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5.0 von 5 Sternen Glanz und Elend des Systems "Stalin", 20. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Terror und Traum: Moskau 1937 (Gebundene Ausgabe)
Moskau 1937, eine neue Stadt für den neuen Menschen soll gemäss Stalins Generalplan errichtet werden. Dafür stehen der - nur begonnene - 400 m hohe Palast der Sowjets (Umschlagbild), die Metro, der Moskwa-Wolgakanal. Es fanden u.a. statt: der zweite Schauprozess (mit Karl Radek), die Feiern zu Puschkins 100. Todestag und zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution, das Plenum des Zentralkomitees der KPdSU, die Eröffnung des erwähnten 128 km langen Verbindungskanals Moskwa-Wolga, der internationale Geologenkongress. Ausser Landes befand man sich mitten im Spanischen Bürgerkrieg und in Paris zeigte man die Errungenschaften Stalins anlässlich der Weltausstellung in einem überdimensionierten Pavillon vor, gleich gegenüber Speers nazideutscher Variante. Im Sommer fand die Turnerparade auf dem Roten Platz als Feier der schönen, kräftigen und kämpferischen kommunistischen Jugend statt, mithin der Vorstellung des neuen Menschen. Helden, seien es Flieger oder Polarforscher glänzten mit Rekord- und Pionierleistungen. Doch wehe, wenn der Schattenwurf der Helden den Woschd (Führer) zu erfassen drohte. Dann wurde aus einem Helden sehr schnell ein Schädling. In einem System, wo die Natur gebändigt ist, wo es weder Unfall noch Unglück gibt, sind Saboteure und Schädlinge leicht zu finden. Viele Emigranten der Komintern schliesslich, die zu tausenden in Moskau Zuflucht suchten, standen als Ausländer ohnehin unter Generalverdacht und wurden demnach der Spionage bezichtigt.
Hunderttausende wurden in den Gulag deportiert oder erschossen. Stalin trieb den blindwütigen NKWD-Chef Jeschow zu Sonderleistungen an, um ihn selber schliesslich dem Henker zu überantworten. Geschützt war niemand, nicht der altgediente Parteifunktionär, nicht Wissenschenschaftler, Militär, Künstler, Ingenieur, Held, nicht der einfache Mensch. Das jährliche Erscheinen des Moskauer Adressbuches wurde 1937 eingestellt...
Damit wird 1937 als Schreckenschiffre in die auch so schon an Grausamkeiten reiche Sowjetgeschichte eingeschrieben.
Karl Schlögel hat, begünstigt durch die seit den 90er Jahren erfolgte Öffnung von Archiven, eine immense Menge von Dokumenten gesichtet und gewichtet.
Unter dem Buchtitel "Terror und Traum" schaut er nun auf diese Stadt, indem er uns einmal mehr brillant erzählend zeigt, dass Historie stets auch einen Raum in der Zeit hat. Diesen erkunden wir zu Beginn in Begleitung der über Moskau fliegenden Margarita (aus M. Bulgakows Schlüsselroman "Der Meister und Margarita"). Die Konzentration auf ein Jahr und einen Ort erzeugt beim Leser eine Ahnung von Gleichzeitigkeit der Vorgänge und dem Zusammenhang von Ort und Ereignis. Zumal in einer Stadt, in welcher gemäss Generalplan Ideologie, Gesellschaft und der dazu eingepasste neue Mensch abgebildet werden soll. In Wirklichkeit verbleiben, wie Schlögel meint, physische und seelische Erschöpfung des "real" existierenden Menschen, schon diesseits der terroristischen Gewalt, in einem zerrütteten Alltag.
M.E. gibt es kaum Besseres über den Stalinismus zu lesen.
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