Kundenrezension

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Buch gewordenes "Road-Movie", 7. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Fast genial (Gebundene Ausgabe)
Wäre der Film Friendship! mit Matthias Schweighöfer früher produziert worden, hätten sicher manche den Verdacht geäußert, Wells habe sich bei dem Filmdrehbuch reichlich unverfroren bedient, so auffällig sind die Parallelen zum Film. Denn auch dort ist das zentrale Motiv, der Beweggrund für eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten, die Suche des jugendlichen Helden nach seinem unbekannten Vater. Pennäler-Possen pflastern auch hier den Weg der jugendlichen Gefährten. Allerdings sind es nicht zwei, sondern wie in The Lucky Ones (ein Film, der ebenfalls Pate gestanden haben könnte) drei Gefährten, die gemeinsam in Richtung Kalifornien unterwegs sind. Signifikante Unterschiede gibt es aber vor allem am Anfang und am Schluss. Man könnte auch sagen, Wells' Roman ist vielschichtiger und facettenreicher als der artverwandte Film, denn der in den Medien viel diskutierte Geniestreich seines Autors ist ja die Verknüpfung dieser Entwicklungs- und Entdeckungsreise mit dem Thema der Genie-Samenbank.

Ein Amerikaner namens Monroe hatte nämlich, so rekonstruiert es der Roman, einst die fast geniale Idee einer Samenbank, in der Genies, Nobelpreisträger, Hochbegabte, zeugungsfähig gewordene Wunderkinder, in Form eingefrorener Samenspenden ihre Gene der Nachwelt vererben konnten. Die inzwischen am bipolaren affektiven Syndrom erkrankte Mutter der Hauptfigur Francis Dean wurde achtzehn Jahre, bevor die Geschehnisse in diesem Roman ihren Lauf nehmen, zu einer der Frauen erkoren, die ein solches künftiges Genie austragen durften. Als Francis sein noch unentfaltetes Genie an die US-Armee verschleudern will, weil er mit seiner mittellosen, geschiedenen und nun auch noch nervenkranken Mutter und einer wenig zukunftsweisenden Gelegenheitsarbeit auf keinen grünen Zweig kommt, offenbart diese ihm, welch sensationelles Potenzial eigentlich in ihm schlummern müsste. Kurz darauf befindet sich Francis vermöge seinem Stiefvater abgeschwatzten Geldes gemeinsam mit der unter depressiven Attacken leidenden Anne-May, die Francis in der Klinik kennen gelernt hat, in der seine Mutter behandelt wird, und seinem besten Freund Grover, einem etwas verklemmt wirkenden Informatikgenie, der zum Glück ein Auto hat, auf dem Weg nach Los Angeles, zur Monroe-Klinik, wo noch Unterlagen über das gescheiterte Projekt lagern. Unterwegs kommt es zwischen den Jungen zu Spannungen, weil beide von der bildschönen Anne-May hingerissen sind und sie, offenbar zur Nymphomanie neigend, sich gern begehren, aber ungern besitzen lässt. Höhepunkte der transkontinentalen Reise: gemeinsames Nacktbaden im Hotel-Pool, ein waghalsiger Sprung über eine Felsspalte im Grand Canyon, der Grover kurzlebigen Ruhm einbringt, Francis' kläglich scheiternder Versuch, einen Roulette-Traum in Las Vegas wahr werden zu lassen, die Begegnung mit einem echten Samenbank-Genie, dessen Leben aber auch alles andere als genial ist, und Sex. Francis, Grover und Anne-May machen alle drei intensive erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Die anfangs sehr vagen Spuren, die Francis' Zeugung hinterlassen hat, führen schließlich bis nach Mexiko, wo eine gewaltige und nicht gerade erfreuliche Überraschung auf Francis wartet. So war das auch bei Friendship!, doch Benedict Wells hat sein Pulver mit dem Aufspüren des biologischen Vaters von Francis Dean noch lange nicht verschossen.

Dass der Autor sich mit dem gekonnten Ausreizen eines bewährten Handlungsmusters nicht begnügt, sondern um sein Buch gewordenes "Road-Movie" herum noch eine zweite Geschichte webt, einen modernen Initiationsroman, eine Art Fänger im Roggen des 21. Jahrhunderts (der kleine Bruder Nicky als Pendant zu Holdens Schwester Phoebe), das macht den eigentümlichen Reiz dieser wunderbar gewobenen Geschichte aus, die ihr Erfinder überdies in einer gefällig schwingenden und rhythmisch fließenden Sprache erzählt, frei von Manierismus und pseudo-künstlerischen Prätentionen.

Was bleibt also zu bemängeln? Die vielen Klischees? Die sind fast unvermeidlich, wenn ein Genre bedient und nicht etwas gänzlich Neues erfunden wird (und wer kann das schon?). Und doch zielt Benedict Wells mitunter etwas zu sehr, etwas zu augenfällig darauf ab, postpubertäre Pennäler-Fantasien wahr werden zu lassen: Sex mit einer engelsgleichen Schönheit auf einem Klavier, die Nachtclub-Tänzerin, die sich bestechen lässt, Grover die Unschuld zu rauben, Grovers Sprung, ein folgenloser kleiner Drogenrausch im Hippie-Apartment, das große Finale im Casino - im wahren Leben passiert all das, wovon man als Heranwachsender vielleicht träumt, eben gerade nicht. Derlei Zutaten sorgen zwar dafür, dass der Leser blendend unterhalten wird, aber Wells überschreitet damit auch eindeutig die Grenze zum Trivialen. Wie um das zu unterstreichen, rutscht seine Sprache auch gern mal ins Gossenhafte ab ("F*** dich, dachte Francis", S. 99). Und die Frage ist, ob der Roman das nötig hätte, ob es nicht ehrlicher und dichter an der Wahrheit dran gewesen wäre zuzugeben, dass das Leben für Menschen aus Claymont, einem Provinznest an der Ostküste der USA, keine heroischen Ausbrüche bereit hält und dass Träume eben nicht wahr werden, jedenfalls nicht so, wie wir sie geträumt haben. Als hätte er selbst diese kritische Frage beim Schreiben vernommen, findet Benedict Wells für seinen Roman ein furioses Finale, ein fast, ist man geneigt zu sagen, geniales Ende, das er, um ehrlich zu bleiben, nur so und nicht anders gestalten konnte, auch wenn mancher Leser ihn dafür hassen wird.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 19.11.2012 21:44:50 GMT+01:00
Thomas D. meint:
Ich gehöre zu denjenigen, die ihn dafür hassen... =)
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