Kundenrezension

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3.0 von 5 Sternen Stolz und Vorurteil, 11. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Dancing in Jaffa (DVD)
(Kinoversion)

Hilla Medalia ist eine 36jährige israelische Regisseurin, die bislang ausschließlich Dokumentationen ("To die in Jerusalem", "After the Storm") gedreht hat. Auch "Dancing in Jaffa" ist ein Dokumentarfilm, und zwar darüber, wie ein berühmter ehemaliger Tänzer versucht, israelischen Kindern jüdischen und palästinensischen Ursprungs Standardtänze beizubringen und mithilfe dieses Projektes scheinbar unüberwindbare Grenzen zwischen den verfeindeten Glaubensgruppen zu bezwingen. Ein ehrgeiziges, schwieriges Projekt mit einem durch Vorurteile und Misstrauen geprägten und getrennten Volk. "Dancing in Jaffa" erreicht zwar nicht die beschwingte und herzerwärmend witzige Leichtigkeit vergleichbarer Filme wie "Mad Hot Ballroom", dafür zeigt "Dancing in Jaffa" auf, wie schwer es ist, Vorurteile aufzubrechen und Hass und Misstrauen in Freude und Vertrauen umzuwandeln. Auch die Ursprünge des politischen Konflikts, der zu so verhärteten Fronten geführt hat, werden hier thematisiert, wenn auch nur kurz.

Der 67jährige irisch-palästinensische Tanzlehrer und Turniertänzer Pierre Dulaine kehrt 2011 erstmalig in seine Heimatstadt Jaffa zurück, die er als Kind mit seinen Eltern verlassen musste. Jaffa, einst eine eigene palästinensische Stadt, ist heute nur noch ein Stadtteil von Tel Aviv, der vorrangig von Arabern bewohnt wird. Die unterschiedlichen Religionen und der selbst bei Kindern geschürte Hass gegen wahlweise Palästinenser, Araber oder Juden machen das Zusammenleben nicht leichter. Diese religiösen Gräben versucht Dulaine nun mit einem einzigartigen Tanzprojekt zu überbrücken. Er will, dass die untereinander verfeindeten Gemeinden der Juden, Araber und Palästinenser zusammenwachsen. Deshalb macht er in den 5. Klassen verschiedener Schulen Werbung für sein Projekt und versucht, Fürsprecher zu gewinnen. Wahrlich kein leichtes Unterfangen, denn die Vorbehalte bei Eltern und Kindern sind groß. Nicht nur, dass in einigen der Religionen Mädchen keine Jungen (und umgekehrt) anfassen dürfen, darüber hinaus weigern sich einige Kinder auch, ein Kind einer anderen Religion zu berühren, was ja nun aber für das Erlernen des Standardtanzes unerlässlich ist. Schlussendlich gelingt es Dulaine aber doch, fünf Schulen für seinen mehrwöchigen Tanzunterricht mit abschließendem Wettbewerb zu gewinnen. Und so geschieht es, dass aus Fremden Freunde werden, die sich nicht nur sinnbildlich die Hände reichen…

Der Film wird im Original mit deutschen Untertiteln gezeigt, gesprochen wird in Englisch, Arabisch und Hebräisch. Dulaine selbst spricht sowohl englisch als auch arabisch, für das Hebräische springen die Lehrerinnen der jeweiligen Schulen als Übersetzerinnen ein.

Pierre Dulaine ist ein leidenschaftlicher, ehrgeiziger Mann, der alles versucht, um sein mehr als schwieriges Projekt an den Start zu bringen. Er kämpft verbissen gegen Vorurteile und Ressentiments, gegen gesellschaftliche Zwänge und religiöse Widrigkeiten. Er putzt Klinken bei den verschiedenen Schulen und versucht, die Kinder für sein ungewöhnliches Projekt zu begeistern. Dies will ihm jedoch nicht immer gelingen, oft weigern sich die Kinder (meistens die Jungs) schlicht, a) ein Mädchen und b) eines einer anderen Religion auch nur anzufassen. Da werden Pulloverärmel über die Hände gezogen, um keine nackte Haut eines andersgläubigen Mädchens/Jungens berühren zu müssen oder sich schlicht ganz verweigert. Aber irgendwann hat Dulaine seine Kandidaten beisammen, auch, wenn er dazu erst seine ehemalige Tanzpartnerin Yvonne Marceau, mit der er über 35 Jahre lang getanzt hat, nach Jaffa holen musste, um den Kindern zu zeigen, wie schön tanzen sein kann.

Doch Dulaine will noch mehr, als den Kindern nur tanzen beizubringen. Vielmehr dient ihm dies nur als Mittel zum Zweck, um den Kindern Respekt vor Anderen und Andersgläubigen beizubringen, ihre Vorurteile zu entkräften und sie aufeinander zugehen zu lassen. Und Spaß soll das Ganze natürlich auch noch machen, weshalb sich Dulaine enthusiastisch und entschlossen ins Zeug legt, die Kinder von der Großartigkeit seines Projektes zu überzeugen. Ein paar Wochen lang sollen sie unter seiner Leitung trainieren, dann gibt es den großen abschließenden Wettkampf inklusive Pokalgewinn.

Im Folgenden zeigt Hilla Medalia die vorsichtige Annäherung der Kinder aneinander und das sehr langsame, aber nachhaltige Bröckeln fest verankerter Vorurteile und Abneigungen. Anhand dreier Kinder, auf deren Lebensumstände näher eingegangen wird, erhält man einen kleinen Einblick in deren unterschiedliche Leben. Alaa lebt mit seiner Familie in einer baufälligen Baracke, ist aber trotz schwieriger und armer Verhältnisse ein wahrer Sonnenschein. Ganz im Gegensatz zur pummeligen Noor. Die 11jährige leidet noch immer unter dem Tod ihres Vaters vor einigen Jahren, der sie schwer traumatisiert hat. Sie ist verschlossen, aber auch jähzornig und lernt erst durch das Tanzen endlich, Freundschaften zu schließen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Lois hingegen ist ein selbstbewusstes Mädchen, das sich sowohl mit Noor als auch mit Alaa anfreundet. So fruchtet sie denn endlich, die tänzerische Völkerverständigung, so dass am Ende des Projektes viele neue Freundschaften, weniger Vorurteile und mehr Verständnis entstanden sind. Großartig!

Daher ist es umso bedauerlicher, dass "Dancing in Jaffa" oft unstrukturiert und willkürlich wirkt. Ohne geschicktes Gespür für die Zusammenführung der unterschiedlichen Handlungsstränge filmt Hilla Medalia oft einfach drauflos und setzt die Schere mehrmals nicht an der richtigen Stelle an. Einige Szenen beendet sie abrupt, obwohl man gerne noch mehr erfahren hätte. Andere Szenen wirken überlang und ereignislos. Und auch der etwas überambitionierte Dulaine wirkt in einigen Szenen etwas seltsam und überdreht, was auch durch den eher überflüssigen Nebenaspekt um Dulaines nicht ganz ungefährlichen Besuch seines ehemaligen Wohnortes nicht abgemildert wird. Trotz aller Bemühungen bleibt "Dancing in Jaffa" oft recht beliebig und wirr in seiner Erzählstruktur.

Glücklicherweise gelingen Hilla Medalia aber auch viele erstaunliche (oder vielmehr erschreckende) und vor allem rührende Momente. Wenn man sieht, zu wie viel Leid und sinnlosen Vorurteilen das Festhalten an einer bestimmten Religion führt und wie sehr dieses eindimensionale Denken schon in kleinen Kinderköpfen verankert wird, kann man nur fassungslos den Kopf schütteln. Aber man kommt auch nicht umhin, sehr ge- und berührt zu sein, wenn man sieht, wie diese kleinen Menschen langsam auftauen, sich einlassen auf dieses für sie völlig neue Projekt, Spaß haben und bereit sind, ihre Vorurteile über Bord zu werfen und einfach Freunde zu sein. Und wenn man dann noch sieht, wie die depressive, einsame Noor am Ende tanzt, als gäbe es kein Morgen und mit ihrer neuen Freundin Lois lacht, kann man Dulaine nur beglückwünschen, dass er so stur an seinem Traum festgehalten und den vermeintlichen Kampf gegen Windmühlen ausgefochten und diesen Kindern damit mehr als ein Geschenk gemacht hat.

Obwohl inszenatorisch nicht perfekt und mit zu viel Willkür und Unstrukturiertheit behaftet, ist "Dancing in Jaffa" einen Blick wert. Denn so seltsam es hier manchmal auch zugehen mag, öffnet der Film einem doch die Augen über das Denken in dieser politisch und religiös schwer gebeutelten Region. Doch vor allem hält er viele kleine, wunderbare Momente bereit, die einem das Herz aufgehen lassen und einem einen Blick in lachende Kinderaugen gewähren. Wenn diese Kinder endlich einmal nur Kinder sein dürfen und nicht nur Araber, Juden oder Palästinenser, dann sieht man erst, wie viel Potenzial zur uneingeschränkten Menschlichkeit in ihnen steckt. Und dieses Verdienst muss man Dulaine und auch Medalia hoch anrechnen. Deshalb sehr gute drei von fünf Tänzen, die einfach getanzt werden sollten, egal, woran man glaubt.
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