Kundenrezension

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Dickens in absoluter Höchstform, 10. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Unser gemeinsamer Freund Band I. und II. (Gebundene Ausgabe)
Wer sich dieser Tage auf die Suche nach einer deutschen Ausgabe von "Unser gemeinsamer Freund" macht, kann sich nicht lange des Eindrucks erwehren, er müsse zum "Friedhof der vergessenen Bücher" nach Barcelona reisen, um noch ein Exemplar ergattern zu können. So gut wie nie findet man eine vollständige Übersetzung, oder beide Bände des Buches. Wie schade dieser Umstand ist, wird der Leser dieser Rezension hoffentlich am Ende diesen Worten entnehmen können.
Mich selbst nun brachte nur ein gerüttelt Maß an Geduld, Glück und Unvernuft in den Besitz der wunderbaren Werkausgabe von Rütten & Loening, die mit den originalen Illustrationen und einer sehr, sehr guten Übersetzung gesegnet ist.

"Unser gemeinsamer Freund" ist Dickens' letzter vollendeter Roman. Und was für ein Roman! Vielschichtig, mitreißend, spannend, geheimnisvoll, bezaubernd, rührend, beinahe auf jeder Seite überzeugend und so aktuell wie nur je. Mit einem Wort: Dieser Roman macht glücklich.

Es ist die verwobene Geschichte John Harmons, der aus der Ferne nach London reist, um hier eine ihm unbekannte Frau zu ehelichen. Der verstorbene Vater Johns hatte diese Partie eingefädelt und zur Bedingung für die Auszahlung einer stattlichen Erbschaft gemacht. Doch John kommt nicht in den Besitz des Vermögens; vielmehr kommt er nur noch in den Genuss, Objekt einer Leichenschau zu werden.
Das Vermögen erben stattdessen die Boffins, ein liebes altes Ehepaar, das dem über alle Maßen geizigen und hartherzigen Vater Harmon sein Leben lang treu gedient hatte. Die Boffins nun ziehen viele weitere handelnde Hauptfiguren auf sich: Mortimer Lightwood als beratenden Anwalt und dessen Freund Eugene Wrayburn (einer der hervorragendsten Charaktere Dickens', wie ich finde), Silas Wegg als Vorleser, Bella Wilfer, die designierte Mrs. Harmon, als Trostempfänger und Hätschelkind und nicht zuletzt den geheimnisvollen John Rokesmith, der sich Mr. Boffin als Sekretär anempfielt. Darum herum gruppiert Dickens noch etliche weitere Charaktere (insgesamt sind es beinahe 40!), und gibt ihnen den Anschein, nichts oder kaum etwas miteinander zu tun zu haben. Und am packenden, mit Eifersucht, Hass und Mord und Totschlag gewürzten, Finale sind sie doch alle miteinander verknüpft. Und der Leser ist um mannigfache Glücksmomente reicher.

Ich möchte gar nicht weiter auf den kunstfertig verwobenen, aber nie verworrenen, Plot eingehen. Ich möchte aber noch hinzufügen: Vieles hier ist nicht wie es scheint, auch die augenscheinlich offensichtlichen Täuschungsmanöver Dickens' sind viel gewiefter als mancher anfangs denken könnte.

Aber nicht nur aus diesem Grunde lohnt die Lektüre dieses Buches so sehr. Auch die Anspielungen auf die "feine Gesellschaft", die Dickens mit spitzer Feder seziert, sind eine Klasse für sich, ganz abgesehen von den erstaunlich aktuellen Ansichten des Unnachahmlichen über das Börsenwesen und die Spekulanten. Ich zitiere: "Der reife junge Herr ist ein Herr mit Vermögen. Er legt sein Vermögen an. Er geht unbelastet als Laie in die City, besucht Sitzungen von Direktoren und hat mit Aktienhandel zu tun. Wie den Klugen dieser Generation wohlbekannt ist, ist der Handel mit Aktien das einzige, womit man sich in dieser Welt zu befassen hat. Haben Sie keine Voraussetzungen, keinen festen Charakter, keine Bildung, keine Ideen, keine Manieren - haben Sie Aktien! Haben Sie genügend Aktien, um in großen Lettern in Börsenblättern zu stehen, pendeln Sie in undurchsichtigen Geschäftangelegenheiten zwischen London und Paris, und seien Sie groß! - Woher kommt er? Von der Börse. Wohin geht er? Zur Börse. Woran findet er gefallen? An Aktien. Hat er irgendwelche Grundsätze? Aktien. Was presst ihn ins Parlament hinein? Aktien. Vielleicht hatte er nirgends von sich aus Erfolg, brachte er nie etwas hervor, schaffte gar nichts! Ausreichende Antwort darauf: Aktien. Oh allmächtige Aktien! Um solche plärrenden Idealbilder so hoch zu stellen, und uns zu niederem Ungeziefer zu machen wie unter der Wirkung von Bilsenkraut oder Opium, um Tag und Nacht zu rufen: "Befreie uns von unserem Geld, zerstreue es für uns, kaufe und verkaufe uns, ruiniere uns, nur, wir flehen dich an, reihe dich bei den Mächten der Erde ein und mäste dich an uns!"
Der Titel des Romans bezieht sich denn auch vor allem auf das Geld als solches, denn jenes ist es, was alle handelnden Figuren miteinander verknüpft.

Überdies bleibt festzuhalten, dass Dickens nach seiner regelrecht antisemitischen Figur Fagin in Oliver Twist, mit dem Juden Mr. Riah einiges an Wiedergutmachung zuwege gebracht hat. Dennoch gibt es auch in diesem Roman wieder einige marginale Schwachpunkte: die allzu idealisierte Betty Higden oder die allzu kluge Analphabetin Lizze Hexam. Alles in allem aber ist "Our Mutual Friend" schlichtweg brillant, zumal sich auch Dickens' Frauenbild sehr zum Vorteil gewandelt hat: Eine dumme kleine Dora sucht man hier vergebens, stattdessen gibt es die überaus schillernde Persönlichkeit der kleinen, lahmen, aber ungebrochenen Puppenschneiderin Jenny Wren oder die sehr überraschende der Bella Wilfer. Überhaupt, diese Charaktere! Kaum je hat Dickens so eindrückliche MENSCHEN geschaffen, neben all seinen üblichen Käuzen und Spinnern. Und wie viel Leben in diesem Stück Fiktion steckt! Man meint, man kenne Lizzie Hexam und Eugene wie gute Freunde, rieche den stinkenden Hut Riderhoods und das staubige Knochenkabinett Mr. Venus', höre das Klopfen des Holzbeins Mr. Weggs und das gezierte Geschnattere Lady Tippins'. Ich wiederhole mich gern wenn ich schreibe: Mit einem Wort: Dieser Roman macht glücklich.

Um so tragischer, dass der antiquarische Weg wohl auf lange Sicht der einzige bleiben wird, an dieses wunderbare Buch heranzukommen: Die Klassikerverlage Winkler und Manesse jedenfalls haben mir per Email auf Anfrage mitgeteilt, dass sie für eine Neu-Veröffentlichung keine Chance sehen...
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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 11.05.2010 13:51:16 GMT+02:00
Lieber Daniel,

es hat sich wirklich gelohnt, auf diese Rezension so lange zu warten. Das Leseglück springt einem ja förmlich ins Auge!

Die Lebendigkeit der Figuren und die Geschicklichkeit des Autors eine spannende Geschichte zu erzählen, hast Du sehr schön gewürdigt.
Eine Figur hat mir allerdings bei Deiner Aufzählung gefehlt. Was denkst Du über Lehrer Bradley Headstone? Dickens beweist eine recht morbide Vorliebe für Szenen auf Friedhöfen und die Szene in OMF zwischen Headstone und Lizzie ist geradezu furchterregend. Headstone wird zunächst als ernsthafter, strebsamer Charakter vorgestellt, der es durch Ehrgeiz und Fleiß zu etwas gebracht hat. Die starke Neigung zu Lizzie Headstone offenbart jedoch, dass hinter der bürgerlichen Fassade dunkle Leidenschaften wüten, die der Schullehrer nur mühsam vor seiner Umwelt verbirgt. Nun lösen diese stets beherrschten Gefühle einen inneren Vulkan aus.
Headstone scheint das genaue Gegenbild zu Wrayburn zu sein und doch übt dieselbe Frau eine starke Anziehungskraft auf sie aus. Auch Eugene scheint es nicht auszuhalten, von Lizzie Hexam getrennt zu sein. Eine Verbindung zwischen den beiden ist ja offensichtlich nicht möglich, da die gesellschaftliche Kluft viel zu tief ist. Aber es ist schon erstaunlich, welche Energie der sonst so zynische und vom Leben gelangweilte Gentleman auf einmal aufbringt, nur um eine junge Frau wieder zu sehen, obwohl sich diese offensichtlich seiner Gegenwart entzogen hat. Man kann also von der Figur Lizzie Hexam halten was man will, aber sie bringt offensichtlich die unterschiedlichsten Männer dazu, ihre innersten Beweggründe offen zu legen.
Deine Einschätzung, dass der Titel auf das Geld anspielt, welches die Personen miteinander verbindet, kann ich nicht teilen. In einer anderen Rezension zum Film wurde einmal die Vermutung angestellt, dass mit dem gemeinsamen Freund der Fluss gemeint ist, weil er ebenfalls die Personen mit einander verbindet; ein Gedanke, der mir ebenfalls fremd war. Für mich war der Titel ein Fingerzeig Dickens auf die Lösung des erst so versteckten Rätsels in OMF. Das wäre doch ein überaus passender Einfall des Autors, der gerne so verschachtelt erzählt und doch am Ende alle Fäden miteinander verbindet, oder nicht? Leider hat er das bei Edwin Drood nicht getan.
Die Sache mit den Aktien erinnert mich übrigens stark an den Roman Nikolaus Nickleby (insel taschenbuch). Hast Du den auch gelesen? Der treuherzige Vater Nickleby verliert seinen Lebensmut, nach dem er bei einem Aktiengeschäft das ganze Geld verloren hat und stirbt an gebrochenen Herzen. Auch der skrupellose Bruder des Verstorbenen, Ralph Nickleby, muss erkennen, dass das Spiel mit dem Reichtum auch für den größten Spekulanten zu einer Falle werden kann...
Deine Begeisterung für Bella kann ich aus ganzem Herzen teilen. Die Familie Wilfer ist übrigens auch ganz lebendig gezeichnet. Der engelhafte Vater mit der furchterregenden Ehefrau hat mir immer etwas leid getan, aber dafür wird seine geliebte Bella zu dem Wesen, welches sein Herz mit unaussprechlichem Glück erfüllt.
Liebe Grüße
Tanja

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.05.2010 20:18:15 GMT+02:00
Auf die Frage der Titeldeutung, liebe Tanja, zitiere ich aus der OMF-Besprechung in der englischen Wikipedia, die mir unlängst über den Weg lief: "[Our Mutual Friend] centres on, in the words of critic J. Hillis Miller, "money, money, money, and what money can make of life" but is also about human values.

Und das bleibt für mich die einzig wahre Lesart. Denn wäre John etwa ein Freund von Lady Tippins oder Bradley Headstone? ;-)
Apropos: Der "Grabstein" (dt. für Headstone, wie Du zweifellos weißt) ist in der Tat in seiner abgrundtiefen Auslotung und der Konsequenz, mit der Dickens ihn bis zum Ende führt, beeindruckend. Aber er ist ein unangenehmer Typ, den ich verabscheut habe. Und daher werde ich mir kein Kopfkissen mit seinem Namen besticken. ;-D Er wird also, obwohl er eine klasse Figur ist, überdies sehr plastisch (!), nicht das bleiben, was mir zu OMF obenauf liegen bleiben wird. Morgen mehr.

Einen schönen Abend!
Daniel

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.05.2010 19:52:27 GMT+02:00
Hallo IronCrane, und hallo Tanja,

eine großartig geschriebene Rezension, vor allem weil sie so viel Liebe zur Literatur zum Ausdruck bringt. Das Glücksgefühl, das man beim Lesen eines tadellos gelungenen Romans - vor allem beim lauten Lesen sprachlich überragender Passagen - empfindet, ist mir nur allzu gut bekannt.

Bradley Headstone ist für mich eine der gelungensten Gestalten dieses Werkes, nicht etwa weil ich ihn mag - verabscheut habe ich ihn allerdings auch nicht -, sondern weil er für mich die personifizierte Verzweiflung ist. Er hat hart gearbeitet und viele Entbehrungen auf sich genommen, um seine in der von Klassendünkel geprägten viktorianischen Gesellschaft geringen Chancen wahrzunehmen, etwas aus seinem Leben zu machen. Dabei hat er stets sein impulsives Naturell verleugnet und wähnte es am Ende schon besiegt, bis ihm - die dem Autor etwas holzschnittartig geratene - Lizzie Hexam über den Weg lief. Es ist geradezu herzzerreißend, wie er vergeblich um sie wirbt, wie seine mühsam im Zaum gehaltene Leidenschaft nachgerade abstoßend auf Lizzie wirkt, und wie dann die zerstörerischen Kräfte in seiner Seele Oberhand über ihn gewinnen. Hier ist Dickens Großes gelungen! Übrigens auch in der Darstellung von Wrayburn und Lightwood.

Über andere Charaktere, wie Betty Higden, habe ich in meiner Rez schon Kritik geäußert, wenngleich ich im nachhinein Tanjas Erklärungsversuche ziemlich einleuchtend finde. Mein Lieblingscharakter wird allerdings immer der mit so unerschöpflicher Phantasie begabte Schurke Silas Wegg - schon allein der Name! - bleiben; allein seine Schimpfworte "worm of the hour" und "minion of fortune" würde ich mir aufs Kopfkissen sticken.

Die Lesart, der Titel weise auf das Geld hin, finde ich sehr gut nachvollziehbar, auch wenn ich eher der Flußtheorie anhänge. Geld und seine zerstörerische Kraft spielt in Dickens' Romanen allerdings immer eine Hauptrolle.

Welcher Dickens steht denn als nächster auf Deiner Leseliste?

Liebe Grüße, Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.05.2010 22:15:26 GMT+02:00
Hi Tristram,

ich stimme Dir mit Bradley Headstone voll zu. Verabscheut war zuviel gesagt, abgestoßen wäre treffender gewesen. Von diesem Strebertum, diesem übermäßigen, allein in der Szene, als Eugene ihn auflaufen lässt. Sehr unangenehmer Typ. Ein Opfer, aber keines, mit dem ich Mitgefühl haben konnte... Sehr selten. Aber damit in der Tat überaus echt und lebensvoll.

Derzeit lese ich Wilkies "Monddiamanten" und bin bis jetzt sehr glücklich damit. Anschließend kommt (hoffentlich bekomme ich bis dahin meine antiquarische Wunschausgabe) Bleak House. Und das alles, um dann Dan Simmons' Drood zu lesen. Ihr seid mir da ein paar Klassiker voraus gewesen... ;-)

Ansonsten danke ich für Deine netten Worte! ;-)

Was lest Ihr gerade? (Immer wieder eine schöne Frage bei Gleichgesinnten, nicht?)

Liebe Grüße
Daniel

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.05.2010 12:16:20 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.05.2010 12:35:51 GMT+02:00
Lieber Daniel,

Headstone ist tatsächlich eine sehr plastische Gestalt. Vom Charakter her würde ich fast vermuten, dass er entgegen gebrachte Gefühle wie Mitgefühl und Mitleid eher ablehnen würde. So betrachtet, brauchen wir natürlich keine edlen Gefühle an diesen Verzweifelten zu verschwenden ;-))

Silas Wegg ist natürlich ein Original. Ich erinnere mich gern an die Szene in der BBC-Serie, als er von unermesslichen Reichtum auf der Müllhalde träumt und mit seinem Holzbein einen irren Tanz aufführt. Wirklich sehr bemerkenswert.

Nach OMF ist der Monddiamant natürlich auch chronologisch gesehen, eine super Idee. Nach DROOD habe ich auch gleich nach dem Diamanten gegriffen und die Lektüre sehr genossen. Ich denke, auch ohne Bleak House, wäre Deine Vorbereitung auf Drood schon okay. Mit Bleak House habe ich mich nämlich etwas schwer getan. Vielleicht ist es ähnlich wie mit der vollständigen Ausgabe von OMF. Es kommen schon verflixt viele Leute vor, die man im Leserhirn erst einmal sortieren und einordnen muss. Außerdem mochte ich hier die Erzählerin Esther nicht besonders. Gelesen habe ich übrigens Ausgabe. Ist zwar nicht so besonders schön, aber der Inhalt ist ziemlich gut wiedergegeben.

Eben habe ich persönlich die Klassikerecke verlassen und lese gerade den Wälzer "Der Zorn der Wölfe: Roman". Eine ganz fremde Welt, aber sehr eindringlich und gut beschrieben. Na, die ersten 300 Seiten habe ich jetzt schon hinter mir, mal sehen, was nun noch aus dem kleinen Wolf wird, den der Held der Geschichte aufziehen möchte.

Liebe Grüße
Tanja

Nachtrag: Die OMF-Anspielung auf das "liebe Geld" hat mich übrigens an den "Money Song" aus Cabaret erinnert, vor allem an die Textzeile "Money makes the world go round"...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.05.2010 15:35:25 GMT+02:00
Hallo Daniel,

genau wie Tanja würde ich sagen, daß Du Bleak House nicht unbedingt brauchst, um "Drood" verstehen zu können. Aber, anders als Tanja, würde ich Dir das Buch schon ans Herz legen, weil es in weiten Teilen mindestens ebenso satirisch ist wie OMF und auch eine ziemlich verwickelte Geschichte sowie unvergeßliche Charaktere bietet. Tanja hat schon recht, die Esther ist ein wenig trutschig, aber glücklicherweise auch so blaß, daß wir sie kaum bemerken. Aber Du darfst Dir auf keinen Fall den dämonischen Mr. Tulkinghorn, den eingebildeten Sir Leicester oder den knochenharten Mr. Bucket entgehen lassen.

Ich lese gerade "The Terror" von Dan Simmons und bin momentan wirklich sehr gefesselt von diesem Buch.

Ach, noch etwas zur Vorhersehbarkeit bei Dickens. Meinen Eindruck, Dickens traue seinen Lesern im allgemeinen wenig zu und erkläre zu viel, möchte ich immer noch aufrechterhalten, auch wenn in OMF die Identität Mr. Rokesmiths sicher nie als Geheimnis gedacht war. Diese Explizität hat sicher auch etwas mit der bei den Viktorianern so beliebten Erzählperspektive des allwissenden Erzählers zu tun, der eigentlich gar nicht anders kann als stets die Wahrheit zu sagen. - Aber selbst in Great Expectations wird vom Icherzähler Pip so sehr auf Miss Havisham als potentieller Wohltäterin herumgeritten, daß auch der trägste Leser sich sicherlich denken wird, daß das Geld von jemand anderem stammen müsse. Und der Sträfling mit der Feile, der kurz vor Ende des ersten Drittels auftaucht, lenkt den Verdacht dann ganz klar in Richtung Magwitchs.

Dir und Tanja wünsche ich ein tolles Wochenende,

Tristram
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