Kundenrezension

33 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Traum vom deutschen Belcanto, 11. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Richard Wagner: Die Walküre (Audio CD)
Nach dem für mich überzeugenden Parsifal nun die Walküre unter Valery Gergiev aus Petersburg - Beginn eines kompletten Zyklusses? Nach dieser Walküre hoffe ich das sehr. Gergiev hat für die Walküre ein Sängerensemble ins Mariinsky-Theater geholt, dass schlicht grandios ist und das auch im Vergleich mit den historischen Großtaten. Wagner selber hat sich ja immer gewünscht, dass seine Opern wie italienisches Belcanto bei absoluter Textverständlichkeit gesungen, nicht deklamiert werden. Zu seinem 200sten Geburtstag bekommt er das nun geboten.
Schon die beiden russischen Sänger Mikhail Petrenko und Ekaterina Gubanova leisten hervorragendes. Petrenko hat einen wirklich dunklen Bass (den er sicher manchmal noch etwas mit Druck nachdunkelt und manchmal etwas quetscht), Frau Gubanova macht die Fricka-Szene zum großen Ereignis mit fülliger, warmer Tongebung, intensiv und ohne jedes Gekeife. Schon bei den beiden ja nicht muttersprachlichen Sängern ist die Textverständlich exzellent. Nun trifft sie mit René Pape auf einen Wotan, der Gebrülle auch nicht nötig hat. Hier ist es einmal gelungen, einen Ausnahmesänger auf der stimmlichen Höhe mit dieser Ausnahmerolle zu verewigen. Und Pape nutzt die Chance und s i n g t die Rolle von Anfang bis Ende, man glaubt es nicht, wie schön die Erzählung des zweiten Aktes klingen kann, wie schmerzerfüllt Brünnhildes Bestrafung ausmodeliert wird ("Wunschmaid warst du mir, gegen mich doch hast du gewollt") bis zum überhaupt nicht larmoyanten Abschied. Aber nicht falsch verstehen, auch göttliches Donnern kommt mit mächtiger Stimme - nur kein Einheitsbrei. Das Rene Pape mit diesem Ansatz vielleicht nicht die ganze Dimension des Wotan darstellt, ist da mal verschmerzbar. Gleiches gilt für Nina Stemme zu sagen, die die Hojotojo-Rufe mit leichten Koloraturen versieht und dann einfach ihre dunkle Stimme strömen lässt. Scheinbar mühelos kommt da alles, vom Timbre erinnert sie mich eher an Astrid Varnay, weniger an Birgit Nilsson.
Und dann das Wälsungenpaar, was soll man da viel sagen. Anja Kampe hat gegenüber Nina Stemme die hellere Stimme, ist wohl sicher auch bald bei der Brünnhilde. Hier passt alles, vom scheuen Beginn bis zur Riesenemphase ein berührendestes Porträt. Ich war bisher nicht der große Jonas Kaufmann Fan, jetzt bin ich es, was für ein Siegmund, was für viriles, kraftvolles und dann wieder zartes Singen. Hier kommt sein baritonales Timbre noch besser als beim Lohengrin zur Geltung, über dem sich nun wirklich "heldentenoraler Stahl" ( um beim Thema zu bleiben) erhebt - das ist derzeit konkurrenzlos und nimmt man die Stereo-Siegmunde von King, Vickers, Hofmann, Goldberg etc. her, auch da konkurrenzlos. Was die historischen Konkurrenten angeht, das mag Jürgen Kesting entscheiden. In dieser klanglich satten Aufnahme aber für mich konkurrenzlos - man zippe nur mal zum ende des 1.Aktes: "So blühe denn Wälsungenblut".
Gergiev dirigiert hörbar furtwänglerisch, breite Tempi, die manchmal schwer wie die Transsib in die Gänge kommen, dann aber auch einen gewaltigen Sog entwickeln, z.B. im ersten Akt oder bei der Todverkündung. Daneben aber leider auch nur begleitete Stellen, in denen er keine Spannung erzielt, er sich einfach auf den Schöngesang seiner Sänger verlässt. Es ist ein dunkler, schwerer Wagner, diametral etwa zu Janowski, mit erzernen Blech und und - hin und wieder - gewaltigen Höhepunkten. So, als ob er seinen Ruf als musikalischer Beserker bewusst entgegen treten wollte - wenn dieser Ring weiter geht, hätte ich gegen etwas mehr orchestrale Power durchaus nichts. Die Münchner können sich freuen, was für ein Trio bald: Kirill Petrenko, Mariss Janssons und nun noch Gergiev als Maazel-Nachfolger bei den Philharmonikern. Dramatischer, schroffer klingt es z.B. unter Weigle in Frankfurt. Letztlich zieht sich gerade beim Ring oder Parsifal der Unterschied von Live (meist aus Bayreuth) zu Studio wie ein breiter Graben hin. Unleugbar mehr Dramatik gegenüber dem klanglichen Tüfteln, was manchmal auch zu Sterilität führt. Eben im Vergleich zum Frankfurter Ring ist diese Gefahr trotz der grandiosen Sängerleistungen nicht immer ganz gebannt, in der Mitte des 3.Aktes reisst der Spannungsfaden bei so viel Schöngesang schon fast, beides hat halt Vor- und Nachteile. Bei aller Perfektion hört man dazu wieder wie im Parsifal eigentümliche Nebengeräusche, die ich nicht ganz orten kann: das leidenschaftliche Mitstönen des Dirigenten oder eine Art Hall, letztlich vernachlässigbar, aber ich wollte darauf hinweisen. Hat man sich dann aber in Gergievs dunkle Fluten eingehört, kommt man vier Stunden nicht davon los. Meine Frau und ich haben oft regelrecht den Atem angehalten, waren gebannt wie lange nicht von einer neuen Aufnahme.
Diese Walküre ist auf jeden Fall ein Ereignis und sei jedem Wagnerfreund empfohlen. Vielleicht auch dem, der mit Wagner bisher noch nichts anfangen konnte, weil ihm der Gesang nicht gefiel. Fortsetzung auf diesem Niveau unbedingt erwünscht. Und vielleicht Zeit lassen, dann kann Jonas Kaufmann auch den Siegfried singen, das Waldweben gibts ja schon auf seinem Wagner-Recital, und Gergiev vertieft seinen Bezug zu Wagner noch ein wenig - das wäre es doch?
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 12.02.2013 11:12:28 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.02.2013 13:08:42 GMT+01:00
Falparsi meint:
Sehr gute Rezi, der kann ich voll zustimmen! Aber was verstehen Sie unter "gaumiges Timbre"?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.02.2013 17:47:48 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.02.2013 17:53:07 GMT+01:00
Gute Frage, ist mir so in die "Feder" geflossen, lassen Sie mich es so versuchen: In manchen Aufnahmen (Lohengrin München, Cavaradossi Zürich) klingt die ja sowieso schon dunkle Stimme (für einen Tenor) für mich wie leicht belegt, mit leichten Schluchzern (wie auf alten Aufnahmen oft zu hören) geht es in die Höhe, die ja immer sicher vorhanden ist. Vielleicht auch das wenig strahlende der Stimme im Vergleich zu Botha, den ich auch sehr schätze. Und hier eben ist davon nichts mehr zu hören. Deshalb war die Formulierung auch etwas unglücklich und ich habe sie herausgenommen. Und nun freue ich mich auf seinen Don Carlo im sommer in München!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.02.2013 04:11:30 GMT+01:00
Nur nebenbei, aber "gaumiges Timbre" ist fuer mich ein gaengiger Ausdruck in Opernrezensionen...
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Details

Artikel

Rezensentin / Rezensent

Thomas Barisch
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (TOP 1000 REZENSENT)   

Ort: Euerbach, Bayern

Top-Rezensenten Rang: 956