Kundenrezension

5.0 von 5 Sternen "und es war alles, alles gut", 19. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Romantik: Lehrbuch Germanistik (Broschiert)
Was ist Romantik? Ist sie nichts als eine unpolitische und damit urdeutsche Mischung aus Traum, Sehnsucht, Posthornklang aus der Ferne und Morgenröte, wie es Thomas Mann in seiner Schrift über Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ ausdrückt? Oder ist sie nur das Produkt einiger kranker, miserabel schreibender und opiumsüchtiger Geheimdienstagenten, wie es Peter Hacks in seinem Pamphlet „Zur Romantik“ geschrieben hat?
Wer sich selbst ein eigenes Bild über die Literatur der Romantik verschaffen will oder muss, der tut am besten, wenn er sich einige Monate krank schreiben lässt und die gewonnene Zeit der Lektüre widmet. Er beginne mit Tiecks „William Lovell“ und „Der Runenberg“, er studiere die Fragmente Novalis’ und Friedrich Schlegels, lese „Heinrich von Ofterdingen“ und „Lucinde“, bevor er zu den Gedichten aus „Des Knaben Wunderhorn“, Eichendorffs und Brentanos übergeht, um mit E. T. A. Hoffmanns Erzählungen und den Grimmschen Märchen fortzufahren und mit Uhlands und Heines Lyrik zu schließen. Die Liste der Werke ließe sich freilich beinah, der romantischen Poetologie angemessen, ins Unendliche fortschreiben, je nachdem, wie viel Zeit man zur Verfügung hat.
Was aber, wenn man keinen menschenfreundlichen und literaturbegeisterten Mediziner kennt?

Was, wenn man zu Studiumszwecken einen einigermaßen entwickelten Überblick über die romantische Epoche schon in kurzer Zeit benötigt? Die Auswahl an literaturwissenschaftlichen Abhandlungen ist groß und reicht von kurzen Einführungen wie Gerhard Schulz’ „Romantik. Geschichte und Begriff“ über lesebuchartige Literaturgeschichten wie Erika und Ernst von Borries’ Romantik-Band der „Deutschen Literaturgeschichte“ von dtv und Handbüchern wie Helmut Schanzes „Romantik-Handbuch“ bis zu umfangreicheren Werken wie dem von Gert Ueding verfassten vierten Band von Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur.

Der als Taschenbuch bei Metzler erschienene Band Detlef Kremers, schlicht „Romantik“ betitelt, stellt auf 340 Seiten eine vorteilhaft Mitte zwischen überblickshaftem Kompendium und ausführlichem Folianten dar. Der Verlag führt damit die Reihe „Lehrbuch Germanistik“ fort, in der bereits fundierte Epochenwerke beispielsweise über den Barock oder die Aufklärung erschienen sind.

Detlef Kremer, der als Professor für Neue deutsche Literatur an der Universität Münster lehrt und sich mit zahlreichen Veröffentlichungen zur Romantik und speziell zu E. T. A. Hoffmann einen Namen gemacht hat, unterteilt sein Lehrbuch in einen einführenden und einen interpretierenden Teil. Im einführenden Teil bildet die übersichtliche Skizzierung des historischen und sozialgeschichtlichen Kontextes der Epoche einen elementaren Hintergrund für das Verständnis der Texte. Kremer informiert u. a. über die Bedeutung der Französischen Revolution für die Intellektuellen der ,Sattelzeit’ (Koselleck), der Befreiungskriege und der beginnenden Restauration. Er gibt im Abschnitt „Allgemeine Aspekte der Romantik“ einen Überblick über den Begriff „Romantik“ sowie über die Epocheneinteilungen, wie sie von der Forschung vorgenommen wurden, bevor er mit dem Deutschen Idealismus und der spekulativen Naturphilosophie den philosophischen und (natur- und sprach-)wissenschaftlichen Kontext beleuchtet. Das abschließende Kapitel des ersten Teils stellt eine äußerst verständliche Zusammenfassung der „Grundfiguren der romantischen Poetik“ wie Autonomieästhetik, progressive Universalpoesie oder Neue Mythologie dar.

Die Gliederung des zweiten, interpretierenden Teils orientiert sich an der traditionellen Gattungstrias Prosa, Drama, Lyrik, wobei dem Roman, seiner poetologischen Wertschätzung durch die Frühromantik folgend, aber auch den Erzählungen und (Kunst-)Märchen der Schwerpunkt zukommt. Kremer gibt hier gekonnt auf beschränktem Raum ebenso konzise wie tiefergehende Deutungen, die sich zudem durch einen frischen Stil und einen von ideologischen Vorprägungen weitgehend unverstellten Blick auszeichnen. Dabei finden nicht nur die bekannteren Romane wie „Franz Sternbalds Wanderungen“ oder „Kater Murr“, sondern auch seitens der Literaturgeschichte eher marginal Behandeltes wie Sophie Mereaus „Eduard und Amanda“ oder Fouqués „Zauberring“ Eingang in die Reihe der analysierten Werke. Auch bei der Besprechung der Erzählungen – der Schwerpunkt liegt hier auf Kleist und Hoffmann – wird der Romantikliebhaber nichts vermissen, als sich vielmehr u. a. über die klugen Äußerungen zu Tiecks „Des Lebens Überfluß“ freuen.

Obwohl die Ausführungen zum Drama der Romantik nur etwa 60 Seiten beanspruchen, wird der Leser doch kaum mangelnde Gründlichkeit beklagen können, wurde das Theater von den Romantikern doch eher – Kleist ausgenommen – zugunsten Prosa und Lyrik vernachlässigt. Gleichwohl gelingen Kremer interessante und kenntnisreiche Einblicke, z. B. bei der Interpretation von Tiecks desillusionistischen Komödien oder der unbekannteren Trauerspiele des späten Eichendorff. Verständlicherweise nehmen auch hier die Anmerkungen zu Kleist den größten Raum ein.

Im letzten Abschnitt stellt der Autor die romantische Lyrik vor. Auch hier zeigt er literaturwissenschaftliche Brillanz und umfassende Kenntnisse, so bei den „Hymnen an die Nacht“ des Novalis oder der Lyrik Brentanos. Abschließend geht er auf die Fort- und Umschreibungen der Lyrik durch die schwäbische Schule und Heine sowie auf die Vertonungen ein. Es folgt ein sehr ausführliches und seit der ersten Auflage von 1998 aktualisiertes Literaturverzeichnis, dem m. E. bis auf Gerhart Hoffmeisters „Deutsche und europäische Romantik“ keine halbwegs bedeutende Abhandlung zur Epoche fehlt. Den Schluss bildet ein Namensregister, das sich leider nicht auf die Sekundärliteratur ausdehnt, die im Text in Klammern erwähnt wird. (Einen Verweis darauf, wo im Text z. B. aus Rudolf Drux’ grundlegendem Werk „Marionette Mensch“ zitiert wird, sucht man im Register vergebens.) Ein Sachregister fehlt, was bei der überlegten und eingängigen Gliederung des Bandes aber kaum ins Gewicht fällt.

Obwohl Kremer die Romantik als literarische Revolution versteht, die unbestreitbare Bedeutung für die Literatur der Moderne hat, findet er keinen Platz, sich zum Fortwirken romantischen Denkens und Schreibens im 19. und 20. Jahrhundert zu äußern, wie dies z. B. Gerhard Schulz Romantik-Buch gelingt. Auch die Entwicklung der romantischen Musik findet bis auf die Vertonungen durch Schubert, Schumann oder Mahler keine spezielle Erwähnung, ebenso wenig wie die romantische Malerei eines Caspar David Friedrich oder Phillip Otto Runge und die Beeinflussung der Künste untereinander. Weiterhin zu beklagen wäre das Fehlen einer Einbettung der Epoche in den gesamteuropäischen Kontext, also Gemeinsamkeiten mit und Abgrenzungen zu französischer oder englischer Romantik (wie ihn Hoffmeister bietet). Gerade den Hoffmann-Spezialisten Kremer hätte die große Bedeutung der „Schwarzen Romantik“ für Baudelaire oder E. A. Poe doch eigentlich zu überlegten Bemerkungen reizen müssen. Sein Lehrbuch beschränkt sich hier allzu strikt auf die deutsche Perspektive.

All diese Einwände sind weniger als Kritik an dem musterhaft strukturierten Band zu verstehen. Die Schwerpunktsetzungen des Autors sind konsequent und nötig, führen natürlich auch zu Auslassungen. Das Lehrbuch „Romantik“, daran ändern die Desiderate nichts, ist ein ebenso ausführliches wie prägnantes, komplex und zugleich verständlich geschriebenes Werk, das sowohl dem Anfänger als Einführung dienen wie dem Fortgeschrittenen neue Sichtweisen auf die Epoche ermöglichen kann, und das da, wo es die Lektüre der Primärtexte nicht ersetzen will und kann, auf das vertieftere Lesen Lust macht und zugleich dazu befähigt.
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