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Rezension bezieht sich auf: Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert (Gebundene Ausgabe)
Bacher, Karl Dietrich, Zeit der Ideologien: eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1982.Rezension: Das Buch von Karl Dietrich Bracher 'Zeit der Ideologien: Eine Geschichte politischen Denkens im 20.Jahrhundert' ist wohl eines der beeindrucktesten Werke, das sich mit den Themen politisches Denken, politische Ideen und Ideologien auseinandersetzt. Doch so vielfältig politisches Denken ist, so mannigfaltig sind auch die Möglichkeiten eine wissenschaftliche Arbeit darüber zu schreiben. So versuchen zum Beispiel der deutsche Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller mit seinem Buch 'Contesting Democracy. Political Ideas in Twentieth-Century Europe' sowie der britische Historiker Mark Mazower in 'The dark Continent: Europe's twentieth Century' das politische Denken des 20. Jahrhunderts in einem Buch zu erfassen. Doch trotz der aktuelleren Perspektive, welche die nachfolgenden Autoren zu diesem Thema einnehmen, da Bracher sein Buch schon 1982 also noch vor Beendigung des 20. Jahrhunderts schrieb, bleibt das Buch ein Meilenstein der Geschichte des politischen Denkens im 20.Jahrhundert. Das liegt nicht nur daran, dass Bracher auf seinen 402 Seiten akribisch die Entwicklung und Verbreitung des politischen Denkens des 20. Jahrhunderts eurozentrisch und auch global darstellt, um das Ausmaß und die Verbreitung politischen Denkens näher zu beschreiben, sondern sich auch zeitlich in einem Rahmen von der Antike bis zur neuesten Geschichte bewegt, um Zusammenhänge und Entwicklungen politischen Denkens näher zu erläutern. So beobachtet Bracher eine Ideologisierung der Politik bei Alexander dem Großen, Cäsar und Augustus, wie sie später in weiterentwickelter Form in modernen Diktaturen zu finden sein wird. Nicht zuletzt bleibt Brachers Werk ein Teil wichtiger Geschichte, da er mit unglaublicher Genialität die Brüche des politischen Denkens, vor dem Hintergrund der Anfälligkeit für ideologische Heilslehren und der Krise des Fortschrittsgedanken im 20.Jahrhundert beschreibt. Der Titel verrät, dass Brachers Hauptaugenmerk auf dem 20. Jahrhundert liegt, und beginnt daher in der Einleitung des Buches mit einer Mahnung an die Gegenwart, die lautet, dass das 'Ende des ideologisierten Zeitalters' keineswegs ein baldiges Ende finden wird, sondern dass das Thema Ideologie und Ideologisierung aufgrund der Besonderheiten des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung bleibt. Aufgrund der zeitlichen Chronologie, der das Buch unterliegt, folgt auf die Einleitung das Kapitel 'Jahrhundertwende' in der Bracher die Einflüsse und Ideen ideologischen Denkens erläutert, die vor 1900 entstanden und das 20. Jahrhundert mitbestimmten . Er erläutert dabei vor allem die Entwicklungen der Sozialdemokratie und des Liberalismus. Doch Bracher geht weiter und umreißt weitere wichtige Entwicklungen in den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Er nennt die Nationalstaatsbildung in Europa, die Gedanken Nietzsches, Freuds und Max Webers, den Konflikt von Religion und Wissenschaft und noch einiges mehr, was zur Modernisierung des Denkens in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts führte. Doch für Bracher sind die Anfänge dieses Jahrhunderts auch ein Jahrhundert der Gegensätze und Doppeldeutigkeiten des Fortschritts und des politischen Denkens. Der Erste Weltkrieg beendete dann das erste Viertel des 20. Jahrhunderts, aus diesem die die Folgezeit bestimmenden ideologischen Strömungen wie zum Beispiel Faschismus und Kommunismus erstarkt hervorgingen, liberale Gedanken wurden dagegen geschwächt. In dem folgenden Kapitel 'Zwischenkriegsjahre' werden die Entwicklungen vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg angesprochen und erläutert. Eine dieser Entwicklungen ist die Totalisierung europäischer Staaten infolge der Kriegsniederlage und Kriegsenttäuschung. Für den Niedergang der Demokratien nennt er vor allem, dass es an herausragenden Persönlichkeiten mangelte, was zwar, wie er selbst sagt, eine Vereinfachung wäre, aber durchaus zutreffend ist. Dennoch sucht Bracher auch an anderen Stellen nach Gründen für den Fall der Demokratien in Europa und findet den 'Verrat der Intellektuellen', was heißt, dass die Intellektuellen einer Totalisierung nicht entgegenwirkten und oftmals totalitäre Regime legitimieren. In diesem Kapitel werden außerdem rechts- und linksextreme Ideologien ' Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus ' oft miteinander verglichen. Bracher benutzt solche Vergleiche, um diese Ideologien zu entlarven als das, was sie eigentlich sind, nämlich nichts anderes als ein totalitärer Staat mit totalitärem Machtanspruch, wobei es kein Unterschied macht, ob sie nun ein linkes oder rechtes Vorzeichen besitzen. Dieser Vergleich 'brauner' und 'roter' Ideologie ist der Leitfaden, der sich durch dieses Buch zieht. Selbst Demokratie muss sich als Staatsform mit dem Totalitarismus ideologisch geprägter Diktatur in diesem Kapitel vergleichen. Die von Bracher angesprochenen Entwicklungen münden in den Nationalsozialismus unter Hitler, den Kommunismus unter Stalin und der Krise des Zweiten Weltkrieges. Auf das Kapitel 'Zwischenkriegsjahre' folgt das Kapitel 'Gegenwart', das wohl aufgrund seiner Aktualität das Interessanteste sein dürfte. Auch in diesem Kapitel geht Bracher akribisch dem politischen Denken der Gesellschaft nach und analysiert zunächst, was nach der bisher größten Katastrophe der Menschheit geblieben ist und stellt fest, dass die totalitären Tendenzen keineswegs aufgrund der geschichtlichen Erfahrung ausgelöscht und Kommunismus, diktatorischer Nationalismus und Sozialismus in Afrika und Asien sogar auf dem Vormarsch zur gängigen Staatsform sind. Dennoch scheint in Westeuropa die Demokratie als gesichert, was Bracher mit der stabilen wirtschaftlichen Lage begründet. Den Grund für die zunehmende ideologische Totalisierung von Staaten vor allem in der Dritten Welt und jüngst in Lateinamerika sieht Bracher in dem Prozess des politischen Denkens selbst, der über eine totalitäre ideologisch geprägte Staatsform zu einer liberalen rechtstaatlichen Demokratie führt. Im resümierendem Schlussabsatz tritt Bracher dann wie zuvor in der Einleitung als großer Mahner auf und spricht von einer 'heftigen Re-Ideologisierung im internationalen Maßstab' und verweist auf Neolinke und Neorechte, die sich auf die radikalen Antriebskräfte der Ideologien des 19. Jahrhunderts stützen, da diese Ideen keineswegs ausgeschöpft und hinreichend wiederlegt wurden. Bracher schreibt logischerweise keine Ereignisgeschichte, sondern geht auf die Verflechtungen und Zusammenhänge politischen Denkens ein. Dabei weist Bracher oft auf die Gefahren politischen Denkens und Ideologien hin. Bei einem solchem Thema bleibt natürlich die Frage, inwieweit kann ein Autor in diesem Fall Bracher, der selbst Zeitzeuge der meisten Geschehnisse ist, die er in seinem Buch beschreibt, neutral bleiben und dem Grundsatz der Objektivität eines Historikers gerecht werden. Die Antwort ist schwer, denn einerseits beschreibt er in seinem Buch ein Bild von Gut und Böse mit der rechtstaatlichen liberalen Demokratie auf der einen und sämtlicher totalitärer Ideologien, die lediglich der Legitimation von Macht und dem Machtmissbrauch dienen, auf der anderen Seite. Sicherlich die Geschichte hat gezeigt, auf welcher Seite man bei dieser Frage zu stehen hat, dennoch sind meines Erachtens Worte wie 'Barbarei' in einer Wissenschaftlichen Arbeit fehl am Platz. Anderseits erteilt Bracher als heftiger Verfechter der freiheitlichen Demokratie den totalitären Regimen eine Absage, weist aber dennoch auf die Schwierigkeiten und Gefahren einer pluralistischen Herrschaftsform hin und relativiert in gewisser Weise die Unantastbarkeit der Demokratie, in dem er Churchills Worte zitiert ' ['] daß von allen unvollkommenen, ja schlechten Systemen der Politik das freiheitlich-demokratische noch das am wenigsten schlechte ist.' Schaut man sich Brachers bisherige Veröffentlichungen an, sieht man, dass sich Bracher schon früher mit ähnlichen Themen beschäftigt hat und daher diesbezüglich als eindeutiger Experte betitelt werden kann. Dies schlägt sich nicht nur in den hilfreichen und weiterführenden Fußnoten wieder, sondern auch in seiner Art zu schreiben. So nennt er nicht nur wichtige Fortschritte politischen Denkens, sondern auch die dazugehörigen Personen, wie Rousseau, Macchiavelli und Tocqueville und nennt so 'Ross und Reiter'. Doch, warum sollte man das Buch 'Zeit der Ideologien: Eine Geschichte des politischen Denkens im 20. Jahrhundert' im 21. Jahrhundert lesen? Ist Brachers Werk denn nicht aufgrund der jüngsten Ereignisse, wie zum Beispiel Mauerfall, Erweiterung der Europäischen Union auf ehemalige Ostblockländer und arabischer Frühling überholt ? Diese Frage muss man mit einem klaren Nein beantworten, denn wie die politischen Ideen des 19. Jahrhunderts, wie es Bracher beschreibt, Einfluss auf das 20. Jahrhundert nehmen, so beeinflussen die Ideen des 20. Jahrhunderts auch das folgende 21. Jahrhundert. Deshalb ist es wichtig das politische Denken des 20. Jahrhunderts zu verstehen, um potenzielle Gefahren für das folgende Jahrhundert zu erkennen und abzuwenden. Somit ist Bracher ein wohl zeitloses Werk gelungen, das den Fortschritt politischen Denkens hervorragend beschreibt und meiner Meinung nach lesenswert ist und auch gelesen werden muss. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen |
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Gebraucht & neu ab: EUR 2,86
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