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Rezension bezieht sich auf: Tannöd. 3 CDs (Audio CD)
Andrea M. Schenkel - Tannöd„Marie bemerkt einen Luftzug. Sie dreht sich um zur Tür. Die Tür steht leicht offen. Sie will sie schließen. Da bemerkt sie, wie sich die Tür langsam, knarrend, immer mehr öffnet. Ungläubig, staunend, blickt sie auf den größer werdenden Spalt. Marie ist unschlüssig. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Steif und starr bleibt sie einfach nur stehen, den Blick auf die Tür gerichtet bis sie, ohne ein Wort, ohne eine Silbe, von der Wucht des Schlages zu Boden fällt.“ Vor kurzem sagte Val McDermid („Das Moor des Vergessens“) in einem Interview „Auf Grund der riesigen Fortschritte in der forensischen Medizin wird es immer schwieriger, Krimis zu schreiben…“ Vielleicht liegt es an dieser Erkenntnis, dass Krimiautoren verschiedene Kunstgriffe anwenden, um ihre Hörer und Leser zu fesseln; doch nicht immer gelingt dies. Eine beliebte Methode besteht in der Konstruktion abstruser Plot, gewürzt mit blutigen Details (Mark T. Sullivan – Toxic) oder es rücken die privaten und/oder familiären Probleme der Ermittler in den Vorder- und die Aufklärung des Falls in den Hintergrund (Patricia Cornwells Kay-Scarpetta-Reihe). Die auf Dauer vom Hörer/Leser extreme Langmut erfordernde besteht darin, einen Großteil des Romans mit sinnfreien Details zu Stadtbild, Autofahrten, Wetter, Ernährungs- und Essgewohnheiten der Ermittler zu füllen. Wunderbar zu registrieren, dass es auch Krimiautoren gibt, die sich alter Tugenden besinnen und diese mit neuen Stilmitteln in modernem Gewand präsentieren. Eine dieser Autoren ist die deutsche Schriftstellerin Andrea M. Schenkel, die mit ihrem ungewöhnlichen Debütroman die herkömmlichen Thriller weit in den Schatten stellt und den etablierten Autoren zeigt, welche Möglichkeiten auch heute noch in einem völlig überlaufenen und ideenlosen Genre stecken. Zwar geschehen in „Tannöd“ Morde und letztendlich wird auch der Täter gefasst. Doch einen weit aus größeren Teil der Erzählung nimmt das hervorragend gelungene Psychogramm eines bayrischen Dorfes kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein. Auch bei der Zeichnung der Charaktere geht die Autorin einen ungewöhnlichen, doch funktionierenden Weg: eine namenlose Erzählerin befragt unterschiedlichste Dorfbewohner nach ihrer Meinung zu den Geschehnissen und besonders ihrem Eindruck von den Mordopfern. Aus dem Tratsch und Klatsch, den vorgefassten Meinungen und kursierenden Gerüchten rekonstruiert sie die Figuren der Opfer, der Stimmung im Dorf und mögliche Mordmotive. Dummerweise decken sich die wenigsten Aussagen der Dorfbewohner völlig, ja wiedersprechen sich teils völlig. Doch wem soll der Hörer glauben schenken – zumal am Ende des Hörbuches selbst die Toten zu Wort kommen und vollends für Verunsicherung sorgen. Schockmomente der anderen Art Bereits nach wenigen Minuten der Lesung werden sich wohl eine ganze Reihe von Hörern erstaunt fragen: „Was soll das denn?“ – denn Monica Bleibtreu leiert gebetsmühlenartig immer und immer wieder ein Gebet herunter. Ein von der Autorin perfekt gesetzter Bruch in der Erzählung reißt den einen gleichmäßigen Erzählfluss gewohnten Hörer aus seinem Hörgenuss; ab jetzt ist der Hörer ungleich aufmerksamer, gespannter und aufnahmefähiger gegenüber der ungewöhnlichen, großartigen, anderen stilistischen Machart des Romans. Für einen Sprecher ist dies natürlich eine große Herausforderung, ist der Hörer mit gesteigerter Aufmerksamkeit doch weitaus aufmerksamer gegenüber Fehlern oder Fehlinterpretationen. Doch Monica Bleibtreu weiß diesen scheinbaren Nachteil auszunutzen und münzt ihn in einen Vorteil um, indem sie den Hörer mit einer glaubwürdigen Vielstimmigkeit überzeugt. Dabei gelingt ihr sogar das Kunststück, die Lesung der kleinen Kinder überzeugend zu präsentieren – die missratene Imitation von kindlichen Protagonisten klingt ungefähr so wie eine Persiflage auf Hape Kerkelings „Hannilein“ und hat schon so manche Lesung verdorben. Obwohl sie eine sehr weiblich klingende Stimme hat, läuft sie bei der Darstellung des (männlichen) Bürgermeisters zur Hochform auf – die Lesung des unverbrämt nationalsozialistisches Gedankengut verbreitenden Ortsvorstandes gehört zweifelsohne zu den absoluten gestalterischen Höhepunkten des Hörbuches. Doch auch die anderen Protagonisten weiß sie mit Bravour zu nehmen und erreicht damit mehrere Dinge gleichzeitig: da ihre Lesung sehr werkgetreu und differenziert ist, verstärkt sie die ohnehin schon psychologisch geschickte Anlage der Figuren und des Plots. Des weiteren schafft sie es, durch minimalen Einsatz von Pausen, Tonlagenwechsel oder Veränderung der Betonung den Hörer für diejenigen Teile der einzelnen Interviews zu sensibilisieren, welche von der Darstellung anderer Dorfbewohners abweichen – dadurch ergibt sich ein kriminalistisches, verbales Labyrinth in diesem scheint’s in geruhsamem Tempo daherkommenden Krimi, der in Wahrheit in rasanter Echtzeit am Ohr des Hörers entlang rast; ständig hat der Hörer das Gefühl, von Autorin und Sprecherin an der Nase herumgeführt zu werden, kann dieses leichte Unwohlsein aber an nichts Konkretem fest machen. SO erzeugt man Spannung! Nur drei CDs umfasst die vollständige Lesung dieses schnörkellosen, aber nicht puristischen Roman. Auch diese schlichte Kompaktheit und der völlige Verzicht auf unnötigen Ballast trägt immens dazu bei, dass der Spannungsbogen von der ersten bis zur letzen Sekunde anhält. Dieser neue – alte – Stil erinnert sehr an Kurzgeschichten von Raymond Chandler wie „Blutiger Wind“ oder Patricia Highsmith’ „Stories“. Es wäre wünschenswert, dass dieser Roman ein Fanal setzt und auch andere Autoren ihre Werke entrümpelt und Ballast abwerfen. Dass dies noch ein weiter Weg sein wird zeigt der neue Roman von Stephen King mit einem Umfang von ca. 700 Seiten – und er ist nur eins von vielen Beispielen für das Motto „Nur ein dickes Buch ist ein gutes Buch“. (C) Wolfgang Haan - www.hoeren-undlesen.de Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen |
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