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4.0 von 5 Sternen Umfassende Analyse von 500 Jahren brasilianischer Geschichte, 24. April 2001
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Brasilien: Die Unordnung der Peripherie: Von der Sklavenhaltergesellschaft zur Diktatur des Geldes (Taschenbuch)
Dem größten Land Lateinamerikas widmet der Wiener Ökonom Andreas Novy seine Untersuchung „Brasilien: Die Un-Ordnung der Peripherie". Hier geht es nicht primär um die Transformation der letzten zwei Jahrzehnte (obwohl auch die eine prominente Rolle spielt), sondern um die Kontinuität der Unordnung von „der Sklavenhaltergesellschaft zur Diktatur des Geldes". Novy zeigt, dass die chronischen Probleme Brasiliens und seiner Bevölkerung nicht einfach einem Chaos entspringen, das durch wohlmeinende und gezielte politische Intervention zu beheben wäre, sondern Ergebnis einer der Peripherie entsprechenden Ordnung sind - die sich für die meisten Menschen allerdings als Un-Ordnung gestaltet. Zum anderen will Novy den Handlungsspielraum für Veränderung, der trotz und in diesen Strukturen besteht, ausloten. Zu diesem Zweck beginnt Novy seine Untersuchung mit einer theoretischen Auseinandersetzung mit Macht und Raum. Dabei geht es ihm vor allem darum zu zeigen, dass Macht nicht einfach in einem bestimmten Territorium (z.B. im Nationalstaat Brasilien) von oben herab auszuüben ist (und Veränderung also nicht automatisch auf die Übernahme der Regierung folgt). Vielmehr wird Macht mit Foucault als strukturelle Kraft definiert, die in und über Räume(n) herrscht, die Räume schafft, verändert, zerstört, und zwar relativ unabhängig von den „sie besitzenden" Personen. Dadurch bekommt Räumlichkeit eine historische Dimension, was insbesondere den heute oftmals als unabänderliche Einheit gesehenen Nationalstaat relativiert: „Vor 200 Jahren gab es keine Nationen; heute gibt es keine Räume mehr, die zu keinem Nationalstaat gehören". Mit der historischen verbindet Novy eine globale Perspektive. Es ist ein Verdienst des Buches, dass es die Widersprüchlichkeit zwischen der Nation als Territorium und internem Machtsystem einerseits und ihrer Einbindung in den globalen, von den Zentren aus dominierten Kapitalismus andererseits aufzeigt, wodurch die Grenzen der Gestaltbarkeit in Brasilien deutlich werden. Wird im Theorieteil also die Notwendigkeit globaler und historischer Analyse überzeugend argumentiert, so wird dennoch nicht wirklich klar, warum dafür ein neuer Begriff - nämlich Raum-Macht - eingeführt werden muss. In zahlreichen Passagen der empirischen Untersuchung kann der Begriff weggelassen oder durch bekannte andere ersetzt werden, ohne dass dadurch eine Abschwächung oder gar Entstellung der Argumente zu befürchten wäre, weil Novy ohnehin datenreich und durchaus einleuchtend zeigt, wie sehr die historisch gewachsenen Strukturen (der äußeren Abhängigkeit und der inneren Deformation) die Gegenwart und das Handeln in ihr prägen. Auch ist das innovative Potential des verwendeten „Denkrahmens" nicht so groß, weil manches, das Novy entwirft, so neu nicht ist. Dass Staat und Kapital keine gegensätzlichen Kräfte sind, sondern einander ergänzende Momente, die allerdings auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen agieren, ist beispielsweise ein Kernpunkt der Weltsystemanalysen von Wallerstein und anderen. Auch überrascht es, dass Braudel in Novy's theoretischer Konzeption von Raum und Zeit keinerlei Beachtung findet, obwohl dessen Arbeiten doch zahlreiche hilfreiche Instrumente zur Erfassung der räumlich wie zeitlich ungleichen und ungleichzeitigen Entwicklung des Kapitalismus liefert. Die Transformation der letzten zwei Jahrzehnte werden in mehreren Abschnitten analysiert, die sich der wirtschaftlichen Tiefenstruktur und der „nationalen Bühne der Macht" auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen widmen. Detailreich zeichnet Novy die Zerstörung der „nationalstaatszentrierten Entwicklungsweise" und die erneute / verstärkte Durchsetzung der Vorherrschaft der USA nach, wobei insbesondere die Parallelität der Entwicklung in Brasilien und anderen lateinamerikanischen Ländern auffällt. Von der Krise der Importsubstitution über die politische Aufbruchstimmung in den späten 1980er Jahren (die bald schon einer Desillusionierung und der gesellschaftlichen Hegemonie des neoliberalen Projektes weichen sollte) bis zu den Prozessen räumlicher und sozialer Fragmentierung und Desintegration im letzten Jahrzehnt macht Novy begreifbar, dass das, was er treffend „Zerstörung à la Pinochet, aber ohne Pinochet" nennt, tatsächlich das Ergebnis von Machtverhältnissen ist, deren räumliche und zeitliche Dimensionen weit über Brasilien im ausgehenden 20. Jahrhundert hinausgehen. Die Stärke des Buches liegt sicherlich in der umfassenden Herangehensweise. Politik und Ökonomie, Geschichte und Geographie, Struktur und Handelnde, Theorie und Empirie werden zu einem klaren Porträt der brasilianischen Wirklichkeit verknüpft. Als besonders positiv ist in diesem Zusammenhang auch zu erwähnen, dass der umfangreiche tabellarische Anhang nicht nur um Aktualität bemüht ist, sondern auch historische Daten anführt, die Vergleiche im historischen Längsschnitt ermöglichen.
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