1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Die beste Stimme des Rock in einschüchternder Hochform, 3. Dezember 2008
Rezension bezieht sich auf: The Signal/Ltd.Digi (Audio CD)
Die anderen Frauen und Männer, die versuchen, in der Rockmusik zu singen, können einem fast ein bisschen leid tun. Das Ausmaß, in dem Frau Nasic auf diesem Tonträger die Konkurrenz die Wand singt, müsste die Kollegen im Grunde entmutigen. Ian Anderson erklärte mal seine Entscheidung als Rock-Instrumentalist für die Querflöte damit, dass an der E-Gitarre ja eh niemand mehr Eric Clapton übertreffen könne. Dementsprechend sollten die anderen Rock-Sänger vielleicht besser dazu übergehen, auf dem Kamm zu blasen. Zum unvermeidlichen Vergleich mit den Guano Apes: Diese beschäftigten meines Wissens nie einen Keyboarder, wogegen hier (einschließlich Nasic) gleich drei zum Einsatz kommen. Das resultiert naturgemäß in einem opulenteren Klangbild, als es nur mit Seiteninstrumenten und einem Schlagzeug zu erreichen ist. Nun hänge ich aber nicht der Theorie an, dass alles ein Verrat an der Rockmusik sei, das irgendeine Form von Aufwand oder Raffinesse jenseits einspurigen E-Geklampfes versucht. (Solche Theoretiker sollen halt Punk hören.) Es wurden zudem zum größten Teil bassig-düstere, aggressive Synthesizer-Sounds verwendet, die sehr gut in den Rock-Kontext passen. (Ausnahme: der Titeltrack. Da gelangen Jean Michelle Jarre schon in den Siebzigern originellere und weniger sterile Elektrogeräusche.) Und: Es gibt sehr wohl auch sparsam arrangierte Passagen, die durch den Kontrast eindringlich zur Geltung kommen. Zum Wichtigsten, der Stimme. Ich komme hier aus dem Staunen noch weniger raus als schon zu Apes-Zeiten. Der Grundton ist die bekannte, einzigartige, diamantene Härte (welche bei Bedarf aber auch schmelzen kann), die wie bei keiner anderen mir bekannten Frauenstimme dazu bestimmt ist, sich im Rahmen harter, treibender Rockmusik zu entfalten. Das ist zum Glück wohl auch die gefestigte Selbsterkenntnis Nasics, denn das ist es, was überwiegend auf diesem Album stattfindet. Einige Songs haben ruhige und dennoch starke Momente, ganz ohne Balladen-Schnulz, da sind die markante Stimme und die gesangliche Intelligenz davor. Die einzige durchgängige Ballade, "Stop the Crying", ist dagegen der - quantitativ nicht ins Gewicht fallende - Tiefpunkt der CD. Beim ersten Anhören langweilig, später nervig. Und wer sucht, findet im Refrain auch die einzige Stelle des Albums mit 08/15-Gesang. Für den Rest des Albums gilt: Nasic lotet die immensen Möglichkeiten ihrer gespenstisch wandlungsfähigen Stimme souverän aus, variiert originell, nuanciert präzise, treibt die Musik die meiste Zeit unglaublich kraftvoll an. Tausend PS in den Stimmbändern, aber mit (jedenfalls anhand dieser Studioproduktion) mühelos wirkender Stimmkontrolle bleibt die Kraft immer auf dem Asphalt. Das Bild kann man fast wörtlich nehmen: Wenn Nasic maximal laut und rauh singt - nicht schreit, denn Tonhöhe und Artikulation gehen an keiner Stelle verloren - ist das vom Geräusch eines Formel-1-Motors nicht weit entfernt, etwa im Refrain von "The Name of my Baby". Am anderen Ende des Spektrums steht elfenhafte Zartheit. Man braucht vor Verblüffung eine Weile, um das den eigenen Ohren abzunehmen. Das gibt es sonst nirgends, schon diese Bandbreite ist ein Alleinstellungsmerkmal. Nasic hat mit ihrer Stimme so viele Ausdrucksmöglichkeiten, dass sie auch an keiner Stelle in die Verlegenheit kommt, einfallslos auffällig zu tremolieren - was bei vielen anderen, auch hochgelobten Sängern in jeder etwas längeren Note einsetzt, um den vielleicht nicht schlechten, aber eindimensionalem Gesang etwas abzuwandeln. Das Songwriting ist mit zwei Ausnahmen solide bis sehr gut. Prägnante Melodien in dramatischen bis düsteren Tonlagen, die wie maßgeschneidert zur überwiegend zum Einsatz kommenden, glasklaren und kräftigen natürlichen Stimmlage passen. Bei den Credits der Apes-Alben ist nicht abzulesen, wie stark der Input einzelner Bandmitglieder war, deshalb kann man hier aufatmen: Zwei der besten Songs, "Sorry" und "Old Shack", stammen aus der alleinigen Feder von Nasic, so dass man wohl davon ausgehen kann, dass sie bei zukünftigen Projekten nicht auf Co-Autoren angewiesen sein wird, um das Niveau zu halten. Ich habe lange keine aktuelle CD mehr gekauft, bei der sich eine derart lange Liste richtig guter Rocksongs findet: In The Name of my Baby, Sorry, Fever, Mecasanova, Old Shack, Perfume (grandiose Sequenzen nur mit Gitarrenriff, ätherischem Gesang und synkopischem Schlagzeug, bei der die Synapsen in meinem Hörzentrum jedesmal aufgeregt losfeuern in Richtung analytische Hirnhälfte: "Obacht! Irres Zeug hier! Wie machen die das?" Und in Richtung Sprachzentrum: "Irgendwie die Begeisterung in Worte fassen, auf amazon.de enthusiastisch rezensieren!"). Mein Favorit ist "Sorry", obwohl der Gesang im Vergleich zum Rest des Albums eher etwas zurückgenommen ist - dennoch glaubt man, drei Sängerinnen zu hören: eine entrückte hohe Stimmlage, dann klarer, melancholisch-dramatischer Vortrag und zwischendurch ein lässig-cooles, in ganz Nasic-eigene Tiefen absteigendes Timbre. Starke Musik und stimmig-düsteres, satt-basslastiges Arrangement. Äußerst gelungen. Ich habe das Ding schon Dutzende Male angehört, und noch immer steigert sich die Vorfreude nach den ersten Takten. Gibt es die Sparte "Cool-Rock"? Jetzt jedenfalls. Das Album ist tadellos produziert und klangtechnisch auf der Höhe - nur in "Big City" sind die Bässe zu viel des Guten. Die Stimme spielt die nie angefochtene Hauptrolle im Klangspektrum des gesamten Albums, und das ist bei dieser Sängerin auch ein Muss: Alles andere wäre ein Ärgernis. Die Limited Edition mit den Videos läuft bei mir tadellos im Windows Mediaplayer. Ich stimme nicht zu, dass übertrieben rumgehaucht würde - außer im zweitschlechtesten Song, dem Titelstück. Ja, in der zweiten Songhälfte Bontempi-Plastik-Geräusche und darüber wird gehaucht. Geschenkt, das ging daneben. Aber das war es auch. Ich wage mal eine zusammenfassende These: Wir erleben hier die beeindruckendste Stimme, die es bisher in der Rockmusik gegeben hat. Wenn es Sandra Nasic nicht gäbe, müsste man etwas Vergleichbares für die Rockmusik genmanipulieren. Janis Joplin, Robert Plant, Sonja Kristina, Jim Morrison, Grace Slick, Peter Hammill, Guesch Patti, Nina Hagen, Fish, Catherine Ringer wurden auf respektable Ränge verwiesen. Ich wollte die Rezension erst betiteln: "Die Callas des Rock", doch die Callas hatte im Opernfach vielleicht mehr Präzision aufzuwenden, aber ein sehr viel kleineres stilistisches Spektrum abzudecken. Der Vergleich würde der Nasic also nicht gerecht - trotz der vergleichbar schönen Nase. (Kommt es jetzt raus, ist all das Lob nur dem Testosteron geschuldet? Glaube nicht, denn ich hatte zu Open Your Eyes - mit ausschließlich involvierten offenen Ohren - erstmals am Radio Bauklötze gestaunt.) Fünf Sterne, da beißen die zwei missglückten Songs keinen Faden ab.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
The Signal/Ltd.Digi B000V9PX48
Sandra Nasic
Gun Supersonic (Sony Music)
The Signal/Ltd.Digi
Alle Produkte
Die beste Stimme des Rock in einschüchternder Hochform
Die anderen Frauen und Männer, die versuchen, in der Rockmusik zu singen, können einem fast ein bisschen leid tun. Das Ausmaß, in dem Frau Nasic auf diesem Tonträger die Konkurrenz die Wand singt, müsste die Kollegen im Grunde entmutigen. Ian Anderson erklärte mal seine Entscheidung als Rock-Instrumentalist für die Querflöte damit, dass an der E-Gitarre ja eh niemand mehr Eric Clapton übertreffen könne. Dementsprechend sollten die anderen Rock-Sänger vielleicht besser dazu übergehen, auf dem Kamm zu blasen.
Zum unvermeidlichen Vergleich mit den Guano Apes: Diese beschäftigten meines Wissens nie einen Keyboarder, wogegen hier (einschließlich Nasic) gleich drei zum Einsatz kommen. Das resultiert naturgemäß in einem opulenteren Klangbild, als es nur mit Seiteninstrumenten und einem Schlagzeug zu erreichen ist. Nun hänge ich aber nicht der Theorie an, dass alles ein Verrat an der Rockmusik sei, das irgendeine Form von Aufwand oder Raffinesse jenseits einspurigen E-Geklampfes versucht. (Solche Theoretiker sollen halt Punk hören.) Es wurden zudem zum größten Teil bassig-düstere, aggressive Synthesizer-Sounds verwendet, die sehr gut in den Rock-Kontext passen. (Ausnahme: der Titeltrack. Da gelangen Jean Michelle Jarre schon in den Siebzigern originellere und weniger sterile Elektrogeräusche.) Und: Es gibt sehr wohl auch sparsam arrangierte Passagen, die durch den Kontrast eindringlich zur Geltung kommen.
Zum Wichtigsten, der Stimme. Ich komme hier aus dem Staunen noch weniger raus als schon zu Apes-Zeiten. Der Grundton ist die bekannte, einzigartige, diamantene Härte (welche bei Bedarf aber auch schmelzen kann), die wie bei keiner anderen mir bekannten Frauenstimme dazu bestimmt ist, sich im Rahmen harter, treibender Rockmusik zu entfalten. Das ist zum Glück wohl auch die gefestigte Selbsterkenntnis Nasics, denn das ist es, was überwiegend auf diesem Album stattfindet. Einige Songs haben ruhige und dennoch starke Momente, ganz ohne Balladen-Schnulz, da sind die markante Stimme und die gesangliche Intelligenz davor.
Die einzige durchgängige Ballade, "Stop the Crying", ist dagegen der - quantitativ nicht ins Gewicht fallende - Tiefpunkt der CD. Beim ersten Anhören langweilig, später nervig. Und wer sucht, findet im Refrain auch die einzige Stelle des Albums mit 08/15-Gesang.
Für den Rest des Albums gilt: Nasic lotet die immensen Möglichkeiten ihrer gespenstisch wandlungsfähigen Stimme souverän aus, variiert originell, nuanciert präzise, treibt die Musik die meiste Zeit unglaublich kraftvoll an. Tausend PS in den Stimmbändern, aber mit (jedenfalls anhand dieser Studioproduktion) mühelos wirkender Stimmkontrolle bleibt die Kraft immer auf dem Asphalt. Das Bild kann man fast wörtlich nehmen: Wenn Nasic maximal laut und rauh singt - nicht schreit, denn Tonhöhe und Artikulation gehen an keiner Stelle verloren - ist das vom Geräusch eines Formel-1-Motors nicht weit entfernt, etwa im Refrain von "The Name of my Baby". Am anderen Ende des Spektrums steht elfenhafte Zartheit. Man braucht vor Verblüffung eine Weile, um das den eigenen Ohren abzunehmen. Das gibt es sonst nirgends, schon diese Bandbreite ist ein Alleinstellungsmerkmal. Nasic hat mit ihrer Stimme so viele Ausdrucksmöglichkeiten, dass sie auch an keiner Stelle in die Verlegenheit kommt, einfallslos auffällig zu tremolieren - was bei vielen anderen, auch hochgelobten Sängern in jeder etwas längeren Note einsetzt, um den vielleicht nicht schlechten, aber eindimensionalem Gesang etwas abzuwandeln.
Das Songwriting ist mit zwei Ausnahmen solide bis sehr gut. Prägnante Melodien in dramatischen bis düsteren Tonlagen, die wie maßgeschneidert zur überwiegend zum Einsatz kommenden, glasklaren und kräftigen natürlichen Stimmlage passen. Bei den Credits der Apes-Alben ist nicht abzulesen, wie stark der Input einzelner Bandmitglieder war, deshalb kann man hier aufatmen: Zwei der besten Songs, "Sorry" und "Old Shack", stammen aus der alleinigen Feder von Nasic, so dass man wohl davon ausgehen kann, dass sie bei zukünftigen Projekten nicht auf Co-Autoren angewiesen sein wird, um das Niveau zu halten. Ich habe lange keine aktuelle CD mehr gekauft, bei der sich eine derart lange Liste richtig guter Rocksongs findet: In The Name of my Baby, Sorry, Fever, Mecasanova, Old Shack, Perfume (grandiose Sequenzen nur mit Gitarrenriff, ätherischem Gesang und synkopischem Schlagzeug, bei der die Synapsen in meinem Hörzentrum jedesmal aufgeregt losfeuern in Richtung analytische Hirnhälfte: "Obacht! Irres Zeug hier! Wie machen die das?" Und in Richtung Sprachzentrum: "Irgendwie die Begeisterung in Worte fassen, auf amazon.de enthusiastisch rezensieren!").
Mein Favorit ist "Sorry", obwohl der Gesang im Vergleich zum Rest des Albums eher etwas zurückgenommen ist - dennoch glaubt man, drei Sängerinnen zu hören: eine entrückte hohe Stimmlage, dann klarer, melancholisch-dramatischer Vortrag und zwischendurch ein lässig-cooles, in ganz Nasic-eigene Tiefen absteigendes Timbre. Starke Musik und stimmig-düsteres, satt-basslastiges Arrangement. Äußerst gelungen. Ich habe das Ding schon Dutzende Male angehört, und noch immer steigert sich die Vorfreude nach den ersten Takten. Gibt es die Sparte "Cool-Rock"? Jetzt jedenfalls.
Das Album ist tadellos produziert und klangtechnisch auf der Höhe - nur in "Big City" sind die Bässe zu viel des Guten. Die Stimme spielt die nie angefochtene Hauptrolle im Klangspektrum des gesamten Albums, und das ist bei dieser Sängerin auch ein Muss: Alles andere wäre ein Ärgernis.
Die Limited Edition mit den Videos läuft bei mir tadellos im Windows Mediaplayer.
Ich stimme nicht zu, dass übertrieben rumgehaucht würde - außer im zweitschlechtesten Song, dem Titelstück. Ja, in der zweiten Songhälfte Bontempi-Plastik-Geräusche und darüber wird gehaucht. Geschenkt, das ging daneben. Aber das war es auch.
Ich wage mal eine zusammenfassende These: Wir erleben hier die beeindruckendste Stimme, die es bisher in der Rockmusik gegeben hat. Wenn es Sandra Nasic nicht gäbe, müsste man etwas Vergleichbares für die Rockmusik genmanipulieren. Janis Joplin, Robert Plant, Sonja Kristina, Jim Morrison, Grace Slick, Peter Hammill, Guesch Patti, Nina Hagen, Fish, Catherine Ringer wurden auf respektable Ränge verwiesen.
Ich wollte die Rezension erst betiteln: "Die Callas des Rock", doch die Callas hatte im Opernfach vielleicht mehr Präzision aufzuwenden, aber ein sehr viel kleineres stilistisches Spektrum abzudecken. Der Vergleich würde der Nasic also nicht gerecht - trotz der vergleichbar schönen Nase. (Kommt es jetzt raus, ist all das Lob nur dem Testosteron geschuldet? Glaube nicht, denn ich hatte zu Open Your Eyes - mit ausschließlich involvierten offenen Ohren - erstmals am Radio Bauklötze gestaunt.)
Fünf Sterne, da beißen die zwei missglückten Songs keinen Faden ab.
Nuntius "nuntiuslegis@aol.com"
3. Dezember 2008
- Insgesamt:
5

|
Details
Top-Rezensenten Rang: 876.222
|