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Kundenrezension

110 von 126 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Ich produziere keine Fälschungen, sondern neue Kopien eines echten Dokuments,..., 24. Oktober 2011
Von 
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Rezension bezieht sich auf: Der Friedhof in Prag: Roman (Gebundene Ausgabe)
...das verlorengegangen oder aufgrund eines banalen Zwischenfalls nie produziert worden ist, aber es hätte sein können oder müssen."

Ich bin ein wenig traurig darüber, wie sehr sich Umberto Eco auf seinen Elfenbeinturm zurückgezogen hat. In der Manier von Canettis Professor Peter Kien stöbert er auf der Suche nach der Wahrheit in seinen unzähligen Büchern. Einen Roman daraus entstehen zu lassen scheint ihm dabei eher als Zwang auferlegt zu sein, denn man scheint irgendwie zu merken, dass Eco eigentlich gar keine Lust hat, eine Geschichte zu erzählen. Und so hält "Der Friedhof in Prag" für mich vielleicht thematisch, aber sicher nicht inhaltlich, dem Vergleich mit dem Foucaultschen Pendel, der immer wieder angestrebt wird, stand. "Das Foucaultsche Pendel" habe ich begeistert gelesen. Die Story war sicher im herkömmlichen Sinn auch nicht wirklich spektakulär. Sie hat aber getragen und so zumindest Ecos Anliegen auch ohne zusätzliches Fachwissen erkennbar gemacht. Beim Friedhof in Prag verging mir, ohne detaillierte Kenntnisse vor allem der italienischen und französischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, zunächst ein wenig der Spaß am Lesen.
Oberflächlich betrachtet könnte die Struktur des schizoiden, unter Gedächtnisschwund leidenden, Tagebuch schreibenden Hauptdarstellers, in Verbindung mit dem übergeordneten eigentlichen Erzähler, dann auch noch als müde und wenig originell erscheinen, aber Eco sorgt mit diesem "Kunstgriff" dafür, dass ich mich überhaupt auf die Suche nach der Geschichte, die das Buch erzählen will, gemacht habe und mich dann doch einlesen konnte.
Die einzige erfundene Figur, ist der Enkel eines Jean-Baptiste Simonini, welcher den Autoren der "Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Jakobinismus", einen gewissen Abbé de Baruell, brieflich auf eine große Weltverschwörung der Juden aufmerksam gemacht haben soll. Dieser Brief war wohl eine Fälschung von Antisemiten, die Nutzen aus den Schriften Baruells für sich ziehen wollten. Der Fälschergeist, der somit in Verbindung mit ebendiesem Jean-Baptiste Simonini steht, stellt, in der Gestalt seines erfundenen Enkels, die Verbindungen zwischen den ansonsten im Roman auftretenden geschichtlich authentischen Personen und deren Handlungen dar. Er ist in seiner Bosheit, seiner Menschenverachtung und Verfressenheit so etwas wie das schlechte Gewissen, das hinter den Ereignissen, die zur Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion" geführt haben könnten steckt. Er sammelt das Material zur Verschwörungstheorie, indem er nicht nur die geschichtlichen Ereignissen der Zeit durch Intrigen und Mord beeinflussen und verfälschen hilft, sondern sämtliche Zutaten, wie Zeitgeist und Literatur aufdeckt und zu einem "Rezept" zusammenstellt, aus dem Ende des 19. Jahrhunderts der russische Geheimdienst die Theorie der jüdischen Weltverschwörung gekocht haben könnte.
Über Tagespolitik, Religion und "Schwarzen Mächten" tritt alles auf und wird in Verbindung gebracht, was überhaupt nur möglich ist. Eco presst alles, was er zum Thema gefunden hat auf 500 Seiten. "Zuviel Holz fürs Feuer" kritisiert interessanterweise sein Hauptdarsteller Simonini das Buchkonzept eines Herrn Goedsche, in dem "... die Iren, die neapolitanischen Fürsten, die piemontesischen Generäle, die polnischen Patrioten und russischen Nihilisten..." angeprangert werden, dort aber, der Einfachheit halber, laut Simonini doch nur von den Juden die Rede sein sollte. Das es so einfach aber eben nicht ist, zeigt Eco damit sicher auf. Er stellt dar, wie durch Reduzierung und Vereinfachung komplexer Geschehnisse und gezielt verbreiteter Unwahrheiten, zum richtigen Zeitpunkt und zur Untermauerung bestimmter Interessenlagen, Verschwörungstheorien entstehen können, die, wie in diesem Fall, zu dem wohl denkbar größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit geführt haben. Darunter leidet dann jedoch der Roman. Die Komplexität der Ereignisse erschlägt ihn, so dass ich mich schließlich gefragt habe, ob es überhaupt noch einer ist, oder vielleicht nicht doch "nur" eine andere Art von (Verschwörungs-)Theorie.
Positiv ist, dass mich Eco dazu gebracht hat, mich über Garibaldi, Cagliostro, Dreyfus, Dumas, Hugo, Jolys Unterweltdialoge zwischen Machiavelli und Montesquieu und ich weiß gar nicht mehr worüber noch zu informieren. Kritisieren kann man, dass Eco bei all seiner geballte Recherche und seinem geschichtlichen Wissen, nicht wirklich eine Brücke zu seinen Lesern aufbaut. Sein Anliegen aufzuklären scheitert an diesem Makel, denn er erreicht von seiner erhobenen Position aus nicht die, die der Aufklärung bedürfen.
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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 06.11.2011 09:39:48 GMT+01:00
justclaudia meint:
Ich wollte das Buch verschenken, habe aber ähnliches gehört, was Sie so wunderbar hier ausführen. Das ist eine sehr gute Rezension, danke.

Veröffentlicht am 27.11.2011 15:14:46 GMT+01:00
Ja, Eco schreibt für die hocheingebildete, äh, Froide auch, ich
meinte natürlich hochgebildete Intelligenzia. Die, die der Aufklärung
bedürfen, lesen eh keinen Eco. Wenn sie denn überhaupt lesen.
Optimal wäre ein Handgriff am Buch, dann könnte auch ein doofer
Antisemit in den Genuß von Eco kommen, qua Schlag in die
Visage. Aber leider bin ich Pazifist :-) Insofern stimme ich dem
Lob "ich weiß gar nicht mehr worüber noch..." strikt zu (gerade
der Drang zum Selbst-Recherchieren ist charakteristisch für ein
gutes Buch), bin aber im Gegensatz zu Ihnen dafür, den
Elfenbeinturm noch ein paar Stockwerke höher zu bauen.
Unterschichtfernsehen haben wir genug.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.01.2012 18:36:42 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.01.2012 18:39:07 GMT+01:00
Kapitän Ahab meint:
dies ist das erste buch von eco das ich gelesen habe, und
muss sagen: "ein meisterwerk von der ersten bis letzten
seite" - insofern kann ich ihre enttäuschung nicht nachvollziehen.

wenn dass das schlechteste buch von eco sein soll (wie sie
suggerieren) will ich nicht wissen wie genial die anderen bücher
sind - habe mir sofort das focaultsche pendel bestellt und kann
es kaum erwarten zu verschlingen.

Veröffentlicht am 14.01.2012 11:27:38 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.01.2012 17:13:56 GMT+01:00
jrgela meint:
Hallo Kapitän Ahab,
ich möchte absolut niemandem etwas suggerieren. Hier steht lediglich meine völlig subjektive persönliche Empfindung. Ich habe auch versucht darzustellen, worauf sich diese begründet. Zwischen Suggestion und Meinungsäußerung ist schon noch ein beträchtlicher Unterschied. Für mich persönlich gibt es auch kein "schlechtestes Buch" von Eco. Auch "Der Friedhof in Prag" ist meilenweit von dem entfernt, was ich für schlechte Bücher halte.
Viel Spaß beim Foucaultschen Pendel, einem meiner (wohlgemerkt persönlichen) Favoriten.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.01.2012 20:36:50 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.03.2012 19:06:12 GMT+01:00
Kapitän Ahab meint:
hi jrgela,

ich will ihnen keine suggestion vorwerfen und respektiere ihre subjektive meinung.

bedenken sie was cervantes in don quijote schrieb, vielleicht hilft es ihre enttäuschung zu lindern: "... denn ihr wisst doch, jeder vergleich ist hässlich, und so gibt es keinen grund, dass eine mit dem anderen zu vergleichen.."

betrachtet man jedes werk für sich, muss man zugeben dass eco ein meister des erzählens ist. hoffen wir das er noch einen roman schreibt. man will sich nicht ausdenken was uns entgeht wenn dieser mann die kurve kratzt.
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