Kundenrezension

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein kritisches Liebesbekenntnis, und doch ein Heiden(lese)spaß, 1. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Mein Leben mit Wagner (Gebundene Ausgabe)
Richard Wagner, ein Mann, über den scheinbar schon alles geschrieben wurde, was will man über ihn noch sagen? Politologen, Soziologen, Germanisten, Philosophen, Musikwissenschaftler, Historiker und viele mehr haben sich mit ihm befaßt, und es scheint eigentlich alles gesagt. Doch bei dieser illustren, interdisziplinären Riege kommen ausgerechnet die zu kurz, die den elementarsten Grund haben, sich mit dem Komponisten zu beschäftigen: die Musiker, im Besonderen die Dirigenten!

Dabei sind sie es, die Wagners unendlich eindringliche Musikdramen aus der Wiege der Partitur heben. Sie durchleiden die Abgründe zuerst und stehen a prima vista vor der gigantischen Herausforderung der mehrstündigen Aufführungen.

Ein Leben voller Wagner

DER Wagner-Dirigent unserer Tage weiß davon ein Lied zu singen, genauer genommen: Ein Buch zu schreiben. Christian Thielemann ist dort angelangt, wo sich viele seiner Kollegen nur in ihren kühnsten Träumen wähnen. Seit 2012 ist er Chefdirigent eines der besten Orchester der Welt, der Staatskapelle Dresden. Das macht ihn de facto zum Nachfolger Wagners, der ebenfalls in Dresden Kapellmeister war und den Klangkörper zu Recht als "Wunderharfe" betitelte. Seit 2010 ist Thielemann außerdem musikalischer Berater der Bayreuther Festspiele. 2013, mitten im Wagner-Jahr, debütierte er als neuer künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele mit Wagners "Parsifal". Das ist nicht wenig Wagner im Leben des 54jährigen Berliners.

Der Stil des Buches

Der Band basiert auf Gesprächen, die Christine Lemke-Matwey mit Thielemann in Bayreuth, Berlin, in Salzburg und am Attersee zwischen August 2010 und Juli 2011 geführt hat. Und es ist ihr tatsächlich gelungen, aus den Konversationen rund um Wagner ein in sich geschlossenes, logisches und leicht zu lesendes Buch zu kreieren. Das besondere Verdienst der Journalistin ist dabei, daß man nicht einmal gemerkt hätte, daß es nicht der Maestro selbst ist, der hier "schreibt". Denn sie hat auffallend darauf geachtet, daß es sprachlich zweifelsohne ein Thielemann ist. Seine selbst bekundete „Berliner Schnauze“ ebenso wie seine offene Art prägen den Schreibfluß. Als Leser muß man sich nur noch Thielemanns Stimme ins Gedächtnis rufen, und schon wird die Lektüre zum Monolog des wagneraffinen Berliners.

Der Inhalt

Auf 14 Seiten beschreitet Thielemann "Meinen Weg zu Wagner" und beginnt so den Einstieg in die vielschichtige Beschäftigung mit dem Thema. Wenn man so will, bietet der Maestro hier zunächst eine kleine Autobiografie, natürlich eng verwoben mit Wagner. Es folgt der Komplex "Wagners Kosmos" (140 Seiten), der sich mit eigentlich allem rund um den Komponisten befaßt – von den Bayreuther Dirigenten über das Weltanschauliche, Regiefragen, die vermeintliche Krise des Wagnergesangs bis hin zum Kapitel "Wagner für Anfänger". Fast wird einem schwindelig, welchen Aspekten sich Thielemann widmet, aber weder kommt dabei Langeweile auf, noch entbehren die vielen Seiten der Medaille an interessanten Informationen.

Der dritte Komplex von 125 Seiten Länge ist eigentlich der zweite Teil des Buches. Ab jetzt verläßt Thielemann den Bereich autobiografischer Beschreibung und thematischer Auseinandersetzung mit dem Umfeld des Komponisten und betritt das Feld von "Wagners Musikdramen". Es beginnt mit den Feen und endet mit Parsifal. Dabei folgen den einleitenden Worten Überblicke zur Werkentstehung und Handlung sowie Erläuterungen zur Musik, und zu guter Letzt bespricht und empfiehlt Thielemann schließlich herausragende Aufnahmen.

Durch sein breites inhaltliches Spektrum und den verständlichen Schreibstil eignet sich das Buch zum Herantasten an das Werk des Bayreuther Meisters ebenso wie für Wagnerianer. Während Einsteiger wohl kaum einen fundierteren und kritisch reflektierteren, aber auch beherzteren Zugang in Form ein Buches finden werden, können selbst gestandene Liebhaber des Wagner‘schen Werkes noch einiges dazulernen.

Auffallend...

... sind für mich besonders zwei Dinge: Einerseits die intellektuelle Durchdringung des gesamten Komplexes "Wagner". Hier äußert sich nicht nur ein Künstler, der Wagners Musik liebt. Hier spricht jemand, der den Stoff auch intellektuell durchdrungen hat und immer wieder reflektiert, ein das Handwerk stets betonender Kunstschaffender. Dennoch hat er bei aller Zuneigung auch einen kritischen Blick.

Andererseits hält Thielemann nicht mit Rügen am gängigen Musikbetrieb hinterm Berg, gibt Ratschläge und mahnt. Hier versucht jemand, andere an seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Doch ist der Kapellmeister - den Begriff des Dirigenten mag er nicht sonderlich - niemand, der dafür nicht auch gute Gründe anführen kann. Als Musikbegeisterter klingt das alles sehr logisch, und wenn man die Politik der großen Klassikplattenfirmen und so manche Künstlerkarriere aufmerksam verfolgt, kann man vieles von dem, was Thielemann beanstandet, leider(!) nur bestätigen.

Ein Fazit

"Mein Leben mit Wagner" ist die Bilanz fast eines halben Jahrhunderts emotionaler, geistiger und zuletzt auch handwerklicher Auseinandersetzung mit dem wohl umstrittensten Komponisten der Musikgeschichte. Von diesem intensiven Austausch zwischen Werk und Interpreten zehrt das Buch maßgeblich. Gepaart mit Thielemanns schier endlosem Wagner-Wissen, vielen offenherzigen Bekenntnissen und seiner direkten, geradlinigen und damit erfrischenden Art, die sich auch im Stil niederschlägt, weiß das Werk im Wagner-Jahr tatsächlich noch Neues über einen Mann und sein Werk zu berichten, von denen man glaubte, es sei eigentlich schon alles gesagt worden.

Abschließend bleibt mir als Liebhaber der Musikdramen bei aller Inhaltsschwere eigentlich nur noch eines zu sagen: Auch beim zweiten Lesen machte Thielemanns Buch vor allem eines, einen Heidenspaß!
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.12.2013 22:53:03 GMT+01:00
Vielen Dank für den schönen Text, ich lese auch sonst alle Ihre Rezensionen sehr gerne!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.12.2013 09:43:59 GMT+01:00
Klassikfreund meint:
Vielen Dank für das Lob, das freut mich sehr zu hören!

Veröffentlicht am 09.01.2014 17:33:12 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.01.2014 17:37:58 GMT+01:00
Dirigentenwahl ist auch Sache der Geschmack. Ich liebe viel mehr den Orchesterklang bei Daniel Barenboim (Tristan und Ring erlebt) und Hartmut Haenchen (alles von Wagner in Amsterdam; in januar und februar 2014 noch zweimal den ganzen Ring: leider zum letzten Mal.....

Übrigens ist Wagner als Komponisten nicht umstritten meiner Meinung nach. Ich weiss das nur Strawinski anfänglich Probleme mit Wagners Musik hatte. Aber später korrigierte er seine Aussprache.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.01.2014 10:45:23 GMT+01:00
Klassikfreund meint:
Vielen Dank für Ihren Kommentar.

Ich bin froh, daß diese "Geschmackssache" so viele unterschiedliche Interpretationen zuläßt und natürlich auch fördert.

Was das "umstritten" anbelangt: Die qualitative Güte des Wagnerschen Werks steht heutzutage außer Zweifel. Ich meine deswegen auch nicht das Kompositorische. Aber wenn Sie an Hanslick denken, die Theaterskandale um Wagner-Opern (zuletzt der Düsseldorfer Tannhäuser), deren Rezeptionsgeschichte an sich, das Aufführungsführungsverbot in Israel, und noch immer gehen die Meinungen auseinander, ob bspw. Kundry oder Beckmesser jüdische Züge tragen. Bei Letzterem sehe ich es wie Joachim Kaiser, der sagt, daß Wagner viel zu sehr Profi und Perfektionist war, um so etwas in seine Opern einzubauen - "Hier gilt's der Kunst".

Deswegen denke ich, daß um den Komponisten Wagner (herum) mehr gestritten wird als bei den anderen Großen der klassischen Musik.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.01.2014 13:54:58 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.01.2014 13:58:17 GMT+01:00
Na ja, wenn Sie Eduard Hanslick nennen haben Sie natürlich recht. Bei ihm ging's bei der Kritik wirklich um die Musik Wagners. Aber dieTheaterskandale im Vergangenheit hatten doch alle zu tun mit Regie und Konzeption, nicht mit der Musik. Ob man das Regietheater von z.B einen Peter Konwitschny liebt ist auch Geschmackssache. Ich finde es jedenfalls schrecklich und es hat meiner Meinung nach gar nichts mit Kunst und Gesamtkunst zu tun. Auch die Sache in Israel hat nichts mit der Qualität von Wagners Werke zu machen; das ist eine rein politische Sache (siehe auch Barenboim). Seit die Bücher von Alfred Lorenz (30er Jahren 20.Jahrhundert) über den musikalischen Aufbau in Richard Wagners dramatische Werke und die sehr vielen Aussprachen grosser Komponisten und Musiker in viele Länder ist die Bedeutung des Wagnerschen Werk doch unumstritten. Das es noch immer hie und da sonderliche Personen gibt die in Mime, Alberich, Beckmesser oder Kundry jüdische Züge sehen sagt mehr von diese Personen als vom Werk Wagners. Es wird immer viel hinein-interpretiert bei Wagner. Es gibt ja kein Mensch auf der Erde um wen so viel (auch Unsinn)geschrieben ist als über Richard Wagner und seine Werke (ausser vielleicht Jesus Christus).

Veröffentlicht am 11.01.2014 14:23:57 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.01.2014 14:25:12 GMT+01:00
Ich verstehe Dirigenten wie z.B. Thielemann nicht die sich einlassen oder verbinden mit sogenannte "moderne" Regisseure die besser als die Schöpfer der Musikdramen wissen warum es geht in diese Werke. Bei Wagner - und auch bei Strauss - sind diese Werke aus dem Geiste der Musik entstanden. Das sehen wir z.B nicht bei den Jahrhundert-Ring (das hat Chereau in 1976 auch zugegeben!). Ganz anders war es bei den Tristan und Isolde vom 7. Dezember 2007 in Mailand (Chereau/Barenboim) und auch auf DVD erschienen: da hat Chereau eingesehen wie man arbeiten soll am Werk Wagners. Auch ein Christoph Schlingensief hat sich bei den Parsifal-Inszenierungen (Bayreuth 2004 - 2007) leiten lassen durch die Musik von Wagner.
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