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Kundenrezension

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das schmerzhafte Protokoll eines schmerzhaften Verbrechens, 17. Juni 2011
Von 
Rezension bezieht sich auf: Septemberleuchten: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wie oft ist man als (Krimi-)Leser schon Zeuge literarischer Tode geworden? Hunderte oder tausende Male? Und haben diese Tode beim Lesen etwas besonderes ausgelöst? Im gewöhnlichen Krimi oder Thriller steht das Verbrechen am Anfang. Wenn überhaupt, lässt der Autor seine Leserschaft nur am unmittelbaren Mordgeschehen teilhaben. Das Opfer ist austauschbar, der Täter ebenso. Über sie erfährt der Leser nur indirekt etwas - eben das, was im Zuge der detektivischen Aufklärungsarbeit zur Ermittlung des Täters vonnöten ist.

"Septemberleuchten" dagegen ist kein Krimi. Trotzdem oder gerade deswegen steht das Verbrechen im Mittelpunkt. Martin Gülich hat ein Kammerspiel inszeniert, das nicht das polizeiliche Aufspüren der Täter zum Thema hat, sondern die Frage, wie eine recht alltäglichen Situation - vier Männer verbringen einen Grillabend am See - zum Schauplatz eines Mordes wird. Normalerweise ist es doch so: Die genaue Kenntnis des Tatablaufs und der Beteiligten erlaubt zuverlässig die Bestimmung des Täters. Martin Gülich zersticht diese Seifenblase: Obwohl der Leser ein geradezu minutiöses Protokoll des Tatablaufs vor sich hat, kann er die Frage nach der Täterschaft kaum beantworten.

Das liegt vor allem an dem komplexen, gruppenpsychologischen Geflecht, das die vier Protagonisten miteinander verbindet. Da ist Gerland, der offenbar etwas zu kompensieren hat, und daher kaum eine Gelegenheit auslässt, Macht und körperliche Stärke zu demonstrieren. Die anderen folgen dem, was sie für Gerlands Willen halten, in vorauseilendem Gehorsam - aus Angst, in Gerlands Gunst zu sinken und so selbst zur Zielscheibe seiner Machtdemonstrationen zu werden. Da ist Vanek, der sich fast indifferent und beliebig in die Gruppe einfügt. Da ist der namenlose Mann, das Opfer. Er biedert sich nicht bei Gerland an, seine Schweigsamkeit ist den anderen suspekt. Seine unterwürfige Persönlichkeit signalisiert der Gruppe, dass es sich bei ihm um ein leichtes Opfer handelt.

Am interessantesten ist jedoch der Erzähler, Kron. Über ihn erfährt der Leser am meisten. Das Buch besteht ausschließlich aus seiner Schilderung der Ereignisse, so dass "Septemberleuchten" konsequenterweise vollständig im Konjunktiv gefasst ist. In den chronologischen, fast pedantisch genauen Bericht über den Verlauf des Abends mischen sich gelegentliche moralische Wertungen Krons. Diese legen auf qualvolle Weise dessen von Widersprüchen und Gefallsucht geprägte Persönlichkeit offen. Kron rühmt sich für seine Konsequenz und Geradlinigkeit, wenn es darauf ankomme, und verdeutlicht dies am Beispiel der gewissenhaften Einhaltung von Essgewohnheiten. Vor der Erkenntnis, dass er, als es wirklich "darauf ankommt", als nämlich ein Menschenleben auf dem Spiel steht, eben diese Konsequenz vermissen lässt und moralisch versagt, davor verschließt Kron bis zum Schluss die Augen. Noch die brutalsten Misshandlungen des Opfers rechtfertigt er mit dessen Vorverhalten, das er als unhöflich interpretiert. Als es um die Durchsetzung eigener Interessen geht (nämlich die eigene Angst vor dem Wasser), schafft Kron es einmal, - erfolgreich - seine Stimme gegen Gerland zu erheben. Doch für den malträtierten Mann ergreift er nicht Partei, beziehungsweise erst dann, als es zu spät ist. Doch nicht nur gegen Kron erhebt das Buch Anklage (wobei Autor Martin Gülich solche moralischen Schlüsse vollständig dem Leser überlässt). "Septemberleuchten" zeigt ebenso glaubhaft in der Person Gerlands, wie effektiv das Ausspielen leicht beeinflussbarer Persönlichkeiten ist und wie es zur Installation eines Machtsystems beiträgt.

"Septemberleuchten" ist ein ungeheuer dichtes Buch. Gerade die nüchtern-kühle Protokollierung dieser allmähliche Eskalation macht die Lektüre so qualvoll. Jede einzelne Szene ist einer ausgiebigen Betrachtung würdig. Meisterhaft, wie es Martin Gülich auf nur 122 Seiten versteht, dieses Verbrechen mitsamt ihren Beteiligten psychologisch so fein auszudifferenzieren. Dies schafft eine kaum aushaltbare atmosphärische Bindung zwischen Leser und Tat, eine Bindung, die man bei den eingangs erwähnten Durchschnitts-Kriminalromanen vergeblich sucht. Ich habe "Die Wohlgesinnten" nicht gelesen. Ich wäre aber nicht überrascht, wenn dieses kleine Buch, "Septemberleuchten", auch mehr über die Wirkung von Machtapparaten verrät, als jener 1400-Seiten-Wälzer, der mit dem Anspruch angetreten ist, den Nationalsozialismus in Gänze zu erklären.
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