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5.0 von 5 Sternen Die Kreuz und der Quere durch Deutschland, 1. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Briefe eines reisenden Franzosen über Deutschland an seinen Bruder in Paris (Die Andere Bibliothek) (Gebundene Ausgabe)
„Köln ... ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland" – so schrieb ein reisender Franzose in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts an seinen Bruder in Paris. Die Kölner werden dies und anderes, das der Autor über ihre Stadt schrieb, sicher nicht gern gehört haben – und nicht unbedingt hören wollen. Und dennoch sollten sie die Briefe des Johann Kaspar Riesbeck lesen. Sie bringen sich sonst um ein wunderbares Vergnügen.
Dabei war er gar kein Franzose, der diese Briefe schrieb, sondern der 1754 in Höchst bei Frankfurt/Main geborene Johann Kaspar Riesbeck. Er hatte Kontakt mit den aufklärerischen Strömungen seiner Zeit, verließ seine Heimat; er musste sie verlassen, weil er nicht nur mit einem Geistlichen eine Prügelei angezettelt, sondern weil er sich mit Hohn und Spott über den Klerus, über die Katholiken im Besonderen ausgelassen hatte. Er arbeitete dann als Übersetzer und Schauspieler in Salzburg und Wien. In Zürich wurde Riesbeck 1780 – nicht zuletzt auf Fürsprache von Goethe - erster Redakteur und Herausgeber der „Züricher Zeitung". Auch sie allerdings musste er wegen höchst despektierlicher Äußerungen bald verlassen. 1780 erschienen anonym seine „Briefe über das Mönchswesen" und 1783 anonym eine zweibändige Ausgabe der „Briefe eines reisenden Franzosen durch Deutschland", die ihn berühmt werden ließen. 1786 – nur 32 Jahre alt - ist Johann Kaspar Riesbeck einsam und verarmt in Aarau gestorben.
Riesbeck war ein absolut unangepasster Geist, der gut und gern als Aufklärer bezeichnet werden kann. Dies ist zu spüren in den „Reisebriefen", mit denen sich der Autor als ein exzellenter Vorläufer des Reisejournalismus zeigte. Und zwar auf höchstem literarischem Niveau. So waren seine „Briefe" von großem Erfolg und mit hohen Auflagen gekrönt, bis sie und ihr Autor Ende des 19. Jahrhunderts in Vergessenheit geraten sind.
Um so glücklicher können wir heute sein, dass der Verlag Die Andere Bibliothek diese Briefe in einem prachtvollen Folioband, hervorragend ediert und kommentiert und mit zeitgenössischen Stichen, Karten und Abbildungen wunderschön illustriert, wieder der literarischen Öffentlichkeit zugängig gemacht hat.
Und so lesen wir von den Wanderungen und Reisen des „Franzosen" die ihn „Die Kreuz und der Quere durch Deutschland", aber auch bis Dänemark, Österreich und Holland geführt haben. Riesbeck erzählt von Land und Leuten, von Sitten und Gebräuchen – teils lobend, teils tadelnd, aufklärerisch-kritisch, geistvoll und stilistisch brillant. Er schreibt nicht immer politisch korrekt, weiß den Witz zu gebrauchen und mit Ironie gekonnt umzugehen: er versteht es aber auch, einfach unterhaltend zu erzählen.
Ein großes Faible hatte er für Sachsen, dieses „herrliche Land", in dem die Menschen arbeitsam sind („ein fleißigeres Volk als die Sachsen habe ich noch nie gesehen"). Und: „Das Frauenzimmer ist durchaus vom schönsten Wuchs und den beseeltesten Gesichtszügen, munter, frei und witzig, und doch sanft, wohlgesittet und zum Hauswesen gebildet". Keine „Ausschweifungen" hat er – im Gegensatz zu den Bayerinnen und Österreicherinnen - bei den Sächsinnen bemerkt. Ausnahmen bestätigten aber auch hier die Regel. „Zu Prag fand ich ein sächsisches Fräulein von gutem Haus, das aus lauter Übermaß von Empfindsamkeit, wie es selbst mit Tränen gestand, und aus Mangel an Weltkenntnis ein sehr gemeines Mädchen ward".
„Weltkenntnis" fehlt dem Autor dieser Briefe zweifellos nicht. Und so lässt er sich kritisch über die politischen Verhältnisse aus, notiert er seine Erlebnisse mit Herrschenden und Beherrschten und seine Erkenntnisse über sie, prangert soziale Verhältnisse an. Er kennt sich in der Literatur und in der Philosophie aus - genau so wie er um die ökonomischen Zusammenhänge weiß. Sein journalistisches Credo: man müsse sich „in alle Klassen des Volks mischen, das man will kennen lernen", hat er hervorragend umgesetzt. So entstand ein farbenfrohes, ein belehrendes, ein höchst lebendiges und unterhaltendes, vor allem aber ungeschminktes Bild der Städte und Landschaften, in die und durch die er gereist ist. Und von den Menschen, die er getroffen hat. Seine Schilderungen sind Brief, Essay und Feuilleton. Er war eben ein Journalist – und zwar ein verdammt guter.
Leipzig gefiel ihm wohl, und auch das thüringische Weimar. Hier lobt er Wieland über den grünen Klee, und auch über Goethe, den er schon mal als „Bonmotist" bezeichnet, findet er nur Gutes zu sagen. Bei den „Literatoren", den „literarischen Kalmücken", kennt der Briefsteller sich ohnehin aus und charakterisiert sie mal spöttisch, mal freundlich. Ebenso wichtig und interessant war es ihm, von einer Schlägerei in einem bayrischen Wirtshaus zu berichten, bei der sich ein Pfarrer und mehrere Bauern mit Bierkrügen traktieren. Und nie hat er „mit mehr Empfindung getanzt" als bei einem Weinfest in Rüdesheim. Auch fand er überall einen Menschen, „an dem ich mein Herz wärmen kann".
Und so weiter: Berlin und Hamburg und München und der Odenwald, in dem er sich eines Sonnenaufgangs erinnerte, den „keine Zeit aus meiner Seele löschen wird". „Noch war alles bis zu den Gipfeln hin dickes Dunkel, und diese Ostgegend schien eine beleuchtete Insel zu sein, die zur Nacht auf dem schwarzen Ozean schwimmt." Weniger romantisch, dafür nüchterner geht es im reichen Preußen zu. Ausführlich beschäftigte sich Riesbeck mit Berlin, überhaupt der preußischen Wirtschaft insbesondere und konstatiert: „Wenn der geile Handel in den preußischen Staaten abgenommen hat, so hat dagegen die Industrie zugenommen. Man hat den augenscheinlichen Beweis davon an dem erstaunlichen Wachstum der der Städte und der Volksmenge."
In Hamburg gondelte unser „Franzose" auf der Alster. In Wien hatte er viel Freude an der Gastfreundschaft und wunderte sich, dass die „Frauenzimmern", und ihre guten Dienste bereits im Zimmerpreis inbegriffen waren. Überhaupt hängt hier alles „ganz an der Sinnlichkeit. Man frühstückt bis zum Mittagessen, speist dann zu Mittag bis zum Nachtmahl, und kaum wird dieser Zusammenhang von Schmäusen von einem trägen Spaziergang unterbrochen, dann geht's in das Schauspiel".
So ließ es sich leben. Ohne kritischen Diskurs geht es jedoch bei Riesbeck nicht. „Das Gute des Menschen entwickelt sich in gedrängten Gesellschaften ebenso leicht wie das Böse, und hat in den Augen des wahren Menschfreundes unendlich mehr Wert, als das Gute des Halbwilden, weil es nicht wie bei diesem die Wirkung eines fühllosen Instinktes, sondern mit mehr Bewußtsein und einem lebhaften Gefühl begleitet ist." Immer wieder setzte er sich auch mit Jean-Jacques Rousseaus „contrat social" auseinander, dessen eine und andere These er schon mal für lächerlich erklärt.
Klug und weise, kenntnis- und anekdotenreich sind die Briefe des Johann Kaspar Riesbeck. Er prangert religiöse Intoleranz an, notiert Liederlichkeit und Ungerechtigkeit. Seine Schilderungen sind plastisch. Seine Städte- und Landschaftsporträts vom Feinsten. Und: Riesbeck erzählt höchst unterhaltsam, „er will nicht nur als gelehrt gelten, sondern vor allem verstanden werden. Denn er hat eine politische Botschaft, die nicht Revolution und Umsturz der Verhältnisse heißt, sondern radikale Reform des Bestehenden." So die Herausgeber Heiner Boehnke und Hans Sarkowicz in ihrem Vorwort. Wie Riesbeck diese „Botschaft" allerdings herüberbringt, das macht ihn als Schriftsteller groß und sein Buch einzigartig.
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