Kundenrezension

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5.0 von 5 Sternen Momentaufnahme eines Mammutprojekts, 4. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands (Gebundene Ausgabe)
1988 erschien zum ersten und bislang einzigen Mal der Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen der BRD, der 1996 durch eine separat publizierte Kartierung der ehemaligen DDR ergänzt wurde. Nach fast 20 Jahren erfasst der neue, aktualisierte und korrigierte Verbreitungsatlas nun erstmals alle Bundesländer, was die Publikation alleine deshalb schon „historisch“ macht. Mehrere Tausend ehrenamtliche Mitarbeiter in ganz Deutschland haben niemals aufgehört, die Floren ihrer Regionen zu kartieren, ein gewaltiges Projekt, dessen Dimensionen wohl nur ermessen kann, der daran aktiv teilgenommen hat. Nachdem ab dem Jahr 2000 die überregionale Förderung durch den Bund weitgehend eingestellt wurde, was in der Veröffentlichung einer Reihe von Regionalatlanten resultierte (NRW, BW, Bayern, ...), gab es ab 2005 wieder das Bestreben, einen gesamtdeutschen Atlas zu schaffen, der einen bestimmten Zeitstand dokumentiert. Jetzt ist es also soweit und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Grundlage der Pflanzenauswahl ist die "Liste der Gefäßpflanzen Deutschlands" (Stand Frühjahr 2013), was inhaltlich im Wesentlichen der "Exkursionsflora von Deutschland" entspricht (der "Rothmaler"). Dargestellt werden Arten, Unterarten und Aggregate (Artengruppen), wobei sich die Aggregierung meistens an der Datenqualität orientiert. "Schwierige" Sippen sind daher oft nicht auf Artenebene aufgelöst, was Fehlbestimmungen vermeidet, für den Artenschutz allerdings nicht optimal ist. Die "Liste der Gefäßpflanzen Deutschlands" soll ja bekanntlich Grundlage einer neuen Roten Liste der gefährdeten Arten werden.

Äußerst problematisch erweist sich die schon 1996 mit dem Verbreitungsatlas der ehemaligen DDR eingeführte Praxis, ausgestorbene oder verschollene Populationen nicht mit eigenem Symbol in den Karten darzustellen. Wenngleich die wissenschaftlichen Argumente hierfür durchaus nachvollziehbar sind, so ergeben sich jetzt neue, hausgemachte Probleme: Im aktuellen Atlas lässt sich nicht mehr unterscheiden, ob eine Art im Raster verschollen ist, oder lediglich nach 1980 nicht mehr kartiert wurde. Das klingt zunächst trivial, bedenkt man aber, dass große Datenbestände der Kartierer im neuen Atlas wegen mangelhafter Datenqualität nicht mehr berücksichtigt werden (insbesondere im artenreichen Südbayern), ergibt sich ein teilweise stark verzerrtes Bild. Besonders schön kann man diese "Pseudo-Aussterbeereignisse" auf den Karten ubiquitärer Arten wie Giersch oder Rotklee erkennen. Bei regionaleren Arten kann man diese Daten-Artefakte leider nicht identifizieren. Es mag ein einzelner Leserwunsch sein (und bleiben), aber ich bevorzuge eine klare Kennzeichnung von nachgewiesenermaßen erloschenen Vorkommen mit einem eigenen Symbol, wie es in anderen Verbreitungsatlanten auch üblich ist.

Schon auf den ersten Blick ergeben sich aber auch erfreuliche technische Neuerungen. Jede der über 3000 Verbreitungskarten ist mit einem QR-Code versehen, der mit dem jeweiligen Eintrag im FloraWeb verlinkt ist. Die kostenlose Internet-Datenbank enthält umfangreiches Zusatzmaterial, angefangen von den exakten Kartierungsdaten aufgelöst auf 4 Quadranten pro Messtischblatt bis hin zu Links auf Regionalfloren.

Der Kommentarteil mit Anmerkungen zu Aggregatslisten, Artdefinitionen und ergänzenden Erläuterungen zum floristischen Status ist erheblich erweitert worden und klärt damit viele Probleme aus den Vorgängerpublikationen. Im Kartenteil ist jeweils durch ein Symbol kenntlich gemacht, ob eine Kommentierung zu dem jeweiligen Eintrag vorliegt. Überhaupt ist die Kartendarstellung sehr übersichtlich und durch das deutlich größere Format erkennbar besser lesbar als in den Vorgängerwerken. Auf die ausgesprochen nützlichen transparenten Folien mit der Verbreitung von Bodentypen, wie sie noch dem Atlas von 1988 beigelegen haben, wurde leider verzichtet. Diese ließen sich über die Verbreitungskarten legen und man konnte für einige Arten quasi bestimmte Zeigerwerte ablesen.

Ein Verbreitungsatlas stellt immer nur eine Momentaufnahme dar, nicht nur was die tatsächliche Verbreitung einzelner Arten angeht, sondern auch, was den Kartierungsstand betrifft. Die Autoren gehen davon aus, dass derzeit im Mittel weniger als 50% der regional tatsächlich vorhandenen Arten erfasst sind, wobei der Wert für auffällige Arten oder solche, die im besonderen Fokus stehen (Orchideen, Alpenflora) sicherlich höher ist. Die tatsächlichen Verbreitungsgrenzen sind letztlich fast immer unbekannt. Dennoch sind solche Mammutwerke wie der wichtige (und gewichtige) Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands unverzichtbare Werkzeuge im Artenschutz. Bei allen systematischen oder prozeduralen Mängeln, die bei einem Projekt dieser Komplexität und Größenordnung unvermeidlich sind, ist dieser Atlas immer noch das Beste, was wir derzeit haben. Es ist wichtig, dass dieser Sachstand auch regelmäßig für die Nachwelt publiziert wird - und Tausende Ehrenamtler arbeiten weiter daran, dass die Datenqualität täglich besser wird.
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Volker M.
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