Kundenrezension

24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine würdige Adaption von Dickens Spätwerk, 22. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Charles Dickens "Bleak House" (3 Disc Set) (DVD)
Natürlich waren die Erwartungen im Dickens-Jubiläumsjahr 2012 hoch, aber die Hoffnung, dass mehrere Adaptionen die Ehre einer deutschen Ausgabe erfahren würden, erfüllte sich leider nicht. Lediglich die recht junge Interpretation von Great Expectations - Große Erwartungen hat die Hürde geschafft und kam in einer sehr schönen Ausgabe auf den Markt. Nun aber hat NEW KSM überraschend nachgelegt und die wundervolle Mini-Serie des englischen Fernsehens aus dem Jahr 2005 in einer würdigen Erscheinung präsentiert. 480 Minuten lang darf man in die faszinierende Welt von Bleak House eintauchen und immer wieder verblüfft feststellen, wie genial der große englische Romancier Dickens die Verbindungen zwischen den vielen Figuren dieses komplexen Dramas geknüpft hat. Dagegen überrascht es wenig, dass der "König der Adaptionen" (Zitat: Denis Lawson) Andrew Davies ("Jane Austen's Pride & Prejudice") hinter dem genialen Drehbuch steckt. Er ist für das atemberaubende Tempo des Einstiegs in diese Geschichte verantwortlich, er bügelt die Schwachheiten mancher Figur aus, erklärt soviel wie nötig und wandelt zähflüssige Schwermütigkeit in emotionale Dramatik. Willkommen in der lebendigen, aber oft auch düsteren Welt der Hauptmetropole Englands Mitte des 19. Jahrhunderts!

Diese mitreißende Serie ist eine bunte Mischung aus Gesellschaftsportrait, Familientragödie und Kriminalgeschichte und ist garniert mit viel stimmungsvoller Atmosphäre, spannungsgeladener Musik, gelungenen Kulissen und ein wenig Humor!

Der Pilotfilm, Episode 1, dauert im Gegensatz zu den weiteren Folgen doppelt so lange, nämlich etwa 1 Stunde und stimmt den Zuschauer auf die gewaltige Geschichte ein (Dazu gibt es (und auch für Folge 11 und die letzte Episode 15) einen interessanten Audiokommentar von Drehbuchautor Andrew Davies, Produzent Nigel Stafford-Clark und den Direktoren Justin Chadwick und Susanna White). Vor dem Hintergrund eines gewaltigen Gerichtsprozesses, der schon viele unschuldige Seelen unglücklich gemacht hat, in dem er mit zermürbender Langsamkeit voranschreitet und Hoffnungen zerstört hat, befassen wir uns mit den Einzelschicksalen drei junger Menschen, die soeben in eben diesen Prozess mit eingebunden werden: Richard Carstone und Miss Ada Clare (Carey Mulligan, "An Education" und aktuell als Daisy Buchanan in "The great Gatsby"), aber auch mit der Waise, Esther Summerson (Anna Maxwell Martin, "Geliebte Jane").

Es ist Mr. John Jarndyce (Denis Lawson) von Bleak House, der den drei jungen Menschen in seinem Heim ein neues Zuhause anbietet. Die Zukunft scheint hoffnungsvoll vor den Bewohnern dieses Hauses zu liegen, aber düstere Vergangenheit streckt noch immer ihre Finger nach ihnen aus.
Objektiv gesehen scheint Geheimnis der Identität eines armen Kanzleiabschreibers, der seiner Opiumsucht erlegen ist und tot in seiner Dachkammer, die er vom Trödelhändler Crook (englischer Komiker Jonny Vegas) gemietet hatte, wenig spektakulär. Es ist jedoch der Anwalt Tulkinghorn (fies und eiskalt: Charles Dance "Daphne Du Maurier's "Rebecca""), der auf der Suche nach Mr. Nemo war, dessen Abschrift eines Gerichtsprotokolls eine seltsame Gefühlsregung in der sonst so beherrschten Lady Dedlock (Gillian Anderson "Haus Bellomont") hervorgerufen hat. Tulkinghorn wittert ein skandalöses Geheimnis aus der Vergangenheit und nimmt unerbittlich Witterung auf. Der kleine Straßenkehrer Jo (Harry Eden "Oliver Twist") scheint mehr über die Hintergründe zu wissen. Aber auch in Crooks Laden scheint unter all dem Trödel vielleicht ein Schatz verborgen zu sein.
Der Spürsinn eines Mr. Tulkinghorn geht Richard total ab. Der liebenswerte Mann, der mit Ada ein zartes Band geknüpft hat, sieht sich auf Rat seines Vormundes nach einem passenden Beruf für seine Begabungen um. Dabei gerät er auch an die Juristerei und unglücklicherweise sucht er sich seinen eigenen Fall Jarndyce gegen Jarndyce als Forschungsmaterial an. Immer tiefer wird Rick in den Fall verwickelt und seine Freunde sehen hilflos zu, wie er von dem riesigen Prozess immer mehr vereinnahmt wird, unterstützt von dem zwielichtigen Mr. Skimpole (Nathaniel Parker "Thomas Hardy's Far from the Madding Crowd - Am grünen Rand der Welt") und einem teuren Anwalt. Wird es tatsächlich bald einen Tag der Gerechtigkeit geben, auf den die etwas skurrile Mrs. Flyte (Pauline Collins) schon so lange wartet?

Vor allem der flinke Wechsel der Perspektiven sorgt für Abwechslung. Eben hat man noch die Bleak House-Bewohner beim gemütlichen Dinner beobachtet, dann befindet man sich in den dreckigen, nebligen Straßen von London, wo der kleine Jo ins Obdachlosenheim huscht und dann sieht man das melancholische Gesicht von Lady Dedlock, die von ihrem Fenster in die Ferne zu blicken scheint. Szenenschnitte wie Peitschenhiebe faszinieren und halten am Ball. Die Szenen sind oft kurz und heftig. So wird Esther Summersons tragische Hintergrundgeschichte von 50 beschriebenen Buchseiten in eine Szene übertragen, die nur wenige Augenblicke zu dauern scheint. Das Erzähltempo wird selten gedrosselt und wenn, dann offensichtlich in dem Bemühen, dass der Zuschauer den Faden der Handlung nicht verliert. Übrigens braucht man nicht fürchten, bei jeder Episode von einem Vor- und Rückblick gequält zu werden, lediglich der Pilotfilm gibt am Ende einen kleinen Vorgeschmack auf die weiteren Folgen.

Es ist hervorzuheben, dass die deutsche Ausgabe ungekürzt zu genießen ist und auch mit der Synchronisation hat man sich viel Mühe gegeben (Aber warum kann niemand den Namen Tulkinghorn richtig aussprechen?). Um jedoch die Feinheiten des Films noch besser spüren zu können, sollte man sich unbedingt, sofern man der englischen Sprache einigermaßen mächtig, zumindest Teile des Werkes im Original genießen. Davids Dance hat die Idealstimme, um die ganze snobistische Kälte und Gerissenheit von Tulkinghorn deutlich zu machen, Mr. Crook klingt im deutschen viel zu fein und die Nuschelstimme von Mr. Jarndyce macht ihn im Original noch liebenswerter. Die Faszination von Bleak House liegt im Besonderen darin, dass alle Gesellschaftsschichten vertreten sind und sprachlich wird dies im Original eben noch etwas deutlicher. Allerdings ist es eine enorme Erleichterung für den deutschsprachigen Raum, Bleak House in der eigenen Sprache entdecken zu können, weil die Handlung allein ja schon große Herausforderungen an den Zuschauer stellt und bei dem Zusatz einer sprachlichen Barriere das Gesamtwerk als zu kompliziert empfunden werden könnte. Das betrifft vor allem all diejenigen, die Dickens lieber filmisch genießen.

Die Extras unterscheiden sich nur unwesentlich von dieser englischen Originalausgabe "Bleak House [3 DVDs] [UK Import]" (nur ein paar Trailer extra). Hinter den "Bleak-House-Gesprächen" verbergen sich die Interviews mit Gillian Anderson, Charles Dance und Denis Lawson. Der deutsche Untertitel zu den Audiokommentaren ist hilfreich und meistens gibt er auch recht gut wieder, was die Kommentatoren so zu sagen haben. Die Extras wurden auf den vorhandenen drei DVDs verteilt.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.03.2014 13:13:40 GMT+01:00
chris meint:
Danke für die ausführliche Rezension und die interessanten Querverweise zu den Schauspielern. Es ist immer interessant zu sehen in welchen anderen period dramas die Schauspieler noch auftauchen - häufig dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Bei den Komponisten zur Filmmusik kommen auch immer wieder die gleichen zum Zuge, habe ich so den Eindruck (das ist mir gestern bei "Far From The Madding Crowd" aufgefallen, da kommt in einer Nebenrolle nicht nur Sean Gilder aus "Horatio Hornblower" vor, sondern auch der Komponist der schönen Musik ist bei beiden Verfilmungen der gleiche).

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.03.2014 10:32:34 GMT+01:00
Gern geschehen :-D.
Ja, es kommt mir auch immer öfter so vor, als würde ich bei den englischen Fernsehreihen auf alte Bekannte treffen. Da die meisten Schauspieler sehr überzeugende Darsteller sind, ist das auch wirklich gut so!

LG, Tanja

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.03.2014 23:54:40 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 03.03.2014 23:55:02 GMT+01:00
chris meint:
Elizabeth McGovern meinte mal in einem "Behind the Scenes"-Interview zu Downton Abbey, dass es in der britischen Schauspielerszene zugehe wie in einer großen Familie - jeder kennt jeden und mit den meisten hat man schonmal irgendwann zusammengearbeitet oder sonstwie zu tun gehabt. Was mich bei deutschen Filmen manchmal nervt, stört mich bei den britischen Produktionen komischerweise nicht im Geringsten. Am Schönsten ist das Rätselraten, aus welchen anderen Filmen man den oder die Schauspieler/in schonmal gesehen hat, bevor es dann auf imdb.com zum Nachsehen und Überprüfen des eigenen Erinnerungsvermögens geht :)
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