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Kundenrezension

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Furtwänglers Tristan - Eine Aufnahme für die Ewigkeit, 19. April 2009
Rezension bezieht sich auf: Wagner - Tristan und Isolde (GA) (Audio CD)
Musikalisch wie dramatisch stellt "Tristan und Isolde" einen Wendepunkt in der Musikgeschichte dar. Geplant war ein Werk, das keiner Bühne größere Aufführungsschwierigkeiten bereiten und dessen Thema, die Liebe, aller Völkern der Erde gleichermaßen verständlich sein sollte. Wie so oft bei Wagner kam es anders.
Unter dem Eindruck der Liebe zu Mathilde Wesendonck, die, wohl auch durch den Reiz des Verbotenen gestärkt, außerordentlich tief gewesen sein muß, gestaltete Wagner den hochmittelalterlichen Ritterroman des Gottfried von Straßburg auf ureigene Weise. Der Liebestrank löst bei ihm nicht die Liebe zwischen Tristan und Isolde aus, vielmehr setzt er lange unterdrückte Gefühle frei. An die Stelle einer quasi unter Zwang entstandenen Liebe tritt eine Leidenschaft, deren höchste Erfüllung nur noch im völligen ineinander Aufgehen, in der Auflösung ins Nichts, im Tod gefunden werden kann.
Zu diesem für die Zeit unerhörten Thema schrieb Wagner eine Musik, die alle damaligen Konventionen überschritt. Mit Ausnahme des langen Duettes im zweiten Akt und dem Liebestod der Isolde hat die Musik über die ganze Dauer des Werkes keinen Ruhepunkt, befindet sich in ununterbrochener Bewegung und stellt plastisch die innere Aufwühlung der handelnden Personen dar. Die Musik stößt ins Seelische vor, läßt Träume und Sehnsüchte aufblühen, negiert die "reale" Existenz. Sehr lange Zeit schreckte jedes Theater vor der unmöglich scheinenden Aufführung des Werkes zurück.
Als diese Aufnahme entstand, führte der "Tristan" allerdings bereits seit beinahe 90 Jahren ein lebendiges Bühnendasein. 1952 sah Wilhelm Furtwängler endlich "den Augenblick gekommen, in dem man Schallplatten machen kann." Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er es als unmöglich erachtet, sein musikalisches und zeitliches Empfinden mit den Gegebenheiten einer unorganischen technischen Aufzeichnung in Einklang zu bringen. Der legendäre Produzent Walter Legge schaffte es, den Dirigenten mittels neuester Aufnahmetechnik zu überzeugen, womit diese einzigartige Einspielung zu einem Großteil auf sein Konto geht.
Allein schon das berühmte Vorspiel rechtfertigt die Anschaffung . Natürlich gibt es mittlerweile technisch perfektere Versionen, aber was die musikalische Auslotung betrifft, gelingt allein Carlos Kleiber eine ähnlich erhebende und erschütternde Interpretation. Und Kleiber hatte bei weitem nicht so gute Sänger.
An erster Stelle ist da Kirsten Flagstad zu nennen. Diese war zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits 57 Jahre alt, ist somit natürlich keine jugendlich-leidenschaftliche, sondern eine an mehreren Stellen geradezu weise Isolde. Daß sie nicht mehr auf dem Höhepunkt ihrer stimmlichen Leistungsfähuigkeit ist, bemerkt man nur im ersten Akt, wenn ausschließlich die beiden Frauen zu hören sind. Hier ist die einzige Schwachstelle dieser Aufnahme, da auch Blanche Thebom als Brangäne etwas überfordert ist und das Orchester teilweise überlaut spielt, was sehr zu Lasten der Textverständlichkeit geht. Mit der Liebestrank-Szene erreicht die Einspielung jedoch Weltniveau. Das lange, spannungsvolle Schweigen des Liebespaares, spärlich und doch unglaublich intensiv untermalt, die ausbrechende Leidenschaft im Kontrast mit dem Jubelgesang der Schiffsleute, der geradezu überirdische zweite Akt mit dem wohl längsten Duett der Operngeschichte, schließlich der Liebestod - eine rundere Darstellung der Isolde ist für mich nicht vorstellbar.
Auch Ludwig Suthaus war 1952 nicht mehr der Allerfrischeste. Er ist alles andere als ein jugendlicher Held, vielmehr verströmt seine Darstellung vom ersten Augenblick an eine tiefe Melancholie, die sich nach der Leerung des "bittern Kelches" in größte Leidenschaft und Todessehnsucht wandelt. Seine stärksten Momente hat auch er im zweiten Akt, sowie in den gewaltigen Ausbrüchen des todwunden Helden im dritten Akt. Anders als sehr viele seiner Vorgänger und Nachfolger in der Rolle bewältigt er diese Passagen von höchster Schwierigkeit durchgehend singend, verfällt nie in Gebrüll oder Sprechgesang. Für mich ist er insgesamt der Überzeugendste von allen Tristan-Darstellern.
Von den Nebenrollen sticht vor allem Dietrich Fischer-Dieskau hervor. Er stand damals noch ziemlich am Anfang seiner großen Karriere und singt den Kurwenal als jungen Kämpfer von einfachem Gemüt ohne intellektuelle Verbrämung, ist noch meilenweit entfernt von Mätzchen späterer Zeiten und der traurigen zweiten Einspielung dieser Rolle unter Carlos Kleiber.
Josef Greindl ist zwar nicht der ideale König Marke, da stehen Martti Talvela, Kurt Moll und Gottlob Frick vor ihm, doch vermag er mit seiner etwas brüchigen, rauhen Stimme die Enttäuschung und die Trauer des betrogenen Königs sehr überzeugend darzustellen.
Nicht ganz glücklich bin ich mit der Brangäne von Blanche Thebom. An einigen Stellen kämpft sie stark mit der Sprache, ist im ersten Akt hörbar überfordert und gerät zeitweise ins Schreien. Sie steigert sich jedoch im zweiten Akt enorm, ihr Gesang vom Turm herab gehört zu den schönsten Stellen dieser Aufnahme.
Abgerundet wird das Ensemble von Rudolf Schock als junger Seemann und Hirt, der diesen kleinen Rollen ein lyrisches Eigenleben zu verleihen mag.
Dies ist nicht die ideale Tristan-Aufnahme, die gibt es nicht und wird es wahrscheinlich niemals geben. Doch kommt sie in ihrer Gesamtheit der Idealvorstellung dieser Mutter aller Liebesdramen ziemlich nahe.
Sie sollte in keiner Klassiksammlung fehlen, es sei denn natürlich, man mag keinen Wagner.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 18.02.2013 16:58:29 GMT+01:00
hartmutw meint:
Danke für die Anmerkungen zum Klang. Wissen Sie zufällig, ob dieses Re-mastering von 2001 der Version von 1986 deutlich überlegen ist? Letztere befindet sich nämlich bereits in meinem Besitz und ich würde nur bei deutlichen Verbesserungen zugreifen.
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