Kundenrezension

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Männermordende Amazonen, Kaffeeklatsch und ein sozialistisches Experiment, 1. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Cranford (Penguin Classics) (Taschenbuch)
Kann sich noch jemand an die Zeiten erinnern als Frauen noch echte Kerle, kurz Amazonen waren? Ja genau, Amazonen, diese kriegerischen Weibsen, die sogar in den Krieg zogen, um der Hausarbeit zu entgehen, sich teilsentbrüstet in unterbelichtete Achäer verknallten und es mit dieser wenig ladyliken Lebensweise schandbarerweise vermochten, einen Schatten bis ins 19. Jahrhundert zu werfen. Genau zu diesem Zeitpunkt entdeckte eine ausgesprochen fähige Schriftstellerin namens Elizabeth Gaskell, dass die geschätzten Brachialsitten obig erwähnter Kampfweibsen nicht nur allgemein bekannt sind, sondern in ihrer Essenz auch noch in dieser ihrer Zeit bestehen und dem Zeitpunkte harren, erneut im Lichte von Sagen und Geschichten erhellt zu werden.

Dies führt uns Mitte des 19.Jh. nach Cranford, einer kleinen ländlichen Stadt im schönen England, die von einer Meute älterer Vett...äh.. Damen regiert wird, die entweder nie geheiratet oder in echt antiker Manier ihre Männer vorher unter die Erde gebracht haben. Inmitten des dazumal herrschenden viktorianischen Zeitalters herrscht selbstredend ein fest zementierter Standesdünkel, womit ich schon bei dem ebenso beherrschenden wie totgeschwiegenen Problem der werten Damen ankomme: Stolz ist ja da, en masse sogar, nur mit dem blauen Blut und dem güldenen Gelde hapert es. Doch das ficht echte Matronen nicht an, die sich als provinzieller Landadel eigener Art begreifen. Mittels eines engmaschigen Netzes stählerner Konventionen und eiserner Benimmregeln dirigieren sie das städtische Geschehen, untereinander sind sie im besten sozialistischen Geiste gleich bis gleicher, Männer sind sowieso überflüssig bis unerwünscht und all das was den kollektiven Seelenfrieden stört, wird als vulgär oder unziemlich unter den Teppich gekehrt. Schließlich beginnt das Buch nicht umsonst mit der erlesenen Zeile: "In first Cranford is in the possession of the amazons...". Noch Fragen?

In 15 nur lose zusammenhängenden Kurzgeschichten erzählt Elizabeth Gaskell die alltäglichen "Abenteuer" der Cranforder Flintenweiber. Als Ausgangspunkt nutzt sie Perspektive des erzählenden "Ich's" in Form einer jungen Dame, die regelmäßig Cranford besucht und ihre sehr eigenen Beobachtungen und Ansichten zum Geschehen hat. Dabei wandelt sie stets an der Seite der beiden zentralen Hauptpersonen dieses Opus amazonica, den Töchtern des verstorbenen Schulrektors, Miss Deborah und Miss Matty. Während es sich bei Ersters um Cranford's Oberdrachen handelt, der sämtliche Statuten noch ausgebaut und einbetoniert hat, handelt es sich bei der Anderen um das glatte Gegenteil, einen leicht beeinflussbaren aber überaus herzensguten Engel.

Interessanterweise gibt der knorrige Drachen zwar schon kurz nach Beginn den Silberlöffel ab, bleibt aber doch über das gesamte Buch hinweg präsent, da ihr liebes Schwesterchen nunmehr von heut auf morgen ihren eigenen Weg gehen muss und sich dabei einzig und allein dem Geiste ihrer vorbildlichen Schwester verpflichtet fühlt. Obwohl sich das alte Mädchen dabei redlich abmüht, siegt ihr gutes Herz allzuoft gegen überlebte Sitten und starre Konventionen. Dass sich dabei nicht nur sie, sondern auch der Rest ihres Damenrudels schleichend wandelt, ist fraglos von tragischer Natur, denn aus Cranford, der einst hermetisch verklemmten Amazonen-Diktatur wird fast unmerklich und nuanciert eine erstaunlich tolerante Gesellschaft, in der der Bruch mit gesellschaftlichen Schranken wie die Aufnahme standesniederer Neumitglieder oder die Tolerierung des Liebeslebens getreuer Diener, usw. usf. nicht von vornherein der tugendhaften Reglementierungs-Guillotine zum Opfer fällt.

Selbstredend muss natürlich (vor allem der männliche) Leser gewarnt werden, dass Cranford zu 90 % aus Kaffeeklatsch samt dazugehöriger Konversation besteht - und doch extrem empfehlenswert ist, denn der Schreibstil der Autorin ist schlichtweg großes Kino. Cranford und seine Geschöpfe sind in ihrer überzeichnet schrulligen Art knallige Karikaturen - aber auch echte Charaktere, die von der Autorin mit einer bestechend ausgefeilten Ironie liebevoll und mehrdimensional gezeichnet werden. Gaskell mag zwar scheinbar sture überzeichnete Charaktere in Szene setzen, zeigt sie aber mit gleicher Intensivität von ihrer guten bisweilen fast heilig zu nennenden Seite und läutet damit eine unterschwellig feine Charakterentwicklung ein. Es ist eine Kunst, wie sie es in jeder einzelnen Zeile schafft, auf den Punkt genau die ebenso spießigen wie liebenswerten Macken ihrer Leutchen anzusprechen, um einen Schritt später aus dieser Macke charmant eine Tugend zu kreieren bzw. mal ist die Macke eine Tugend, wenn nicht gerade die Tugend eine Macke ist oder die Macke eine Macke ist....äh... jedenfalls ist's ein Riesenspaß und meinen lachfreudigen Mundwinkeln waren keine Ruhezeiten vergönnt.

Gaskells feine Ironie ist bis zur letzten Faser liebensgewürzig und übersprudeln von Herzensgüte - oder wie ein geschätzter Rezensentenkollege aus dem Orient zu sagen pflegte: "Sie kann gefühlvoll schreiben, ohne sentimental zu werden." - und driftet nicht ein einziges Mal in bissige, kritisierende oder ähnliche die gute Laune bescheidenden Untiefen ab. Selbst vereinzelte tragische Erlebnisse werden gar liebenswürdig dargelegt, jedes Kapitel beschließt mit einem gustomachenden Happy-End und sogar die wenigen sich verwegen an die frische Ludt wagenden Adamssöhne werden ausnahmslos von ihrer besten Seite als Gentlemen, Beschützer, Freunde und Helfer in der Not eingeführt. Dabei ist es erstaunlich, wie scharfsinnig und zeitlos Gaskell schreibt. Als ungedienter Jungviktorianer habe ich nun nicht die Spur an Wissen über diese Epoche, und doch stelle ich neben gewisser historisch bedingten Charakteristika, Sitten und Konventionen eine erhebliche Schnittmenge zur heutigen, sprich meinigen Denkweise in ganzer Bandbreite fest, bei der ich mich mehr als einmal ertappt fühlte. Insbesondere das jegliche Fehlen eines moralischen Zeigefingers fällt ausgesprochen angenehm auf und angesichts der lockig-flockigen Lektüre kann man leicht übersehen, wie viel Lebensweisheit die jute Mrs. Gaskell dabei einstreut und sich "Cranford" mithin als Wiederholungslektüre empfiehlt.

Als lose zusammenhängende Sammlung an Kurzgeschichten ohne einen übergreifenden Handlungsstrang ist "Cranford" nur häppchenweise zu empfehlen, hat durchaus einzelne Längen - aber wer einmal die bestechende Sprache Gaskells gekostet hat, kann sich daran kaum satt lesen (und dezent übersehen, dass es sich um ältere Damen samt Kaffeeklatsch handelt). Nicht zuletzt der bis zum cranfordliken Ende geheim gehaltene äußerst extravagante Name der Ich-Erzählerin ist das Sahnehäubchen und Motivation schlechthin - und letztendlich verbirgt sich unter Cranfords scheinbar unwirtlich spießiger Oberfläche ein Reservoir an wohlbehüteter Liebenswürdigkeit, eine utopisch anmutende Form von Gemeinschaft mit viel Herz und Sinn für Humor.

Fazit:

Hatte ich unmittelbar vor "Cranford" noch durch einen düster spannenden Cop-Thriller gejagt, ging ich schon deswegen davon aus, dass ich "Cranford" nur mit mehr Kaffee als Blut in den Adern durchstehen würde... nuja, so kann man(n) sich irren. Sicher nicht zum letzten Mal. ;-)
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-7 von 7 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 01.07.2010 20:17:13 GMT+02:00
Jo meint:
um es mit den adaptierten worten besprochener autorin zu sagen: "still up to yer old nonsense, are yer?!". wahrlich hübsch präsentiert. und juris-diplomatisch bis in den federkiel ;o)

.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.07.2010 21:05:56 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.07.2010 02:10:09 GMT+02:00
Chilischote meint:
Ahoi verehrtes Frollein,

gehe ich recht in der Annahme, dass Dein entzückendes Stupsnäschen den inspirierenden Geruch einer erneuten Chilihältigkeit wahrzunehmen glaubt?

Mmh, das wäre nicht zuletzt eine Beleidigung meiner Intelligenz, als dass ich so freigiebig mein Pulver verschießen würde - allerdings auch ein Lob an meinen nicht vorhandenen Fleiß, da ich mir für ein Fake nie so viel Arbeit machen würde.

Nee, nee, nee, Sherlockess Stupsnäschen, diesmal ist's nur die nächste Dekadenz, von der ich unmöglich die verbrennungsfreudigen Griffelchen lassen konnte: 'ne Leserunde, einsehbar unter: http://rezensionen.yuku.com/topic/1967

Anyway, Lob von Deiner Seite ist so selten wie ein echter Kerl in einem Period-Drama, da ist's mir doch wurscht, ob's ernst und wie's gemeint ist oder nich. Lob ist Lob. Basta und Danke schön! ;-)

Komplimentierungshungrige Grüße
Schote

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.07.2010 12:57:31 GMT+02:00
Ophelia meint:
Ich glaub mich tritt ein Pferd --- Gaskell...
*mit offenem Mund*
O.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.07.2010 13:26:31 GMT+02:00
Chilischote meint:
*Lindt-Praline in Ophelchens geöffneten Mund schnips*

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.07.2010 15:27:19 GMT+02:00
Ophelia meint:
Hmmm...*auf der Zunge schmelzen lass*

Veröffentlicht am 01.07.2011 11:32:51 GMT+02:00
callisto meint:
Dank Dir, lieber Chilli, habe ich das Buch nun auch gelesen.
Mir hat am besten die Episode mit der Spitze und der Katze gefallen :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 04.07.2011 23:40:25 GMT+02:00
Chilischote meint:
Holla, Danke sehr für das erlesene Kompliment.
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