Kundenrezension

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3.0 von 5 Sternen Noch einmal der Moderne nachgeschaut, 25. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Alles, was ist: Roman (Gebundene Ausgabe)
Von der Kritik hochgelobt (wie man unschwer an den oben dargereichten Pressemeldungen ersehen kann), legte James Salter im vergangenen Jahr diesen Roman vor, sein erster nach Dekaden. Erzählt wird der Lebensweg von Philip Bowman, der in jungen Jahren den Zweiten Weltkrieg auf einem Schiff im Pazifik erlebt, dabei sowohl Opfer feindlicher Angriffe wird, als auch Beteiligter an der Eroberung Okinawas ist. Zurückgekehrt nach New York City, der Stadt, der er verfallen ist, findet er beruflichen Erfolg als Lektor in einem Verlag, wo er für Belletristik und Lyrik verantwortlich zeichnet. Bowman heiratet in jungen Jahren eine Schönheit aus den Südstaaten, die Ehe ist nicht von langer Dauer, er driftet in den der Scheidung folgenden Jahrzehnten durch diverse Liebschaften, die sein Leben sehr stark bestimmen, lange Zeit ist er liiert mit einer Engländerin, eine andere Frau, für die er sich zeitweilig wirklich zu entscheiden scheint, hintergeht ihn auf fürchterliche Weise, erst spät im Leben - wie er findet, zu spät - trifft er in einer alten Bekannten vielleicht die Liebe im Leben, die es ihm erlaubt, gemeinsam alt zu werden. Bowman hat beruflichen Erfolg, der im Grunde nie gefährdet ist, er wird Teil des intellektuellen New Yorks der 50er und 60er Jahre, erlebt die Zeiten der Liberation in den 60ern, nimmt lau Stellung gegen den Vietnamkrieg und kommentiert seine Zeitläufte eher distanziert. Und schließlich, wir schreiben mittlerweile die 80er Jahre, entschwindet uns ein gealterter Bowman in seine letzten Jahre hinein.

Salter erzählt diese Innensicht der Ostküstenintelligenzija mit der Ruhe, der Milde und dem Gleichmut des Alters. Selbst Jahrgang 1923 - passionierter New Yorker, Flieger bei der U.S. Air Force, später freier Schriftsteller und mitten drin im beschriebenen Milieu - gehört Salter einer Generation an, die früh im Leben damit konfrontiert war, für "höhere Ziele" sterben zu können, die viele Freunde und Kameraden hat sterben sehen und möglicherweise - man kann das auch anderen Werken und Romanen seiner Zeitgenossen entnehmen - dadurch auch stark distanzierend geprägt wurde fürs Leben. Wer mit nicht mal 20 den Tod gesehen, geschmeckt und gerochen hat, wird im zivilen Leben danach wahrscheinlich nicht mehr viel Bedrohliches erleben. Zudem wartete auf die Überlebenden dieser Generation ein Amerika des Aufbruchs und der Prosperität. Die Leichtigkeit, mit der nahezu jeder in Bowmans Umfeld seinen beruflichen Weg geht (und dadurch den liberalen gesellschaftlichen Veränderungen des Privatlebens umso besser nachspüren kann), kontrastiert nur gelegentlich mit den Schicksalsschlägen und privaten Tragödien, die Salter geschickt in Nebenhandlungen einflicht, die manchmal unergründlich präsentiert, verfolgt, wieder fallen gelassen und gleichmütig vom Leser aufgenommen werden. Da kann ein Kapitel schon mal mit einem langen Absatz über irgendeinen der Handlung vollkommen abholden New Yorker beginnen, bevor die eigentliche Erzählung wieder aufgenommen wird. Lediglich das Leben von Bowmans Freund und Kollegen Eddins wird in der Fürchterlichkeit seines Schicksals - er verliert früh Frau und Tochter bei einem Unfall - zwar weniger intensiv als das des Helden des Romans, doch kontinuierlich und im dauernden Kontrast zu Bowmans scheinbar so glücklichem Leben verfolgt.

Bowman - der Name: der Bogenmann/Schütze, ist Programm in mehrerlei Hinsicht - steht für eine von Salter vielleicht als typisch für seine Zeit empfundene Figur: Er will voran im Leben, er hat gedient, er weiß, daß er ein guter Soldat war (und das Eingangskapitel sei hier gesondert erwähnt, erinnert es doch einerseits in seiner schrifstellerischen Klasse an viele große Romane über den 2. Weltkrieg, ganz besonders an Mailers "Die Nackten und die Toten", definiert aber zugleich den Ton des gesamten Romans, denn nur vor dieser Blaupause kann man die scheinbare Leichtigkeit, mit der Bowman durchs Leben geht, verstehen) und leitet daraus ab, daß das Leben ihm etwas schuldig ist. Und das nimmt er sich. Er ist gespannt (wie ein Bogen) auf das Leben, er ist aber in seiner Spannung auch bereit, alles nötige zu tun, um aufzusteigen und in vollen Zügen zu genießen, was ihm geboten wird.

Zugleich ist Bowman - als Metapher gelesen - eben auch wie ein Pfeil, der die zweite Hälfte des "amerikanischen Jahrhunderts" durchmisst, umspannt, verkörpert. Ein Amerika des steten Aufschwungs, wirtschaftlicher, technischer und zumindest bis in die 60er Jahre hinein auch kultureller Erfolge, wird hier noch einmal beschworen und so, wie Salter es beschreibt - eben aus dem Rückblick des Alters, der Milde dessen, der überlebt und vor allem GElebt hat - ist es wahrlich ein Amerika, dem man nachtrauern möchte. Ein verheißungsvolles Amerika ist das gewesen, ein Amerika, das sich einer gewissen Unschuld hat rühmen können (trotz Hiroshima, was allerdings schon sehr düstere Schatten dessen vorauswarf, was kommen sollte und erstaunlicherweise als Ereignis im Roman keine Erwähnung, also auch kein Echo findet), ein Amerika, das schließlich das Lügen lernen musste und dann lernen musste, die Lüge zu glauben, um weiterleben zu können. Allerdings findet dieses ebenso be-, wie ver- und gelogene Amerika im Roman nicht statt.

Es ist dies auch die Kritik, die am Roman zu üben wäre: Sicherlich ein wunderbares Werk über den Literaturbetrieb in einem wundervollen NYC, wo man in kleinen italienischen Restaurants an der Upper West Side isst, während der Maestro neapolitanischen Belcanto zum Besten gibt; wo man sich des Sonntags früh an der 42. Straße bei einer koscheren Bäckerei einfindet um herrliches Gebäck für den Nachmittagskaffee zu kaufen; ein NYC, wo man billig im Village leben und ohne Weiteres die Geistesgrößen seiner Zeit beim Verweilen auf dem Washington Square antreffen kann; ein New York, das an Saul Bellow erinnert, manchmal an den spätergeborenen Paul Auster, eines, in dem Woody Allen immer mal um die backsteinrote Ecke zu lugen scheint - aber eben auch ein New York, in dem es keine Gewalt gibt, keinen Rassismus, wenig Antisemitismus, kaum öffentliche Probleme. Und das spiegelt sich in den privaten Schicksalen der meisten hier Beschriebenen: Bowman wird übel abgezockt von einer Frau, wir erkennen bei ihm aber kaum tiefergehenden Schmerz, lediglich eine Jahre danach stattfindende Reise, bei der er die Tochter seiner früheren Freundin verführt, deutet seinen tiefsitzenden Schmerz an, wobei auch da unklar bleibt, ob es Schmerz ist oder ein Gefühl für "ausgleichende Gerechtigkeit". Da Salter in großen Zeiträumen und dadurch auch mit gewaltigen Zeitsprüngen erzählt, bleiben oft emotionale Reaktionen im Vagen oder werden gar nicht beschrieben, und wir finden ihn trotz der Ereignisse um gerade diese Verführung der Tochter Jahre später auf ihrer Hochzeit. Ein weiteres Beispiel ist Eddins, Bowmans Kollege, dessen Verlust seiner Familie uns zwar in einem eindringlichen Kapitel beschrieben wird, danach aber tritt uns derselbe Eddins eben nur noch als Mann entgegen, der gezeichnet wird wie einer, der eben aufgrund seines Verlusts beruflich vollkommen in seinem Erfolg aufgeht und spät im Leben doch noch einmal eine Liebe findet. Alles im grünen Bereich...

Zwei Beispiele dafür, wie sich in diesem Roman auch psychologisch nahezu alles von selbst zu erklären scheint. Aus der Rücksicht des Alters mag das so sein, da mag alles nahezu perfekt erscheinen und folgerichtig. Doch nimmt das natürlich, ganz profan, Spannung aus dem Ganzen, und zum zweiten glaubt man diese folgerichtigen Leben nicht so wirklich. Etwas zu leicht, zu geschlossen, zu homogen wirkt das. James Salter berichtet aus einer von heute aus gesehen längst vergangenen Zeit, der Moderne, die nach fürchterlichen Katastrophen Verheißungen bot, technische, künstlerische, wirtschaftliche und sowieso gesellschaftliche. Es war wohl eine gute Zeit, um darin aufzuwachsen und vor allem, darin jung zu sein. Sie ist vorbei, was schade, aber wahrscheinlich ebenfalls folgerichtig ist.

In einem Stil, der sich an dem der modernen Klassiker der amerikanischen Moderne wie Stegner, Williams, Yates oder Roth orientiert, erzählt James Salter uns Nachgeborenen davon, wie das 20. Jahrhundert seine Prägungen erhielt und wie es prägte - die Menschen, die Zeit, die Geschichte. Ohne Wehmut und weitestgehend ohne Sentiment wird dieses Panorama vor uns ausgebreitet und wirkt auch wie die Selbstversicherung von einem, der das alles erlebt hat, daß es wirklich so gewesen sein könnte. Still alive....

Dafür an dieser Stelle gute 3 Sterne (3,5).
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