Kundenrezension

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Empfehlenswert (mit Vorwarnung), 28. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: You Are Not A Gadget: A Manifesto (Taschenbuch)
Jaron Lanier - dieser Name dürfte für den einen / anderen vor allem jüngeren Onliner nur einer unter vielen Namen sein, die man schon mal wo gehört hat. Als jemand, der sich schon recht früh mit Neuen Medien / Online beschäftigt hat, ist Jaron Lanier einer DER Gurus, der sich schon Ende der Achtziger / Anfang der Neunziger mit dem Virtual Reality beschäftigt hat und als einer der idealistischen Vordenker der Neuen Medien etabliert hatte. Man muss noch anmerken: Lanier versteht sich auch als Musiker / Künstler, seine Vorträge pflegt er mit einer Beigabe aus der Ude (einem mittelalterlichen Musikinstrument) zu garnieren. Zuerst habe ich von ihm in Stewart Brands "Media Lab" gelesen, das eines der drei Bücher ist, die mein Leben am nachhaltigsten beeinflusst haben.

Als ich gerade Lust hatte auf etwas Tiefgang, kam mir auf einem Büchertisch dieses Buch von Jaron Lanier unter die Finger. Und da musste ich zugreifen. Ich war also gespannt, was der alte Meister zu sagen hatte. Die Kernthesen:

- Es gibt im Silicon Valley eine Ideologie der Fortschrittsgläubigkeit, die in der "Cloud", "Information wants to be free" und in der "Crowd-wisdom" (oder Wikinomics) das Non-plus-ultra in den Onlinemedien sieht. Die meisten Entscheidungsträger würden davon ausgehen, dass Roboter und die KI die physische Existenz der Menschheit irgendwann obsolet machen und wir als Rasse nur eine Zukunft haben, indem wir unsere geistige Existenz, unsere Erlebnisse, unsere Persönlichkeit in die Cloud hochladen, so dass sie dort weiterexistieren kann (insofern sind das mit Facebook die ersten, schwachen Anfänge, der Grundgedanke ist ja nicht neu, sondern wird ja schon seit Jahrzehnten von Leuten wie Hans Moravec oder Marvin Minsky vertreten).
- Die "Crowd(wisdom)gläubigkeit" und die Kostenloskultur führt dazu, dass individuelle Leistungen von Künstlern, Erfindern und Wissenschaftlern nicht mehr angemessen gewertschätzt und und entlohnt werden.
- Sein Punkt ist, dass die "Crowd" bisher noch nicht wirklich etwas Neues hervorgebracht hat. Selbst das Vorzeigeprojekt "Wikipedia" ist eben nichts Neues, sondern am Ende nichts als eine Enzyklopädie. Und ansonsten ist noch nicht ausgemacht, wo die "Crowd" wirklich etwas Neuartiges geschaffen hat, was am Ende mit den Werken und Ideen eines DaVinci, Bach oder Einstein mithalten könnte. Die "Crowd" gebärt Mittelmaß.
- Er plädiert daher an ein Umdenken und fordert Alternativen, damit individuelle künstlerische Leistungen sich wieder lohnen.

Kurzum: Die von Lanier kritisierte Ideologie negiert das Menschliche. Mensch sein heißt Individuum sein. Individuum ist das Gegenteil von der "Crowd".

Das Problem bei dem Buch ist, dass es zum Teil ziemlich krude geschrieben ist. Es ist schwer einen roten Faden zu erkennen, die Argumentation ist sprunghaft und häufig emotional (also wenig sachlich). An vielen Stellen wird eher auf Basis persönlicher Vorurteile basierend argumentiert, als dass versucht wird, den persönlichen Standpunkt intersubjektiv nachvollziehbar zu machen.

Auch die Lösungsansätze, die Lanier vorschlägt, sind sehr stark von Idealismus geprägt, um nicht zu sagen "realitätsfern": Zur Entlohnung von Künstlern schlägt er alternative Erlösquellen wie "Telegigging" (Bands treten auf Parties bezahlt als Hologramme auf) oder "Songles" (Dongles für Song, also eine Art physische DRM) vor. Ersteres mag lustig sein (ist aber noch ein paar Jahre entfernt), für Letzteres ist der Zug meiner Meinung nach abgefahren (Dongles sind schon im Softwarebereich Selbstmord für Anbieter, es sei denn, man ist Quasi-Monopolist wie Autodesk).

Trotzdem muss ich sagen, dass es mich angeregt hat, über Aspekte von Social Media nachzudenken, die ich ansonsten als gegeben hinnehme und dabei neue Perspektiven einzunehmen. Ich bin zwar in Bezug auf das Social Media-/Crowd-Thema nicht ganz kritiklos, aber trotzdem habe ich diese Fragen noch nicht beantworten können:
- Können wir uns vorstellen, dass Apple Erfolg gehabt hätte, wenn es auf Mehrheitsmeinungen oder auf Crowdsourcing gesetzt hätte?
- Hat die Crowd wirklich schon etwas Neues zu Stande gebracht, außer neue Henkel für Starbucks-Becher vorzuschlagen oder die Produktionsmethoden von Enzyklopädien über den Haufen zu werfen? Was ist eigentlich aus "OSCar" - dem Open Source-Car geworden?
- Gibt es schon DEN von der "Crowd" entworfenen Roman, DAS Musikstück, DAS Kunstwerk, das uns ähnlich in den Bann zieht und fesselt, wie das von einzelnen Autoren, Bands / Musikern kreierte?
- Glauben wir wirklich daran, dass sich das jemals ändern wird?
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 11.05.2012 23:53:45 GMT+02:00
Michael meint:
Gute Rezension. Idealismus, vielleicht, aber vergleichen Sie mal Laniers Thesen mit der Situation heute 2012 in den kontrovers geführten Debatten über das Urheberrecht und die Entlohnung geistiger Arbeit!
Ich finde er hat praktisch in allen Punkten recht behalten und schon sehr früh nach neuen Modellen (jenseits von dritt-vermittlerter Werbung) verlangt, die sich so langsam endlich zu etablieren beginnen (Flattr).
Ich wäre jedefalls froh um mehr "digitale Humanisten" seines Kalibers...
‹ Zurück 1 Weiter ›

Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent