Kundenrezension

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Düster, dräuend und....dämonisch?, 7. Januar 2013
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Rezension bezieht sich auf: Arthaus Retrospektive 1943 - Ich folgte einem Zombie (DVD)
[ACHTUNG: SPOILER]
Die Krankenschwester Betsy tritt einen neuen Job auf der Karibikinsel San Sebastian an. Sie soll auf einem Anwesen die junge Jessica Holland versorgen, die - sehr zum Unglück ihres Mannes Paul - in eine Art katatonische Starre verfallen ist. Sie lebt, doch ihr Geist scheint entrückt, möglicherweise gar zerstört. Der verbitterte Ehemann Paul versucht ihr schon auf der Überfahrt vom Überseehafen auf die Insel zu vermitteln, daß das, was ihr schön erscheint (hier: Fliegende Fische über der spiegelglatten, scheinbar leuchtenden See), in Wahrheit ein Spiegel der rauhen, vielleicht gar bösen Natur sei: die Fische flögen aus Furcht, sie seien auf der Flucht, das leuchten der See käme von toten Algen: Alles sei Vergehen und vergänglich, was schön sei, sei oft nur ein Abbild des Todes. Auf dem Anwesen, dessen Eingang von einer zweckentfremdeten Gallionsfigur, die den heiligen Sebastian darstellt, geschmückt wird, lernt Betsy dann die anderen Bewohner kennen: Wesley, der Bruder von Paul, ein Alkoholiker, der wohl ein dunkles Geheimnis brütend mit sich trägt und die Mutter der beiden, Mrs. Rand. Sowohl der Hausarzt als auch Paul haben jeweils eine Erklärung für Jessicas Zustand: der erstere hält ihn für die Folge eines Tropenfiebers, der letztere deutet seine Verantwortung an, ohne zu sagen, worin diese bestünde. Nach und nach verliebt sich Betsy in ihren Arbeitgeber. Selbstlos, wie sie ist, will sie gerade deswegen Jessica heilen, um Paul glücklich zu sehen. Dieser jedoch läßt sie wissen, daß seine Gefühle ihr gegenüber den ihrigen nicht unähnlich sind, er also Jessicas Heilung nicht unbedingt wünsche. Betsy will nicht aufgeben und folgt dem Rat einer Hausangestellten, einen Voodoopriester aufzusuchen, möglicherweise habe Jessicas Zustand etwas mit den ominösen Zauberpraktiken der einheimischen Magier zu tun? Da die Betsy bekannten Methoden der Schulmedizin (Insulinschocks) nicht helfen, führt sie Jessica nachts zu dem Voodooplatz, wo sich der große Magier als niemand anderes als Mrs. Rand entpuppt, die sich den Voodooglauben der Einheimischen zu Nutze macht, um sie "normalen", also schulmedizinischen Untersuchungen unterziehen zu können. Und so schließt sich der Kreis. Es hatte sich zuvor schon angedeutet, daß Wesley in Jessica verliebt gewesen ist und Mrs. Rand wollte ein innerfamiliäres Zerwürfnis dadurch verhindern, daß sie Jessica - und zwar mittels eben jener von ihr als unseriös abgelehnten Voodoo-Praktiken - in deren Zustand versetzte. Jessica wird nach hause gebracht. Doch währenddessen nehmen die Einheimischen ihre Rituale wieder auf, sie werden intensiver und schließlich durchsticht einer eine Puppe mit eienr Nadel. Wesley zieht aus der San-Sebastians-Statue einen der Pfeile, ersticht Jessica und trägt deren Leichnam hinaus ins Meer. Bei Ebbe ziehen die Wattfischer los und finden die beiden - tot.

Jacques Tourneur drehte für RKO einen kleinen Zyklus an Horrorfilmen, deren zweiter dieses sehr kurze aber höchst intensive Werk war. Zusammen mit dem Produzenten Val Lewton etablierte er einen atmosphärisch dichten Stil, der ästhetisch höchsten Ansprüchen genügte, zugleich jedoch jedes Bild doppeldeutig und dadurch bedrohlich wirken ließ. Was in der ersten dieser Koproduktionen, "Cat People", vor allem in Innenräumen funktionierte und zu einem enorm eleganten Spiel mit Formen und Schatten führte, wird hier in die Natur hinaus getragen (wobei viele der Außenszenen hier wohl Studioaufnahmen sind). Die Insel - Paul läßt daran während der Überfahrt zu Beginn des Films keinen Zweifel - scheint verflucht. Alles hier ist träge, langsam. Fast meint man trotz der schwarz-weiß-Bilder die Sonne zu spüren, die Hitze, die einen in der feuchten Luft kaum atmen läßt. Ein schwüler Film. So herrscht von Anfang eine bedrohliche Atmosphäre, die aber zugleich weder durch sichtbare, noch akustische Zeichen bestätigt wird. Das Leben hier scheint einem eigenen Rhythmus zu folgen, dem Betsy sich anpassen muß, dazu gehören scheinbar eben auch die menschenfeindliche Umgebung und die seltsamen Rituale. Abends dringen die Trommeln der Einwohner zu den Bewohnern der Plantage hinüber.

Tourneur verzichtete hier, wie eigentlich in all seinen Filmen (außer, wenn er, wie in "Night of the Demon" zu anderem gewzungen wurde) auf den sichtbaren Horror. Nie sieht man etwas, das einen wirklich verstören könnte, es werden keien visuellen Schocks verabreicht, oberflächlich gesehen, passiert nicht einmal viel. Wenn Betsy Jessica durch die Bambusrohre und das Schilf zu der Voodoostätte bringt, dann ist dies - darin den expressionistischen deutschen Filmen der 20er Jahre nicht unähnlich - zwar ein lautloses aber fast abstraktes schwarz-weißes Spektakel aus Schatten und Licht. Diesem zu folgen ist für den Zsuchauer sowohl ein ästhetisches Vergnügen, denn Tourneur betont hier Schönheit (der man ja, wie Paul erklärte, im Zusammenhang mit diesem Ort eh nicht trauen darf), als auch ein Schrecknis, denn in der Schönheit, der Ästhetik der Szene liegt auch etwas Dräuendes. In diesem Dickicht kann alles lauern. Was dieses ALLES sein könnte, bleibt jedoch vollkommen der Phantasie des Zuschauers überlassen. Wie so vieles an diesem Film und den anderen typischen Tourneurfilmen.

Der "Zombie" schließlich, der in dem Dickicht eine Art Wegweiser darstellt, ist später derjenige, der auf die Plantage geschickt wird (?), um Jessica zu holen, indem sie ihm folgen soll - deshalb der Titel des Films. Und dieser "Zombie" wird sie schließlich auch am Ende des Films zurück auf die Plantage tragen, nachdem man ihre und Wesleys Leiche gefunden hat. Was daran ebenfalls schauerlich ist, ist weniger die Gestalt des Zombies selbst (obwohl diese ebenfalls dazu angetan ist, Schrecken zu verbreiten, nur spielt Tourneur das nicht aus, so daß der Zuschauer den Anblick nicht schockartig, sondern wie nebenbei geboten bekommt), vielmehr ist es die Selbstverständlichkeit, mit der jeder - auch Betsy erstaunlicherweise - dieser Figur begegnet. So wird der Film auch eigentlich erst zum Horrofilm: Der Zuschauer kann sich in dieser Welt nicht wirklich zurecht finden. Alles wirkt wie eine Traumlandschaft. Und wie uns in Träumen manchmal Dinge wie selbstverständlich erscheinen, die wir im "realen" Leben befremdlich finden, so begegnen uns auch hier immerzu Zustände, Figuren und Haltungen, die wir zunächst ganz "normal" finden, dann erst, mit der Zeit, eher seltsam und bedrückend.

Tourneur bevorzugt hier, anders als in "Cat People", eine scheinbar klare Auflösung. Daß Mrs. Rand ihre Schwiegertochter in Trance versetzte, um ihre Familie zu retten (also freudiansich gesehen das Muttermonster, das Hollywood so liebte), ist dann eben eine sehr profane Auflösung, die lediglich durch die Szenen, in denen die Eingeborenen die Rituale wieder verstärken und dann die Nadel in die Puppe stechen, konterkariert. So haben wir es schließlich mit einem psychologischen Übermutterdrama zu tun. Darin liegt vielleicht eine kleine Schwäche des Films. Allerdings liegt hier auch jener Punkt des Films, der aus heutiger Sicht leider nicht ganz zu verschweigen ist: Sowohl Mrs. Rand als auch der Hausarzt der Hollands geben zu, Voodoopraktiken zu nutzen, um die Eingeborenen zu überreden, Medizin zu sich zu nehmen. Der Film nimmt vollkommen diese Position ein. Das bedient natürlich Klischees, die in den 1940er Jahren zwar auch schon rassistisch waren, damals allerdings noch weitaus salonfähiger. Wir heutigen müssen schon konstatieren, daß der Film Eingeborene als zumindest etwas minderbemittelt (und das nicht in materialistischer Weise) darstellt. Das fängt bei Aberglauben an und geht über die genutzte Sprache bis hin zur Bedrohlichkeit schwarzer Körper. Denn gleich wie Tourneur den "Zombie" auftreten läßt - es ist ein Hüne, dunkelhäutig mit weit hervorstehenden Augen. Er entspricht einem damals herkömmlichen rassistischen Klischee, ähnlich wie es 10 Jahre zuvor Cooper und Schoedsack im originalen "King Kong"-Film bedient hatten. Der schwarze Mann als unheimliche Bedrohung. Potent, stark und immer in der Lage, den Weißen die Frau zu stehlen. Tourneur dreht die Spirale lediglich etwas weiter, wenn er den schwarzen Mann dann aber auch als willenlos und unterwürfig zeigt. Allerdings könnte man dem Film auch vorwerfen, sowohl die Insel als auch ihre Einwohner so oder so lediglich als Dekoration zu nutzen. Dies alles ist eigentlich nur exotischer Hintergrund zu dem schon erwähnten Mutter-Sohn-Drama, das ebenso im schottischen Hochland oder auf einer Ranch in den Weiten des Wilden Westens spielen könnte.

Doch soll das alles nicht den Film schmälern. Innerhalb der Genreregeln und seiner Zeit geschuldet, ist es einer der überzeugendsten Grusel/Horrorfilme, die Hollywood neben den klassischen Universalstreifen a la "Dracula" und "Frankenstein" hervorgebracht hat. Tourneurs Stil ist prägend gewesen und einzigartig. Niemand hat Horrorfilme in jenen Jahren in Hollywood auf diese Art und Weise gedreht und den Horror, also den Schrecken, den Menschen angesichts (zunächst) unerklärlicher Ereignisse empfinden, derart interpretiert. Zeitlos. Schön. Schrecklich.
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-9 von 9 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 07.01.2013 19:16:05 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
NACHTRAG:

Eine Diskussion über die Rezension ergab eben, daß die "Übermutter" stärker als Interpretation kenntlich sein müsse. Wahr ist, daß Mrs. Rand durchaus auch als Zweifelnde dargestellt wird. Und in gewissem Sinne auch als sich Opfernde, indem sie die Schuld auf sich nimmt und auch ihre Zweifel an ihren eigenen Wahrnehmungen und Urteilen zugibt. Schließlich zieht sie ernsthaft in Erwägung , daß der Voodoozauber möglicherweise doch mehr als reiner Aberglaube sein könnte.

So bleibt "I walked with a zombie" letztlich auch an diesem Punkt ambivalent.

Eben ein echter Film von Jacques Tourneur.

Gruß,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.01.2013 20:04:17 GMT+01:00
Hi Gavin,

wieder mal eine reichhaltige und zur Diskussion anregende Rezension über einen wirklich sehr ambivalenten Film. Gerade diese Ambivalenz und die Fähigkeit, den Zuschauer dazu zu bringen, sich den Schrecken selbst auszumalen, anstatt ihn vorgeführt zu bekommen, sind für mich Punkte, die einen guten Horrorfilm ausmachen. Wobei meine Affinität zu Gruselfilmen ohnedies eher mittelmäßig ausgeprägt ist; M. Bähre und Du hattet Euch ja an anderer Stelle darüber ausgetauscht, welche Genres Ihr präferiert. Ich würde für mich an die erste Stelle ganz klar den Western setzen, dann den Film noir und auf fast gleicher Höhe diese seltsamen Filme, die sich in keine Schublade einordnen lassen, wie "Fight Club", "Twelve Monkeys", "Being John Malkovich". Dann folgen aber auch schon Thriller und Krimis, v.a. aus den (gefühlten) 70ern. Gruselfilme mag ich eigentlich schon, aber es gibt ihrer ja so wenige wirklich gute - vielleicht kommt man auf etwas über zwei Dutzend?

Nicht ganz konform gehe ich in Deiner Rezension übrigens mit dem Verweis auf den Rassismus, den ich hier nicht so deutlich gesehen habe, der sich allerdings durch Deinen Kommentar auch schon wieder ein wenig relativiert, denn es ist ja gerade so, daß der Voodookult eben nicht nur ein leerer, wirkungsloser Aberglaube zu sein scheint, d.h. die Kultur der Schwarzen wird hier nicht als unterlegen dargestellt. Als gefährlich, als unheilvoll vielleicht, aber auch die meisten Weißen machen in diesem Film keine gute Figur. Wesley ist ein quasi-inzenstuöser Alkoholiker, sein Bruder ein schwacher Zyniker, und die Mutter glaubt, der Zweck heilige jedes Mittel. Darüber hinaus wird ja auch die Überlegenheit eurozentrisch geprägter Medizin und Wissenschaft in Frage gestellt, schon in dem Moment, in dem Mrs. Rand sich des Voodookultes bedient, um ihre Ziele zu erreichen, denn alles in allem scheint sie - wie Du ja auch sagst - an den Kräften ihrer eigenen Wissenschaft zu zweifeln. Diese erweist sich denn ja auch als machtlos in dem Bestreben, den Bann von Jessica zu nehmen.

Was die Darstellung des Carrefour angeht, so habe ich diese auch nicht als wirklich rassistisch angesehen, denn letzten Endes dient er ja nicht dem Voodoopriester - also Mrs. Rand -, sondern dem Dämon, dessen Kräfte sie ausnutzen möchte. Ebenso wie Wesley vom Alkohol und den Reizen Jessicas überwältigt ist, oder wie Paul seinen Depressionen nachhängt.

Ich meine, Du machst den o.a. Vorbehalt ja auch in sehr abgeschwächter Weise, so dass uns vielleicht gar nicht so viel bei der Betrachtung des Filmes trennt.

LG,
Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.01.2013 20:47:34 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo Tristram!

Danke für Deine lobenden Worte. Die gestrige Diskussion hier bei mir daheim hat allerhand interessante und bedenkenswerte Zusätze ergeben. Ich bleibe dennoch bei der einmal eingestellten Rezension und nehme die Kritik in Kauf. Den Hinweis auf den Rassismus möchte ich auch eher so verstanden wissen, wie Du es sagst: Da ist ein gewisse, ihrer Zeit geschuldete Sichtweise auf Schwarze (daß Mrs. Rand eben Voodoo nutzt, deutet m.M.n. darauf hin, daß die Eingeborenen eben nicht "bekehrbar" sind und nur mit "primitiven" Mitteln dazu bewogen werden können, sich der "besseren" Medizin zu öffnen. Mrs. Rand zweifelt dann ja auch nur in Bezug auf die Krankheit ihrer Schwiegertochter. Die Behandlung "herkömmlicher" Krankheiten stellt der Film ja durchaus nicht in Frage).

Aber all das sei eben auch nur erwähnt. Es ist ganz sicher nicht ein wirklich rassistischer Film. Mir ging es da eher darum, herauszuarbeiten (aber wenn ich das jetzt hier noch mal explizit sage, deutet das ja an, daß die Rezension nicht so ganz gelungen ist...na ja), daß das, was aus heutiger Sicht schnell so wirken kann, in den 1940er Jahren in Hollywood Gang und Gäbe war. Und das war schon so. Deshalb auch mein Hinwies auf den älteren "King Kong", der ein zwar toller (finde ich wirklich) dennoch auch wirklich rassistischer Film ist.

Was die Genres angeht, da halte ich es ähnlich wie M. Bähre - die Gattungszuordnungen sind immer etwas willkürlich. Western, denke ich, sind da noch am ehesten einzuordnen, Copmovies (also Krimis) auch, aber schon und gerade beim Noir wird es schwierig. Ist "The Wrong Man" von Hitch ein Noir? Ist "Fugitive from a Chaingang" ein Noir?

Was nun Horror/Gruselfilme angeht - da bin ich dann doch zu sehr von diesen geprägt, als daß ich nicht auf mehr als 20 gute käme, wenn ich durch die Filmgeschichte schaue. "Caligari", "Nosferatu", "Phantom of the Opera" mit Lon Chaney, "The Man Who Laughs" mit Conrad Veidt - und das sind erstmal alles Stummfilme. Wie ich M. Bähre schon schrieb, muß ein Westernverächter oder auch nur jemand, der es mit dem Genre nicht so hat, ja auch nicht unbedingt noch gut finden, was wir als Afficionados gut finden; "Der Einzelgänger" mit Mitchum, gerade mein Beispiel, wurde neulich von einem Freund als öde bezeichnet. Er wiederum schaut eh kaum "alte" Filme usw. Wir würden den Film dagegen wahrscheinlich schon auf eine Liste mit den besseren Western setzen (vielleicht nicht unter die ersten 20, aber auch nicht sooo weit davon entfernt, oder?).

Ich überlege ja, mal meine erste Liste hier anzulegen, Horrorfilme wären eigentlich ein guter Anfang...

Was Du sagst zu Filmen wie "Fight Club" und "Twelve Monkeys" ist ja eigentlich im modenen Kino viel häufiger: Genrefilme sind diese ja im engeren Sinne alle nicht. Das Genrekino wie es das klassische Hollywood hervorgebracht hat, denke ich, gibt es eh nur noch vereinzelt. Ist "The Hurt Locker" noch ein Kriegsfilm? Übrigens bin ich wirklich gespannt auf "Zero Dark Thirty" oder wie er nun heißt.

Nun denn, seit nahezu 2 Stunden will ich einen Film schauen und stattdessen lese ich, poste ich und telefoniere ich. So wird das nichts heute...

Auf bald,
Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.01.2013 13:23:26 GMT+01:00
Montana meint:
Hi Gavin, interessante Besprechung dieses Films. Ich muss bekennen, daß ich Tourneur sehr bewundere und "Out of the Past" mein absoluter Lieblingsfilm ist. Neben 100 anderen. ;) I walked fand ich interessant, gerade wegen der Muttermonster-Thematik. Ich halte Films Noirs, und dazu zähle ich auch diesen Film, immer am interessantesten, wo Geschlechterrollen hinterfragt und umgedreht werden. Also, "Laura", wo zwei schwule Männer um dieselbe Frau konkurrieren, "Leave her to heaven", wo die Hauptfigur sich nur in den Mann ihrer Träume verliebt, weil er aussieht, wie Papa. "Subset Boulevard" ist ja in gewisser Weise auch ein Mama/Sohn-Verhältnis. "Dein Schicksal in meiner Hand" von Mackendrick mit Lancaster ist auch ein Inzest-Movie, "Angelface" etc.
Hier bei "Zombie" ist die Mama dazu ja auch noch so lieb, und trotzdem ist sie für die ganze Tragödie verantwortlich. Da beginnt für mich ganz persönlich, der Horror-Film.

Ich war nie ein großer Fan des Genres, da ich es einfach nur für billiges Zeug hielt, in letzter Zeit fängt aber das Horror-Genre an, mich immer mehr zu faszinieren. The Texas Chainsaw Massacre, den besprachen wir ja letzens miteinander. Der würde mich z. B. sehr interessieren. Zombie-Filme, Vampir-Streifen usw, haben auch plötzlich eine Anziehung auf mich. Du hast schon recht, daß die Ursprünge des Genres im Stummfilm liegen. Nosferatu wäre da nur ein Beispiel. Der Student von Prag von Wegener mit Veidt, Humunculus, Die Hände des Orlac würde ich alle sehr gerne sehen. Ganz nebenbei ist auch der Stummfilm meine heimliche Leidenschaft.
Lg. M.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.01.2013 16:09:19 GMT+01:00
Hallo allerseits,

tja, die Genreschubladen sind manchmal wirklich zu klein geworden, und immer wieder gibt es Unsicherheiten. Wie ich in einem Post weiter unten bei Dir heute schon gesagt habe, habe ich mir jetzt folgende Faustregel zurechtgelegt: Ist ein Film sehr gut, dann ist er mit Sicherheit ein Western, irgendwie. Manchmal braucht es auch keine Cowboyhüte, die man im Westen ja wohl ohnehin eher selten getragen hat, wie uns Altman ja dankenswerterweise gezeigt hat, um einen guten Western zu machen. So ist "Bad Day at Black Rock" für mich zum Beispiel ein Western, und zwar ein sehr desillusionierter. Wo Du gerade "Der Einzelgänger" mit Mitchum erwähnt hast, möchte ich Dir nochmals (?) den sehr, sehr, sehr unterschätzten "Day of the Outlaw" ans Herz legen.

Zum Rassismus in "I Walked with a Zombie" und "King Kong": Es waren sicherlich Filme, die sich unreflektiert bestimmter rassistisch motivierter Klischees bedienten und die in unserem Zeitalter der von PC erleuchteten Allesrichtigmacher in Ungnade fallen könnten, aber dennoch würde ich sie von wirklich rassistischen Filmen wie "The Birth of a Nation" - den ich allerdings wirklich gut gemacht finde - abgrenzen, sind Filme wie der Letztgenannte doch auch dazu da, Rassismus zu propagieren. Hier haben wir die wahren rassistischen Filme, während viele andere eben in Zeiten gemacht wurden, in denen man bestimmte Dinge eben nicht hinterfragte. Nach den strengen Maßstäben wäre "Gone with the Wind" ja auch ein rassistischer Film. - Ich glaube allerdings, wir teilen im Grunde dieselbe Anschauung in dieser Frage der Gradierung.

"I Am a Fugitive from a Chain Gang" habe ich noch nie gesehen, mir indes vor zwei, drei Tagen bestellt. Was "The Wrong Man" betrifft, so ist er einerseits wohl schon ein Noir (ein verfolgter Unschuldiger, dann das Motiv der Aussichtslosigkeit, die den einzelnen zu einem Spielball macht), andererseits geht er aber in Richtung des Dramas. Aber wie Du oder M. Bähre einmal sagten, ist der Film noir ja ohnehin oftmals eng dem Melodram verwandt - dies war damals, als wir über "Double Indemnity" diskutierten.

Euch allen einen schönen Samstag,
Tristram

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.01.2013 12:02:27 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo Montana!

Tourneur ist schon einer der ganz Großen gewesen, würde ich sagen. Sein "Ton", dieser seltsame Stil, der andeutet und es meist vermeidet, eindeutig zu werden, ist toll. Deine Aussagen zu "Out of the Past" treffen meine volle Zustimmung.

Die "Geschlechterverdrehung", ums mal so zu sagen, ist ein interessantes Spiel im Hollywoodfilm. Und ein steter Quell sexueller Anspielungen, die man ja kaum machen durfte, nachdem der Hays Code erst einmal eingeführt war: "Some Like It Hot", "I was a male war bride", im Western "Forty Guns" und "Johnny Guitar". Vor allem Wilders Jahrhundertfilm erlaubte sich ja eine Anspielung nach der anderen - bis hin zu homosexuellen Möglichkeiten ("Im not even a woman!" - "Well, nobodys perfect" - GRANDIOS!!).

Was das Horrorfilmgenre angeht - M. Bähre und ich hatten da bis gerade eben eine Diskussion unter meiner TCM-Rezension - muß ich offen zugeben: Da komm ich her, filmisch gesehen: Als Kind ein Westernfreak, wurden mir die Schmuddelfilme aus der hinteren Ecke der Videothek lange die liebsten. Heute würde ich problemlos immer noch eine lange Liste von Filmen zusammen gestellt bekommen, die für mich Perlen des Genres sind, aber einige gefielen wahrscheinlich nur denjenigen, die es eh schon mögen.

TCM gehört allerdings - wie dieser hier auch - zu den echten Klassikern des Genres, keine Frage! Und die von Dir genannten ebenfalls. Gerade der Stummfilm hat echte Höhepunkte hervorgebracht!

Liebe Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.01.2013 12:31:12 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Hallo Tristram!

Was die Genres angeht: Es gibt ja diese Aussage, ich weiß nicht, wer es sagte, daß JEDER amerikanische Spielfilm ein Western sei. In gewissem Sinne ist da was dran. Im "modernen" Kino ist es dann der Cop, der Abenteurer usw. Eines jedenfalls würde ich schon sagen: Der Western (und der Gangsterfilm) sind die beiden originären Genres Hollywoods/des Filoms (generell). Bei Slotkin lese ich gerade wieder, daß es eben auch die Pulps der 1880er und 1890er Jahre gab, aber aus ihnen entwickelte sich ein gewisser Blickwinkel. Das Genre selbst halte ich für spezifisch filmisch.

Die Rassismusfrage in Hollywoodfilmen gerade der 30er und 40er Jahre ist immer ein zweischneidiges Schwert. Ich sehe es wie Du: Es gab eine bestimmte Betrachtungsweise (vielleicht erinnert sich jemand an die "Mecki"-Bücher der 50er und 60er Jahre: purer, reiner Rassismus, aber eben "angängig", weil es der herrschenden Sicht auf Schwarze und Chinesen schlicht entsprach), der entsprochen werden konnte, ohne daß sich jemand daran stieß, aus heutiger Sicht sind das dann übelste Machwerke. Aber ich stimme Dir zu, daß es meist eher unbedacht als böswillig war. Im Moment werden in "Pippi Langstrumpf"-Büchern Worte wie "Neger" ausgetauscht. Man mag von dieser Art des PC halten, was man will (ich finde es schon seltsam und frage mich: werde ich demnächst Conrad, Cooper, Melville, Goethe, Dickens usw usf in "bereinigten" Ausgaben lesen müssen? Ich persönlich bin dann nämlich froh, die alten zu besitzen)...

Hier, in "I walked with a zombie" würde ich den "Rassismus" eher als Grundrauschen eben einer seiner Zeit geschuldeten Betrachtungsweise des Fremden ansehen. Bei "King Kong" befürchte ich, sieht die Sache ein wenig anders aus, bei "Birth of a Nation" wiederum ist es etwas komplett anderes. Da wird offensiv Rassismus ausgestellt. In gewissem Sinne trifft dies auch auf "The Jazz Singer" zu (v.a. wen man die Produktionsbedingungen betrachtet), bei "Gone With The Wind" wäre eine genauere Betrachtung schon nicht uninteressant. Mitchell geht der Problematik ja auf ebenso elegante wie wiederwärtige Art und Weise aus dem Weg - alles glückliche "Neger", die natürlich total freiwillig bleiben und Scarlett eben helfen WOLLEN!

Daß das in Wirklichkeit etwas anders aussah und die Schwarzen natürlich auf den Plantagen bleiben MUSSTEN (oft zu schlechteren Konditionen als zuvor), da ihnen gar keine andere Möglichkeiten blieben, wollten sie nicht verhungern oder in ihnen vollkommen fremde und wahrscheinlich zunächst auch unheimliche Massenstädte wie Chicago gehen, umgeht "GWTW" somit einfach.

Dazu muß ich sagen: Ich mag den Film sehr, man sollte aber den - ebenso wie das Buch - wahrscheinlich erst genießen (dürfen) wenn man ein paar Semester amerikanische Geschichte intus hat...oder so...(two old friends meet: "Whatre ya doing nowadays?" - "Studying american history." - "Really? Whatre ya doing in the afternoon?")

Danke Dir für den Tipp "Day of the Outlaw" - werde ich bestellen! Und viel Spaß bei "Fugitive", ich mag den Film und finde Warners frühe sozialdramatische Werke manchmal richtig gut. Wir können dann ja mal diskutieren, wie die Sache hinsichtlich eines Noir aussieht. Melo ist dieser nämlich nicht - "The Wrong Man" aber eben auch nicht, während der von Montana erwähnte "Out of the Past" m.E. sehr wohl in die Richtung geht.

Schwierige Fragen, zum Glück! Denn dann geht uns der Stoff nicht aus ;-)

Grüße,
Gavin

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.01.2013 14:07:20 GMT+01:00
Montana meint:
Kleine Korrektur, Gavin. Es heißt nicht "I'm not even a woman!" sondern schlicht: I'm a man! Bitte, wenn Du schon aus meinem Lieblingsfilm zitierst, dann zitier richtig. ;)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.01.2013 14:16:00 GMT+01:00
Gavin Armour meint:
Sorry, soll nicht wieder vorkommen!
;-)

Gruß,
Gavin
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