Kundenrezension

71 von 89 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Jeder Tritt ein Britt, jeder Stoß ein Franzoß, jeder Schuß ein Ruß??... Mr. Clark und der Erste Weltkrieg, 27. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (Gebundene Ausgabe)
Ich will vorwegschicken, daß ich sowohl die englischsprachige Fassung von Christopher Clarks bemerkenswertem Werk als auch die deutschsprachige Übersetzung gelesen habe. Der hier entbrannte scharfe Diskurs, ob das Buch nun die deutsche Kriegsschuld verharmlost oder richtig bewertet, amüsiert ob seiner Heftigkeit. Doch nun zum Thema: Clarks Buch weist ein schwerwiegendes Desiderat auf, was mich allerdings bei diesem akribisch arbeitenden Fachmann sehr verwundert — Clark läßt das Osmanische Reich (ich will die Geschichte seines Zerfalls und Untergangs hier nicht ausbreiten) als einen wichtigen Faktor in bezug auf die politische Situation in Europa völlig aus. Sollte er das getan haben, um sein Buch nicht zu ausufernd geraten zu lassen, wäre ein diesbezüglicher Hinweis nötig gewesen. Da der fehlt, liegt der Schluß nahe, daß Clark das spätestens seit 1908/ 1909 in Agonie liegende Osmanische Reich als quantité négligable ansieht, was allerdings ein fataler Irrtum wäre. Sollte Clark in den alten Fehler verfallen sein und tatsächlich meinen, der osmanische Staat wäre unwichtig im Hinblick auf die Ereignisse in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewesen? Nur einige Fakten: Österreich träumte schon lange vom Besitz des bis 1912 osmanischen Hafens Saloniki (der Besitz Serbiens (Wunsch nicht nur der österreichischen Militärs) war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erfüllung dieses Zieles), Italien wollte gerne das gerade 1914 mit einem deutschen Fürsten beschenkte Albanien beherrschen, die Deutschen träumten von einer wirtschaftlich (semi-kolonialen) Durchdringung des Osmanischen Reiches und gedachten England am Persischen Golf (offiziell noch osmanischer Besitz!) in die kolonialen Schranken zu weisen (siehe Stefan M. Kreutzers sehr gutes, aber kritisch zu lesendes Buch »Dschihad für den deutschen Kaiser« zu diesem Thema), die Briten hofften Arabien in ihre Hände zu bringen, um damit den »Diamanten in der Krone des Empires« — Indien — abzusichern (über den Suez-Kanal und Ägypten eng mit dem Mutterland zu verbinden), das Eröl im Mossulgebiet begann alle zu interessieren... Das ließe sich noch ellenlang fortsetzen. Sultan Abdül Hamid II. wurde 1909 endgültig abgesetzt, die Jungtürken traten ihre verheerende Herrschaft an. Damit war das Osmanische Reich als ein wichtiger Garant für das Gleichgewicht der europäischen Mächte weggefallen, Abdül Hamid II. war ein skrupelloser Machtpolitiker, aber ein genialer Diplomat, dessen Rolle auf dem Parkett der Politik jener Jahre vor 1909 keineswegs unterschätzt werden darf. Die engen Beziehungen Deutschlands zu diesem Staat (um 1900 regte Graf Monts, der deutsche Botschafter am italienischen Hof an, das unsichere Italien durch das viel bündnistreuere Osmanische Reich im Dreibund zu ersetzen!) gefielen weder Großbritannien, Frankreich noch Rußland. Dieses wichtige Spielfeld der europäischen Mächte, man denke nur an die beiden Balkankriege 1912 / 1913 (!), in solch einem Buch auszulassen, stellt ein erhebliches Manko dar. Doch abgesehen davon ist Clark eine bemerkenswerte Darstellung der europäischen Konstellationen und dem Denken in den Hauptstädten der wichtigen Protagonisten am Vorabend des Kriegsausbruchs gelungen. Dennoch fragt sich der informierte Zeitgenosse, was ist an Clarks Darstellung so neu? Deutschland trägt am Ersten Weltkrieg ebenso wenig die alleinige Schuld wie Großbritannien oder Rußland oder Frankreich, egal, was in der Zeit geschrieben wird. Fazit: (Aber das lernte ich schon vor drei Jahrzehnten an der Universität) Allen Mächten, auch Deutschland, paßte dieser große Krieg in ihr Konzept, alle verfolgten sie in ihren Augen wichtige Kriegsziele,wollten ihre Konkurrenten ausschalten, aber im Sommer 1914 paßte keinem der Krieg so richtig. Clarks Verdienst liegt vielmehr darin, zu einer Zeit, in der (auch die deutsche) Geschichte in den auf uns einwirkenden Medien zunehemd einseitig vor allem aus us-amerikanischer Perspektive dargestellt wird, ein Buch vorgelegt zu haben, daß versucht, das in der Öffentlichekit vorherrschende Bild behutsam zu korrigieren. Wie Fischers Thesen vor 50 Jahren so bedeutsam waren, weil sie eine längst überfällige Diskussion auslösten, so ist auch Clarks Buch heute durchaus wichtig, weil es wieder eine Diskussion anstoßen könnte und uns auffordert, die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts aus etwas anderem Blickwinkel zu bewerten. Auch Geschichtsbetrachtung verläuft oftmals zyklisch und ist bestimmten »Moden« unterworfen... Christopher Clark wird hoffentlich noch einige Bücher zur deutsch-preußischen Geschichte vorlegen und die Diskussion bereichern.
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