Kundenrezension

8 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jenseits von Amrerika, 20. September 2012
Rezension bezieht sich auf: To Rome with Love (DVD)
In einer Epoche der Zeitenwende schrieb Boccaccio sein berühmtes Decameron. Der Inhalt: Eine Gesellschaft kluger Leute zieht sich auf der Flucht vor der Pest auf ein Landgut zurück und erzählt sich Geschichten von Eros ,Liebe und Tod. Hunderte von Jahren später geschieht Ähnliches. Ein kluger Mann, mittlerweile in der Mitte seines achten Lebensjahrzehnts angekommen,flieht nach Italien vor einer Seuche und erfindet Geschichten, die ebenso um die Grundpfeiler der menschlichen Existenz kreisen. Der kluge ältere Herr ist als Woody Allen bekannt, die Pest vor der er flieht ist der American Way of Live in seiner aktuellen, vielleicht höchsten Stufe der Abscheulichkeit.

Woody Allen scheint sein verlorenes Arkadien des New York der 70-iger Jahre in Europa wiedergefunden zu haben. Nach London,Barcelona, Paris, widmet er sich nun Rom. Er tut dies in einer Form der Angreifbarkeit, die den Sitzplatz der Intelligenz darstellt -zwischen allen Stühlen.
Allen macht sich tatsächlich schon im Grundkonzept angreifbar. Wie einst Boccatio bietet er uns einen Strauß scheinbar unzusammenhängender Geschichten- heiter, sinnlich, schlicht albern,nachdenklich, dann surreal. Der rote Faden ergibt sich allenfalls subkutan auf der Bedeutungsebene, keinesfalls in einer Verflechtung der einzelnen Handlungsstränge. Darüber hinaus wählt Allen eine Betrachtungsweise, die explizit subjektiv ist. Wir finden eine Fülle von autobiografischen Verweisen, versteckten und offenen Selbstzitaten und Insidergags, die nur der Allen-affine Zuschauer versteht. Und damit nicht genug. Allens Rom, nicht minder als Allens Barcelona oder Paris, ist schier hoffnungslos romantisiert.
Es sind eher Traumbilder als reale Städte.

Darf man das? Meiner Meinung darf man das wenn man Woody Allen ist . Denn seine Selbstzitate sind mehr als ein Ausdruck therapieresistenten Narzissmus. Allen zitiert, zitiert er sich selber, aus dem Fundus des bedeutendsten amerikanischen Filmemachers der letzten 50 Jahre. Sein Subjektivismus ist die Subjektivität eines Genies. Und was die romantische Verklärung angeht: Sie bietet uns ausführlich Gelegenheit darüber nachzudenken, was wir nach 2000 Jahren Kulturgeschichte hätten sein KÖNNEN, gerade im Vergleich zu den aktuellen Zuständen in den USA ,die jeden denkenden Menschen als unerträglich erscheinen müssen. Mit etwas Nachdenken ist es gerade Allens Idealisierung unserer Lebensrealität, die uns zu der Frage führt: Richten wir unser Denken und Handeln weiterhin nach einer selbsternannten westlichen Führungsmacht aus? Oder ist uns Europäern, ganz gleich welcher Nation ,nicht doch deutlich mehr zuzutrauen?

Allens To Rome with Love ist der Film eines Meisters ,der niemanden mehr etwas beweisen muss. Auf dem Papier scheint der Cast eine Ansammlung von Fehlbesetzungen. Gerade dieser Alec Baldwin als kluger und kreativer Mensch ,der entdeckt wo und wie er sich selbst verriet? Haben wir hier nicht einen, ein wenig klebrig wirkenden, Repräsentanten einer Oberflächlichkeit, Marke "alternder Playboy" ? Und die junge hochtalentierte Ellen Page als femme fatale,ist sie doch offensichtlich keine übermässige Schönheit und überhaupt, warum nicht wieder Scarlett Johanson, die Reinkarnation der Monroe, die...
Genug! Allen war wieder klüger. Baldwins Schmierigkeit zeigt haargenau,was Geld und Erfolg aus dem einst netten Jungen ,voller Ambitionen gemacht haben. Und Ellen Page bietet einerseits für Allen die Möglichkeit einer Reminiszenz an die junge Diane Keaton, andererseits ist gerade ihre Unscheinbarkeit ihr Trumpf. Sie verdeutlicht Allens Intention des Drama des begabten Erwachsenen: Die Neigung das Nichts als Projektionsfläche der eigenen Wunschvorstellungen zu nutzen. Es geht hier nicht um Schönheit sondern um die Illusion davon. Scarlett Johanson hätte dies zerstört. Sie hätte das, was nur im Kopf des jungen Mannes existiert real werden lassen.

To Rome with Love ist in mancherlei Hinsicht die Summe aus Allens bisherigen Schaffens. Es finden sich die chaotisch bekennenden Albernheiten der Frühwerke wieder. Nach bissigen Kommentaren zu Wagner ist es diesmal die italienische Oper und ihr Lieblingsfetisch- der Tenor, der sein Fett abbekommt. Penelope Gruze taucht in einer äußerst prosaischen Rolle auf, die das exakte Gegenteil der hypersensiblen Künstlerin aus Vicky ,Christina, Barcelona darstellt. das Factum der Sterblichkeit, jenes Hauptsujet das Allen mit Ingmar Bergmann teilt ist immer wieder präsent. Bereits die erste Einstellung, die den Autor und Regisseur als Schauspieler zeigt ,bietet uns Allens Vorschlag wie man sich Sisyphos glücklich denken kann: Durch Lachen das allein das Sein zum Tode erträglich macht. Die von Roberto Begnini erfreulich wenig hypoman dargestellte Figur eines kleinen Angestellten in surrealistischer Lebenssituation erinnert an all jene Allen- Figuren auf einem Trampelpfad neben der Straße der Realität seit dem "Sleeper". Dazwischen betrachten wir die üblich verdächtigen Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt in fast schamlos plakativen Einstellungen und auffällig miserabler Bildqualität. Absicht oder wieder der romantisch -verklärte Blick auf ein besseres Land jenseits der "Shining-City-at the Top of the Hill" des puritanischen Fundamentalismus.

In To Rome with Love tritt Allen still und leise den richtigen Leuten auf die Füße. Paradigmatisch in der tönenden Hohlheit, dem quasi rotierndem NICHTS, des von Ellen Page so trefflich dargestellten Zustandes, spiegeln sich jene ,die Selbsterkenntnis am meisten fürchten. Ihnen ist Allens Gespenst des Todes, das Ende eines Lebens, das nie begann. Die Welt ist da, wo Allen sie haarsträubend banal zeigt, meist noch haarsträubend banaler.
Allen weiß: Das vollständige Ersetzen der Realität durch das "als ob" drängt aus der Finanz und Wirtschaftswelt in alle anderen Lebensbereiche. Lucien Israels einstige "Unerhörte Botschaft der Hysterie" ist einer allein erhörten Botschaft der Hysterie gewichen. Und gerade daher scheint manchem sinnentleerten Charakter Allens Darstellung der Sinnentleerung, langweilig und handlungstechnisch vorhersehbar. Dieser Zuschauer hat das Sujet die ganze Zeit mit sich herumgetragen. Bislang nur so angenehm unbewusst.

Boccaccios Gesellschaft kluger Leute übersteht die Pest mit Geschichten. Wir werden sehen wie weit wir es in dieser Sache bringen. Unsere Chancen stehen definitiv schlechter.
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