Kundenrezension

16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen anselm, 8. Dezember 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Dein kompetentes Kind: Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie (Taschenbuch)
Derzeit befasse ich mich aufgrund meines Berufes als Klavierlehrer mit der Pädagogik in umfassender Weise (wie eigentlich schon seit über dreißig Jahren). In den letzten Wochen habe ich hierzu an die vierzig Bücher gewälzt, welche ich teils früher schon mal gelesen, teils heute neu kennen gelernt habe. Es befinden sich darunter Bücher von Hartmut von Hentig, die ich sehr schätze und von Wolfgang Bergmann, der mir die inneren Probleme der heutigen Erziehungskultur erklärt hat wie kaum eine anderer. Die Themen reichen aber auch bis zur Entwicklungspsychologie und der Psychologie des Geistes, namentlich verfasst von Ken Wilber.
Die Kinder haben nach meiner Erkenntnis alle irgendeinen Schmerz, der mich bewegt und nicht losläßt. Sie sind nicht glücklich, sind nicht traurig, sie sind stumpf, manchmal aggressiv, ablehnend eingestellt. Selbst jene, die eigentlich gesund wirken, schleppen etwas mit sich herum. Dieser latente Schmerz ist in meinem Beruf natürlich schwer dingfest zu machen, weil man im Unterricht die Kinder nur für kurze Zeit in der Woche betreut. Aber er steht den Kindern auf unterschiedlichste Weise ins Gesicht geschrieben. Darüber hinaus haben sie natürlich Probleme mit dem Üben. Eine schwarze Pädagogik, wie sie Alice Miller seinerzeit entlarvte, ist auch für den Instrumentalunterricht katastrophal. "Fordern statt verwöhnen" ist aber ebenso eine hilflose, oberflächliche Maxime. Von den regressiven Methoden eines Bueb ("Lob der Disziplin"), die bar jeder Seelenkenntnis daher kommen, ganz zu schweigen.
Mir ist eines sehr klar geworden, nämlich dass es einen ungeheuren Mangel an Liebe gibt. An echter, wirklicher Liebe. Würden wir Liebe verwirklicht haben, wir benötigten nicht eine derartige Flut an Erziehungsratgebern. Andererseits ist sie ein lebendiges und hoffnungfrohes Zeugnis unserer Suche nach Liebe.
Jesper Juul benutzt zwar nicht mein in diesen kurzen Sätzen anklingendes Vokababular, zeigt aber die Tatsache in recht einfacher Weise, dafür aber anschaulich und prägnant, welche spezielle Art von Mangel an Selbstliebe - Juul nennt es "Selbstgefühl" - in Erwachsenen unserer Zeit vorherrscht. Man kann nur geben, was man hat. Wenn es Liebe ist, wird Liebe in anderen mitgeboren. Wenn es etwas anderes ist, erhält man das entsprechende Ergebnis. Diese Dinge gehen von den Erwachsenen aus. Von einer Gesellschaft, die nach wie vor einem Bewertungswahnsinn frönt, der Leistung und Effizienz als Bewertungsgrundlage fixiert. Kein Platz für Liebe. Wohl aber für aufgeblähte Egos.
Förderung von Eigenschaften, von Begabungen ersetzt Liebe (Förderwahn). Natürlich kann Liebe durch nichts ersetzt werden. Wer nur "geliebt" wird, weil er brav, weil er hervorragend ist, weil er was kann, wird nicht in seiner Eigentlichkeit wahrgenommen, in dessen Sein erkannt.
Davon handelt - in anderen Worten - Jesper Juuls Buch. Wer sich öffnet und in sich hinein zu schauen vermag, wird die Wahrheit darin erkennen, wird aufatmen über den Ausweg. Ja, es gibt diesen!
In "Dein kompetentes Kind" habe ich ihn gefunden. Wenn ich von meinen vielen, vielen gelesenen Büchern Eltern und Lehrern eines als erstes empfehlen würde, dann wäre es dieses, weil es auf seinen unter dreihundert Seiten alles wirklich Wichtige ausdrückt. Man muss allerdings in der Lage sein, einen Auszug davon zu erstellen (so wie das bei jedem Buch ist, das was bringen soll), um sich eine Art Leitlinie zu erstellen, die einem hilft, sich selbst zu verwandeln.
In der Spiritualität ist es wie in der gesamten Psychologie eine unangefochtene Wahrheit, dass wir andere nicht ändern können, sondern bei uns beginnen müssen. Wie gesagt, wer nicht lieben kann, wird es andere spüren lassen, auch wenn er sich noch so sehr bemüht... Er wird die Phänomene kaum selbst erkennen können (Platons Höhlengleichnis). Dazu braucht es dann gereifte "Freunde", die sich einem in den Weg stellen. Z.B. Bücher oder etwa - die eigenen Kinder, die einem spiegeln, was da abläuft. Der Vorgang des Spiegelns (und der Projektion) ist in der Psychologie altbekannt. In dieser Hinsicht sind Kinder also hochkompetent. Das ist es, was Juul eigentlich meint. Aber er beschreibt dies ohne meine hochgeschraubten Psycho-Begriffe und deshalb ist das Buch einfach für jedermann geeignet.
Ich meine, der beschriebene Weg ist auch jener, der nicht nur Kindern hilft, sie selbst zu sein, zu bleiben oder vielleicht auch wieder zu werden, sondern wird über die Kinder und die geläuterten Erwachsenen in die Gesellschaft getragen, wodurch sich diese und auch das Wirtschaftsleben möglicherweise menschlicher, liebender gestalten läßt. Mag hochgegriffen wirken oder auch ironisch als 2012-Getue diskreditiert werden, aber mit diesen Anfängen kann eine elysäischere Welt aus dem Bereich der Utopie in jenen der Vision und der greifbaren, der "verwirklichbaren Wirklichkeit" gehoben werden. Danke, Herr Juul! So einfach ist das.
Es geht um Erziehung, um Pädagogik. Das weist uns die Grenze des Buches. Denn nach meinem Dafürhalten kann man Liebe nicht einfach lernen, nach dem Motto, lies mal das Buch und folge seiner Rosenspur. Nur wer in sich wirksam etwas verwandelt und heilt, was verdrängt wurde und ein stilles bis kränkendes oder gar zerstörerisches, unerkanntes oder unbegreifliches Eigenleben führt, wird wirklich er selbst sein. Das ist die einzig wirkliche Lösung. Nur Sein kann Sein lieben. Das ist die edelste und wichtigste Aufgabe für jeden einzelnen Menschen. Dafür gibt es unzählige Wege. So schwierig ist das.
Auf diese Zusammenhänge verweist der Autor durchaus am Ende des Buches, bleibt aber im Rahmen seines Themas, was ja auch völlig korrekt ist.
Liebe ist immer die Lösung. Deshalb wäre vielleicht das zweite Buch, das ich anderen weitergeben würde, Wolfgang Bergmanns "Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder", für das man keine ideologische oder religiöse Vorbildung benötigt.
Aber auf Selbstheilung kann man nicht warten. Das muss man selbst tun. Und einstweilen lese man Juul und bewirke etwas damit!
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