:02:08 GMT+02:00
R. Spielmann meint:
Ja, ich hab auf der Seite nachgesehen... aber leider keinen entsprechenden Blog
zu Neil Young gefunden. Bitte um einen Tip.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.05.2014 18:07:10 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.05.2014 18:08:18 GMT+02:00
song_x meint:
Neil ist nur ein Thema von vielen. Bei "Suchen" "Neil Young" eingeben, dann findet sich einiges.
Und ich hatte mich verschrieben: manafonistas.de

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.05.2014 23:08:57 GMT+02:00
R. Spielmann meint:
Danke, habs gefunden. Eine interessante Seite!

Veröffentlicht am 24.05.2014 21:20:45 GMT+02:00
Steffen Frahm meint:
Super!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.05.2014 10:37:57 GMT+02:00
song_x meint:
Steffen, bin mal etwas durchs deine Besprechungen gehuscht, ist ja buchfüllend. Einige Gemeinsamkeiten: betr. NY z.B. After The Goldrush immer noch eine meiner Favoriten, Mirror Ball allerdings weniger:) Einmal denkst du laut über deine TH-Lieblingsplatten nach, und klar: MSABANF gehört auch bei mir dazu genauso wie RIL. Allerdings wird das Trio ihrer besten Arbeiten vervollständigt (für mich) durch Fear of Music - alle drei produziert von Brian Eno, der da auch mitspielt.

Und ich glaube, bei Enos Songalben könntest du noch fündig werden: dir würde ich (wenn du es nicht kennst) zuerst Taking Tiger Mountain empfehlen, dann Here Come The Warm Jets, dann Before and After Science, dann die unfassbare Mischung aus Song und Ambient: Another Green World. mehr zu dem Thema auf unserem Blog manafonistas.de - du musst bei "Suchen" nur den passenden Namen eingeben, und landest bei Geschichten, Erinnerungen, Besprechungen etc. (in der kleinen Welt der Manafonistas).

Ich habe mir heute Dr. Whos Telefonzelle ausgeliehen und bin, glaube ich, irgendwo, and der amerikansichen Ostküste anno 1980 gelandet, und es spielen gerade die Talking Heads in alter Quartettbesetzung: Fear of Music ist gerade ein paar Wochen auf dem Markt. Angeblich soll es anno 2014 als Tonkonserve erschienen sein, der Titel: Performance. Cheers!

Veröffentlicht am 25.05.2014 15:16:00 GMT+02:00
Unbedingte Zustimmung zu dieser Rezension !

Veröffentlicht am 05.06.2014 05:59:35 GMT+02:00
b.boheme meint:
Whow ✴... ALLES drin! Ich fühle es genau wie Sie, aber ich könnte es nie so brillant auf den Punkt bringen! Mehr geht nicht! ✴✴✴✴✴
Sie haben mir einfach die Arbeit des Schreibens/ Denkens abgenommen, bleibt immer noch das Fühlen!
Danke,
b.bohème
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