Kundenrezension

55 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Keine Angst vorm Hexameter!, 6. Mai 2005
Rezension bezieht sich auf: Odyssee Ilias (Gebundene Ausgabe)
Odysseus, der Listenreiche, der große Filou, das erste und größte Schlitzohr der Weltliteratur -- in der Odyssee geht es vor allem um ihn; außerdem -- und das ist einem oft kaum bewusst -- trägt Homer hier auch viele Ereignisse aus dem Trojanischen Krieg mit, die in der Ilias nur angedeutet werden. Vor allem jedoch geht es um Odysseus' Irrfahrten und Abenteuer.
Wer die Odyssee bislang nur aus "für die Jugend bearbeitet[en]" Fassungen kennt, der wird sich erstmal wundern: Homer beginnt sein Epos nicht mit dem Anfang. Nach einer Art Vorspiel auf dem Olymp erfährt man: Odysseus ist glücklich bei den Phäaken gelandet, seine Heimat Ithaka ist nicht mehr weit. Am Hof der Phäakenkönigs erzählt er seine Abenteuer; die meisten Leser werden sich erinnern: Die Blendung des Polyphem, die Fahrt zwischen Scylla und Charybdis, die Sirenen und Kirke... und noch vieles mehr, das man nicht mehr so genau in Erinnerung hat. Eingeschoben sind Passagen, in denen es um seine Frau Penelope und seinen Sohn Telemach geht. Schließlich segelt Odysseus nach Ithaka weiter, doch einfach machen ihm die Götter die Heimkehr nicht. Erst muss er noch der vielen Freier Herr werden, die seit Jahren Penelope belagern...
Wie man sieht, greift bereits der erste Epiker der europäischen Literatur zu ausgefuchsten Mitteln, um seine Geschichte noch spannender zu machen, als sie es ohnehin schon ist. Aber nicht nur das: Im Gegensatz zur Ilias geht es in der Odyssee nicht um Heldentaten. Nicht der Kraftmeier Polyphem siegt, sondern der Fuchs Odysseus. Schon die Einleitung der Odyssee ist geprägt von List und Witz -- ja, richtig gelesen: Witz! -- Die olympischen Götter beraten über das weitere Schicksal des Odysseus, der noch immer nicht heimgekehrt ist, und nach dem Willen seines göttlichen Erzfeindes Poseidon würde er das auch nie tun. Nun ist aber Poseidon auf Dienstreise (er nimmt ein Opfer im entfernten Äthiopien entgegen), also können seine Kollegen ihm eins auswischen... Auch die List, mit der Polyphem besiegt wird ("Mein Name ist Niemand" -- "Niemand hat mich beraubt! Niemand hat mich geblendet!"), ist viel zu schön, als dass man sie den Linguisten überlassen dürfte, denen sie als hilfreiches Beispiel zur Erklärung mancher komplizierter Sachverhalte dient. Und warum wohl verwandelt Kirke die Männer in Schweine? (Hehehe)
Die Odyssee ist x-mal übersetzt worden, und zweifellos gibt es zahlreiche gelungene Prosa-Übersetzungen. Trotzdem empfehle ich die Hexameter-Übersetzung von Voss. Und das nicht nur, weil ein Epos auch von seinem Rhythmus lebt, den keine noch so gelungene Prosa ersetzen kann. Sondern auch, weil Voss die Sprache fast wie einen Pinsel benutzt, er malt mit Worten, und viele seiner "Bilder" setzen sich für immer im Gedächtnis fest. Sei es die "rossenährende Argolis" oder die "rosenfingrige Eos" (Eos war die Göttin der Morgenröte), sei es noch so viel anderes. Und man lasse sich nicht von der auf den ersten Blick ein wenig fremd wirkenden Versform einschüchtern. Man leist sich schneller ein, als man denkt! Nach einer Stunde Voss-Lektüre redet man selber in Hexametern, wenn man nicht aufpasst.
Es könnte also durchaus sein, dass man abends zu lesen anfängt, und aufhört, wenn Eos mit Rosenfingern den irrenden Leser in die Gegenwart zurückholt.
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 03.06.2008 16:22:59 GMT+02:00
cl.borries meint:
Eine sehr schöne, geistreiche und von großem Wissen zeugende Rezension.
Nachdem in der letzten Sendung von Literatur im Foyer von Lateinern mit sehr viel Verve über die alten lateinischen Dichter gesprochen wurde, bekomm auch zusätzlich zu dieser Besprechung ich nachgerade Lust dazu!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.06.2008 16:56:58 GMT+02:00
weiser111 meint:
Danke für so viel Lob! Zwar weiß ich nicht, was da bei "Literatur im Foyer" empfohlen wurde, aber schön, dass mal drauf hingewiesen wurde, dass es auch jenseits der Spiegel-Bestsellerlisten noch genug zum (Wieder-)Entdecken gibt.
Was die hehren antiken Klassiker angeht: Da steckt den Lesern meist viel zu viel Ehrfurcht in den Knochen, warum auch immer. Wenn man die Odyssee ganz pietätlos lliest, dann merkt man, dass das keine erhabenen Heldensagen sind, sondern der erste Schelmenroman der Weltliteratur. Odysseus ist kein untadeliger Heros, sondern eben ein Filou erster Güte, der sich nicht immer sehr fein benimmt und der sogar die Götter austrickst. So einen wiefen Bauernschlauen muss man ja mögen... und das Beste dabei: Man braucht nicht auf die Knie fallen vor lauter Ehrfurcht vor dem edlen Helden.
Übrigens merke ich erst jetzt, dass mir beim Ausdruck "Der große Filou" der schöne Odysseus-Roman von Hagelstange gleichen Titels unbemerkt im Kopf rumgespukt haben muss.

So. Genug schwadroniert für heute. Nochmal vielen Dank fürs kundige Lob -- ich nehme an, dass es da in nächster Zeit aus Ihrer Feder auch Hilfreiches zum Thema geben wird. Will's hoffen.

Veröffentlicht am 03.06.2008 17:18:10 GMT+02:00
cl.borries meint:
Ach,ob es von mir da Neues gibt,--das glaube ich eher nicht! Ich würde gerne und am Rande bekommt man ja so vieles mit aus den guten, schlauen Büchern,--weshalb wir sie ja auch alle lesen!
Aber Beziehungsgeschichten sind mein Metier, dazu ein wenig Soziologie und eben ungewöhnliche Biographien,, eine wenig Geschichte,--und das war's denn schon! Sind doch für mich die guten alten Fontanezeiten, und Keller und Benn und... und...und... schon lange vorbei- Nur noch Nostalgie in meiner Erinnerung. Und doch überkommt mich ja zuweilen das Gefühl, mich an die schon vor langer Zeit gelesenen Bücher noch einmal heranzuwagen,--und da steht bei mir an erster Stelle Proust,--und wird es wohl auch bleiben!

Danke für den netten Gedankenausflug! Übrigens wurde Steinmanns Odysseeübersetzung besonders gelobt!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.06.2008 19:13:51 GMT+02:00
weiser111 meint:
Fontane, Keller... also, wenn sich da nichts (Wieder-)Entdeckenswertes finden lässt, dann will ich Hedwig Courts-Mahler-Verfilmungen rezensieren, bis mir die Finger an der Tastatur festkleben. Lauter Klassiker, die allemal jeder Ehrfurcht würdig sind, aber viel zu oft aus falsch verstandener Scheu nicht gelesen werden, sobald der Lehrplan absolviert ist. Dabei bekommt man da doch erst die Perspektive zurechtgerückt, und die Impfung gegen kurzlebige Bestseller gibt's gratis dazu. Ob nun Fontane oder Homer... die paar Jahrhunderte...
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