Kundenrezension

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mit maximaler Entschleunigung gegen vorgefasste Meinungen angeschrieben - und immer noch aktuell, 17. Juli 2011
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Rezension bezieht sich auf: Heimatmuseum: Roman (Taschenbuch)
Man wird Siegfried Lenz kaum unterstellen können, dass ihm die Kunst spannenden Erzählens abginge. Die nahezu 700 Seiten "Heimatmuseum" scheinen zwar dagegen zu sprechen, doch ist der Aufbau wohl kalkuliert. Wir haben es hier mit einer extrem asymetrischen Konstruktion zu tun: Dreh- und Angelpunkt bildet die kurze und wirklich spannende Darstellung von Flucht und Vertreibung aus der masurischen Heimat; doch vorher muss man als Leser Geduld und Interesse aufbringen für all die persönlichen Erinnerungen und Rückgriffe in Historie und Mythologie.

"... ah, und ich weiß noch:" so lautet die alle paar Seiten anzutreffende Formel, womit ein weiteres Fenster in vergangene Zeiten aufgetan wird. Es sprengt schier die Buchdeckel und kann auch beim Lesen ganz schön nerven, wenn damit wieder ein neuer Exkurs anhebt. Tartarenstein, ein bellender Bauer mit den Eigenschaften eines idealen Jagdhundes, zu jedem der 92 masurischen Seen eine Legende - so entsteht (manchmal ohne erkennbaren roten Faden) ein wahres Monumentalmosaik. Und das alles, wie man heute sagen würde, politisch korrekt.

Hier läßt sich eindrücklich der Unterschied zwischen 'langweilig' und 'langatmig' erleben. Denn zur Langeweile besteht für aufmerksame Leser keinerlei Anlass. Die detailreichen und sensiblen Schilderungen des Alltagslebens oder von einschneidenden Ereignissen durch Kriege und Nationalismus bieten Zeitgeschichte auf hohem literarischen Niveau. (Wenn auch vielleicht nicht jede Einzelheit historischer Genauigkeit standhält).

Warum aber dieser Roman nicht so richtig ans Herz geht, das dürfte im damit verfolgten politischen Anliegen begründet sein. Das letzte Kapitel enthält die eigentliche Botschaft des Autors, auf die das ganze Buch abzielt. Lenz beschreibt hier die im Dunstkreis des - im Westen neu aufgebauten - Heimatmuseums ablaufenden Bestrebungen: Der Vertriebenenverband versucht auf massive Art und Weise, den Museumsfundus unter seine Kontrolle zu bringen und nach den eigenen, 'revanchistischen' Interessen zu präsentieren. (Damit liefert der Autor, nebenbei bemerkt, bereits die Blaupause für alle Wirrungen um die heute - 30 Jahre nach Erscheinen des Romans - so umstrittene "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" und ihre Initiatorin Erika Steinbach.)

Für Zygmund Rogalla, aus dessen Perspektive die Geschichte geschildert wird, stellt Heimat ein hohes Gut dar. Sie begründet aber keine Rechtsansprüche, mit denen sich eventuell eine Rückkehr erkämpfen ließe. Damit steht er letztlich ziemlich allein da, während sich die anderen Überlebenden, auch wenn sie in der Heimat noch als erbitterte Feinde gegeneinander standen, im Überschwang der Heimatsehnsucht verbrüdern. Selbst Conny, der hellsichtige 'Blutsbruder' Zygmunds von Jugend an, ein unbeugsam Widerstrebender während der Naziherrschaft, schließt neue Allianzen mit dem ehemaligen Vollstrecker der NS-Politik. Den Kumpel hat, so scheint es, die Erfahrung der Kriegsgefangenschaft nachhaltig verändert. Dort erlebte er u.a., wie eine Gruppe ungarischer Mitgefangener ihrem verstorbenen väterlichen Freund und Führer über den Tod hinaus die Treue hielt und dabei erhebliche Nachteile in Kauf nahm. (Ob der Autor damit eine schlüssige Wesensänderung vermittelt, muss jeder Leser selbst entscheiden. Jedenfalls scheint in dieser Randepisode eine weise Charakterisierung ungarischer Befindlichkeit zu stecken, wie sie sich in der gegenwärtigen chauvinistisch-autoritären Entwicklung dieses Landes offenbart.)

Um allem gerecht zu werden und nahezu keinerlei Partei zu ergreifen, zieht sich der stark unterkühlte Ton des irgendwie emotionslosen Ich-Erzählers durch fast das gesamte Buch. Man erspürt weder die Gefühlsregungen des kleinen Zygmund gegenüber seinen Eltern noch die des Erwachsenen gegenüber seinen Frauen und Kindern aus zwei Ehen. Alle leben (und sterben) mehr oder weniger neben ihm her und werden, wenn es die Erzähl-Situation erfordert, wie Museumsinventar aus dem Archiv abgerufen und mit etwas Seele behaucht. Diese offenbar beabsichtigte Versachlichung der emotionalen Ebene steht in gewissem Missverhältnis zum aufwendigen Gesamtbild, das liebe- und mühevoll alle nur denkbaren Aspekte masurischen Lebens miteinander zu verweben sucht. Letztlich verschwimmt damit auch der Heimatbegriff selbst (der in zigfach abgewandelten brillanten Formulierungen umschrieben wird) zu einem wenig lebensnahen, rein moralischen Konstrukt.

Die menschliche Dimension steht demgegenüber in "Exerzierplatz", dem anderen großen Vertriebenenroman aus Lenz' Feder, ganz im Mittelpunkt. An sich kaum vergleichbar, aber doch: das gelungenere Buch.
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