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Kundenrezension

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Multidimensionaler Blick in die menschliche Existenz, 5. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Red Road (OmU) (DVD)
Auf dutzenden Monitoren sind Straßen, Häuserzeilen, Parkplätze, offen daliegende Flächen zu sehen. Menschen und Autos bewegen sich darin, können aus der Ferne oder per Zoom aus der Nähe betrachtet werden. Der Zuschauer befindet sich in einer Überwachungszentrale der Stadt Glasgow und schaut gemeinsam mit der weiblichen Hauptfigur, Jackie, die dort als Angestellte arbeitet, auf zahlreiche Monitore. Per Tatstatur kann sie zwischen den verschiedenen, über den ganzen Bezirk verteilten Kameras wechseln und mit dem Joystick dann das Bild vergrößern oder in einer Totale anschauen. Mehrere Kameras sind rund um das Hochhausviertel "Red Road" angebracht, wo viele sozial Benachteiligte und Arbeitslose wohnen. Hier entdeckt Jackie auch auf einem Monitor einen Mann, dessen Anblick sie sofort emotional aufwühlt. Der Betrachter erfährt durch einen Zeitungsausschnitt und ein Telefonat vorerst nur, dass diese Person ihrer Verurteilung gemäß noch im Gefängnis sitzen müsste. Zwischenzeitlich findet eine Hochzeitsfeier statt, Jackie trifft auf ihre Schwiegereltern, zwischen ihnen und ihr steht ein alter Konflikt. Das Privatleben von Jackie erscheint ansonsten recht trostlos, sie ist meistens allein und nun unternimmt sie Streifzüge in die heruntergekommene Gegend, in der sie die Entdeckung dieses Mannes gemacht hat. Sie will herausfinden, wo er lebt, was er macht und drängt sich immer mehr in seine Nähe. Sie ist voller Abscheu gegenüber ihm und fühlt sich zugleich magnetisch von ihm angezogen. Nur ganz langsam wird deutlich, dass sie eine Absicht verfolgt.

Das Spielfilmdebüt der britischen Filmemacherin Andrea Arnold widmet sich wie ihr Oscar-gekrönter Kurzfilm "Wasp" (Cinema 16 - World Short Films [2 DVDs]) der britischen Unterschicht, mit schwierigen sozialen Verhältnissen, sowohl im Leben der Erwachsenen als auch mit Problemen für das Aufwachsen der Kinder. Ging es im Kurzfilm "Wasp" noch um die Spannung aus Vernachlässigung der Kinder, Sehnsucht nach Anerkennung und überforderter Mutterliebe, so handelt "Red Road" von den Folgen existenziell erschütternder Ereignisse, es geht um Einsamkeit, Schuld, Wiedergutmachung, Strafe und Neuanfang. Genauso wie die vielen Monitore ganz unterschiedliche Perspektiven auf ein und dieselbe Wirklichkeit bieten, so ist auch die Filmerzählung meistens nur andeutend, Perspektiven und Stimmungen wechselnd, aber immer mit einer beweglichen Kamera ganz nah bei den Menschen. Lange Zeit wird weder klar, was die schweigsame Jackie mit ihrer Verfolgung des Mannes, der Clyde heißt, für Absichten verfolgt, noch ist über weite Strecken des Films bekannt, was denn dieser Clyde genau getan hat und wofür er im Gefängnis saß. Im Gegensatz zu vielen Mainstreamfilmen, in denen der Zuschauer für gewöhnlich etwas mehr weiß als die Figuren, ist es hier genau umgekehrt. Auch in ihrem Nachfolgefilm Fish Tank, der im gleichen Milieu spielt, allerdings ist die Protagonistin ein Teenager, arbeitet die Regisseurin mit einer fast dokumentarischen Kamera, vielen Andeutungen und beobachtet die Figuren, folgt ihnen, vieles bleibt nur angedeutet, oft entstehen Leerstellen. Zentral sind die Blicke, die dargebotene Wirklichkeit. Als Metapher dafür stehen die Überwachungsmonitore, die uns eine nie vollends in den Griff zu bekommende Vielfalt von Wirklichkeit zeigen, und die nicht erklären, wie diese Wirklichkeit zu verstehen ist, geschweige denn, dass die geschaute Realität sich ganz kontrollieren oder gar steuern ließe.

"Red Road", der 2006 in Cannes den Preis der Jury erhielt, ist ein Film mit sehr authentischer Milieuzeichnung, interessanten und lebensnahen Figuren und einer spannenden Geschichte über die Allgegenwart des Blickes (in Form von Überwachung) bei gleichzeitiger Einsamkeit, über Schuld und Versöhnung und die Suche nach Anerkennung und Geliebtwerden, über den Realismus des Lebens am Rande der Geselschaft und über die Poesie von Blicken, Gesten und Annäherungen. Aufgrund der ruhigen Erzählweise, der nur sehr langsamen Freilegung der Hintergründe der Geschichte und einem schwierigen Milieu ist das Ansehen des Films sicher nicht ganz leicht. Dafür wird man mit sehr guten Schauspielern, einer existenziellen Tiefe und einem formal wie inhaltlich besonderen Filmerlebnis entschädigt. Sehenswert!
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Martin Ostermann
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