Kundenrezension

95 von 106 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wirkliche Identitätssuche oder Egotrip?, 4. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Eat Pray Love: Eine Frau auf der Suche nach allem quer durch Italien, Indien und Indonesien (Taschenbuch)
Die Thematik des Buches, d. h . die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, mit Zielen, Wünschen, Religionen, um den eigenen Weg zu finden, finde ich zwar ansprechend und ich habe auch schon etliche interessante Lebensberichte in dieser Hinsicht gelesen - in diesem Buch missfällt mir jedoch die Art und Weise, in der sich die Ich-Erzählerin vielen Dingen nähert.

Dass das Buch besonders von bestimmten Hollywood-Stars geliebt wird, spricht in gewisser Weise schon für sich selbst. Beim Lesen hatte ich den zunehmend unangenehmen Eindruck, in die Selbstmitleidsorgie einer ich-bezogenen, geltungs- und bestätigungssüchtigen, sprunghaften Frau mit überzogenene Ansprüchen hineingezogen zu werden.

Trennungen, Scheidungen, Depressionen und seelische Krisen sind ja leider die Erfahrungen und Wegbegleiter sehr vieler Menschen. Aber vergleiche ich mit Schicksalen von Menschen in meinem Umfeld, hatte ich beim Lesen des Buches manchmal das starke Bedürfnis, die Ich-Erzählerin zu schütteln und sie zu fragen, ob sie so tief im Selbstmitleid steckt, dass sie gar nicht mehr erkennt, wie viel Grund zur Freude und Dankbarkeit sie trotz der Scheidung, trotz einer weiteren gescheiterten Beziehung noch in ihrem Leben hat. Sie erwähnt u. a. unzählige liebe, tolle Freunde mit interessanten Aufgaben, eine Familie, mit der sie insgesamt gut auskommt und ohne die sie sich Weihnachten nicht vorstellen kann, einen Traumjob, welcher ihr die finanziellen Mittel ermöglicht, um überhaupt Selbstfindungsreisen durchführen zu können usw... Unter einer richtigen Depression mag es zwar schwerfallen, positive Aspekte des eigenen Lebens zu finden, aber dann ist man auch nicht mehr in der Lage, derartige Reisen in Angriff zu nehmen. Ich fand manchmal, dass sie mit dem Begriff "Depression" etwas kokettiert.

Was mich jedoch besonders verwundert: Sie flicht etliche Begegnungen mit Menschen ein, die ein schweres Schicksal haben, z. B. erzählt sie von einer Freundin, die ihre Jugend hauptsächlich in Bunkern verbracht hat, weil in ihrem Land Krieg war, von einem jungen Mann, der eine Musikkarriere in New York plante, aber nach dem 11. September ausgewiesen wurde, von einer sehr armen balinesischen geschiedenen Alleinerziehenden etc. Trotzdem scheinen all diese Beispiele, wo es z. T. ums nackte Überleben geht, wo den Leuten extrem unfair mitgespielt wurde und die in so krassem Kontrast zu ihrem eigenen anspruchsvollen Leben stehen, nicht ein paar Prioritäten in ihrem Kopf klarzurücken. Gut, sie hilft der balinesischen Mutter, was sehr hilfsbereit war, aber dennoch vermisse ich am Ende die Einsicht, wie gut es ihr doch letztendlich geht.

Der letzte Teil des Buches hat mich dann manchmal sogar genervt. Es ist zwar schön, dass sie einen neuen Liebhaber gefunden hat und dass sie irgendwo zwischen Bali, Amerika, Australien gemeinsam eine neue Lebensgrundlage suchen wollen - aber es kommt dadurch fast so rüber, als wäre der neue Mann das Ziel der Suche und all der monatelangen Reisen gewesen. Ist er jetzt ihre neue Identität, nach der sie gesucht hat oder was hat sie für sich aus all den Reisen an Einsichten mitgenommen, um sie in ihren Alltag zu übertragen?

Ich sehe zwar, dass ich mit dieser negativen Einschätzung des Buches bisher fast allein dastehe, aber ich kann es einfach nicht mit gutem Gewissen weiterempfehlen.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-10 von 17 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 09.01.2010 14:34:20 GMT+01:00
C. H. meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.01.2010 23:04:55 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.01.2010 23:13:52 GMT+01:00
Bücherfee meint:
@ C. H.:
Bisschen schwach, sich über den Nickname auszulassen, statt eine Meinung sachlich zu begründen...
Die meisten Leser(innen) werden "Liz" wohl nicht kennen und das ist auch unerheblich dafür, wie man Inhalt und Stil eines Buches beurteilt... Jeder hat andere Lebenserfahrungen gesammelt und so urteilt auch jeder anders. Es gibt viele schlimme Schicksale - von denen sie selbst ja sogar einige erwähnt - aber wozu ist diese Sinnsuche gut, wenn sich letztendlich alles nur um sie selbst dreht? Es wird mir in diesem Buch zu viel auf hohem Niveau gejammert.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.02.2010 07:55:55 GMT+01:00
Captain Book meint:
"Wer Liz persönlich kennt, weiß, dass...."
Ich musste lange suchen, wirklich lange, aber DAS ist nun wirklich mit Abstand der blödeste Kommentar, den ich jemals bei amazon gelesen habe.
Habs gleich Joanne K. und Paolo erzählt, die mussten auch sehr lachen. So, jetzt ist aber keine Zeit mehr, denn Dan kommt gleich zum Kaffee...

W.

Veröffentlicht am 05.02.2010 12:01:38 GMT+01:00
Pseudonym meint:
Hallo Bücherfee,

danke für die ehrliche Rezesnsion, sie hat meinen ersten Eindruck vom Buch komplett bestätigt und einen Kauf erhindert, über den ich mich nur geärgert hätte.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.02.2010 20:24:21 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.08.2011 17:54:24 GMT+02:00
Bücherfee meint:
@ Wolle aus Nordwest
Danke! Genauso habe ich den genannten Beitrag auch empfunden. Schönen Gruß an Dan und Joanne :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.02.2010 20:39:08 GMT+01:00
Bücherfee meint:
Hallo Pseudonym,
herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Es ist ja immer so eine Sache mit den Geschmäckern, aber selbst Monate nach der Lektüre muss ich noch den Kopf schütteln, wenn ich an einige Episoden denke, die im Buch bejammert wurden - und das, während die Autorin von vielen Menschen umgeben war, die wirklich ungerechte und schwere Schicksale erleiden mussten... Der Eindruck beim Lesen, dass sie ungeheuer egozentrisch schreibt, hat sich im Nachhinein sogar noch verstärkt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.04.2010 19:43:31 GMT+02:00
Fermontagnus meint:
Ich kann verstehen, dass der Bericht der Autorin manchmal so wirkt, wie von Bücherfee beschrieben. Auch wenn es oft hilft, in schweren Zeiten mal einen Blick in die Welt zu werfen, und zu sehen, dass es einem verhältnismäßig gut geht, heißt das aber m.E. noch nicht, dass die Krisen die man selbst hat (z.B. schwere Scheidung o.ä.) für einen selbst nicht dennoch sehr schlimm sind. Sonst müsste es der gesamten westlichen Welt ja immer gut gehen, denn "irgendwo in Afrika gibt es immer ein Kind, das hungert und das ein schwereres Schicksal hat als wir alle". Um es mal etwas platt auszudrücken.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.04.2010 21:10:09 GMT+02:00
Bücherfee meint:
@Fermontagnus

In der Hinsicht gebe ich Ihnen natürlich völlig Recht. Auch in der westlichen Welt gibt es vielerlei Probleme, die z. T. völlig anders geartet sind als in Regionen, wo es um die nackte Existenz geht. Ich habe selbst schwierige Zeiten erlebt und einige Menschen in meinem Umfeld ebenso und wollte das in meiner Rezension auch keinesfalls herunterspielen. Aber was ich nicht mag, ist das selbstverliebte Kokettieren mit einem solchen Zustand, was in diesem Buch immer durchschimmerte bzw. teilweise auch ganz offensiv hervortrat. Ich bin zwar auch eine Verfechterin davon, dass Schreiben ein sehr heilsamer Prozess sein kann und finde gut, dass die Autorin sich auf diese Weise mit ihren Problemen auseinandersetzt - aber mir scheint, sie hat dies weniger getan, um ihren Weg zu finden, sondern vielmehr aus den aufmerksamkeitserheischenden Motiven, die sich durch ihr ganzes Buch wie ein roter Faden hindurchziehen.

Veröffentlicht am 13.09.2010 10:36:55 GMT+02:00
Leseteufel meint:
Hallo Bücherfee,

du schreibst, dass du schon etliche interessante Lebensberichte in dieser Hinsicht gelesen hast. Das würde ich gerne nachholen. ;) Darum die Frage: Gibt es denn einige Leseempfehlungen, die du mir hier verraten würdest?

Veröffentlicht am 15.09.2010 17:46:47 GMT+02:00
S. Wagner meint:
Wer einmal in einer wirklichen Krise steckte, wird nachvollziehen können, wie elementar das ICH und die eigene Existenz werden können. Das hat rein gar nichts mit Selbst-Beweihräucherung, einem Egotrip und Jammern auf hohem Niveau zu tun. Nachts um vier depressiv im Bad... - da geht es ebenfals ums blanke Überleben. Und gerade die Tatsache, daß "eigentlich ja alles gut ist" macht es so schwer! Ich hatte noch nie ein Buch in der Hand, welches in so ehrlichen, eingängigen, sensiblen und treffenden Worten dieses Gefühlschaos um den fehlenden "Kopf-Ausschalt-Knopf" beschreiben konnten. Abgesehen von einer kurzweiligen, spassigen Schreibweise freuen mich die Themen, die angesprochen werden. Es sollte für uns alle immer wichtiger werden, mehr über uns - vor allem über unser Handeln und unseren Glauben - nachzudenken. Ich habe beim lesen gelacht, geweint, geschwiegen, nachgedacht... und ich hatte ganz viel Gänsehaut!
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