Kundenrezension

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erstklassige Information in gutverständlichem Stil, leider mit einigen Stellen über die man sich etwas wundert, 24. Januar 2010
Von 
Rezension bezieht sich auf: Bringen wir das Klima aus dem Takt? Hintergründe und Prognosen. Forum für Verantwortung (Taschenbuch)
Das dem Buch vorgeschaltete Vorwort der herausgebenden Stiftung Forum für Verantwortung" gibt gleich zu Beginn die Marschrichtung des Buches vor. Von Irrwegen" und Gefährdung mit unübersehbaren Risiken" ist die Rede. Naturkatastrophen hätten sich in den letzten Jahren gehäuft (haben sie?), was Böses ahnen ließe. Im 68er-Ton wird ein unerschütterlicher Glaube...an ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum" verurteilt, der als Ursache allen Übels herhalten muß.

Im krassen Gegensatz hierzu beginnt das Buch dann schließlich mit einer sehr gut verständlichen und gut strukturierten Erläuterungen des Klimasystems. Latif übernimmt. Der Lesespaß setzt sich auch im Kapitel Treibhauseffekt grundsätzlich fort. Leichte Wolken ziehen am Horizont auf als der Autor eine IPCC Graphik von 2001 bemüht, in der die einzelnen Klimasteuerungsfaktoren gestaffelt nach ihrer angeblichen Wirksamkeit aufgelistet werden. Der bislang noch unverstandene aber potentiell wichtige Faktor Sonne wird bewußt an den äußersten rechten Rand der Graphik gedrängt und mit marginaler Bedeutsamkeit kleingehalten. Da sich der genaue klimatische Prozess des Einflusses der Sonne noch in der Erforschung befindet (z.B. durch Svensmark), wird der solare Effekt kurzerhand in den Modellen marginalisiert.

Auf Seite 62 weist Latif auf eine "erstaunliche Parallelität" zwischen CO2-Gehalt und Temperatur in den letzten 400.000 Jahren hin und schließt hieraus: "Eine Temperaturänderung führt zu einer Änderung der Treibhausgaskonzentrationen...Ebenso führt eine Änderung der Treibhausgaskonzentration zu einer Änderung der Temperatur...". Diese Passage ist ziemlich geschickt gestrickt. Der unvorbelastete Leser sieht nun sofort das böse CO2, das die Temperatur nach oben treibt. Aus unerfindlichen Gründen entschied sich Latif an dieser Stelle ein kleines aber feines Detail auszulassen, das er erst mehr als 100 Seiten später (auf S. 199) nachschiebt: Die Temperaturentwicklung hat nämlich gegenüber dem CO2 während der letzten 400.000 Jahre einen Vorlauf von etwa 800 Jahren. Und gerade an dieser wichtigen Stelle vertippt sich auch noch Latif auf S. 199 und schreibt statt 800 Jahren 8.000 Jahre. Im Gegenzug nennt er nun endlich Ross und Reiter. Durch den warmzeitlichen Temperaturanstieg vermindert sich die Löslichkeit von CO2 im Ozeanwasser, was zur fortschreitenden Entgasung und CO2-Anreicherung in der Atmosphäre führt. Warum konnte uns Latif dies nicht schon im Treibhauskapitel mitteilen? Könnte es sein, daß das CO2 historisch-erdgeschichtlich gesehen wohl doch nicht diese ihm heute zugedachte überlegene Temperaturtreiberrolle innehatte, abgesehen von untergeordneten Feedback-Effekten? Wieviel Prozent des aktuellen Temperaturanstiegs verantwortet das CO2 und wieviel Prozent gehen auf das Konto der Sonne? 80-20%, 50-50% oder gar nur 20-80%? Wenn man die Sonne nicht in die Klimamodelle mit Svensmark- oder anderen Effekten einspeist, kann auch niemals etwas anderes als CO2-Steuerung herauskommen.

Latif hat recht, wenn er den aktuellen CO2-Anstieg der Verbrennung fossiler Brennstoffe zuschreibt. Letztendlich geht es aber um die Frage, ob das CO2 überhaupt die ihm zugedachte große Wirksamkeit hat. Aufgrund der noch bestehenden Unklarheiten, ist es vermessen anzunehmen, die Computermodelle könnten uns hier einen exakten Wert errechnen.

Im Kapitel 3 gibt es viel über interessante natürliche Klimaautozyklen zu lernen. Das Kapitel ist gut durchstrukturiert und bestens lesbar. Insbesondere die Nordatlantische Zirkulation überrascht, indem sie nun für einen mehrjährigen Abfall der Temperaturen sorgen soll, bevor es dann ganz bestimmt bald mit der anthropogen verursachten" Klimaerwärmung weitergeht. Auf Seite 102 beschreibt Latif die Dansgaard-Oeschger-Ereignisse als interne Schwingung der thermohalinen Zirkulation. Andere Autoren sehen hier vielmehr die Sonne am Werk, deren Aktivitätsfluktuationen im 1000-1500 Jahre Dansgaard-Oeschger-Rhythmus in neuerer Zeit die Römische, Mittelalterliche und aktuelle Wärmephase hervorgebracht haben könnten. Gegen Ende des Kapitels gibt uns Latif noch einige angstmachende Schreckensvisionen für die Zukunft mit auf den Weg, getreu nach dem Motto: Zwar sehen wir noch wenig davon und auch die aktuellen Trends sind noch undeutlich, aber es wird garantiert grausam.

Kapitel 4 handelt von der Kunst der Klimamodellierung. Hier hält man es am besten wie mit der Religion. Entweder man glaubt an die Modellierbarkeit des chaotischen und rückkopplungsverzerrten Klimageschehens, oder man traut den Rechnern eine exakte Wirklichkeitsabbildung schlichtweg nicht zu. Da helfen dann auch keine Lorenz-Attraktoren, griechische Buchstabenformeln oder was hast Du nicht gesehen. An dieser Stelle gerät wohl auch die Interdisziplinarität ins Wanken. Es mögen vor allem die Physiker und Politiker sein, die den Computermodellen wohlgesonnen sind. Geologen und Archäologen werden hier jedoch ihre Probleme bekommen, insbesondere mit Hinblick auf klare erdgeschichtliche Klimamuster mit regelmäßig wiederkehrenden, vorindustriellen Wärmephasen im 1000-1500 Jahre Rhythmus. Und die aktuelle Erwärmung ist die logische Fortsetzung dieser Reihe.

Im 5. Kapitel, das vom menschlichen Einfluss auf das Klima handelt, läßt Latif sich leider zu einigen Inkonsequenzen hinreißen. Gleich zu Anfang behauptet er, es wäre aus Sicht der Klimaforschung schon längst klar, daß der Mensch der Bösewicht ist. Als Begründung nennt er, daß der Klimawandel bewiesenermaßen bereits in vollem Gange sei. Mit letzterem hat er natürlich recht. Aber beweist dies, dass das anthropogene CO2 der Auslöser ist? Was wäre, wenn nun doch beispielsweise die Sonne der Auslöser wäre? Argumentiert das Forum für Verantwortung" hier überhaupt noch verantwortlich?

Auf der nachfolgenden Seite erläutert der Autor, dass das Klima doch recht träge sei und nicht sofort auf äußere Anregungen reagieren könne. Dies mag so manches Jahrzehnt erklären, wo CO2 und Temperatur nicht so gut korreliert haben (zusätzlich zu wärmenden El Nino's und kühlenden Vulkanaerosolen). Fairerweise sollte man diesen Trägheitseffekt aber auch der Sonne zubilligen, die Latif gerne mal wegen angeblich fehlender Korrelation angreift. Im weiteren Verlauf des Kapitels versteigt sich Latif zu wiederholten Angriffen auf den Menschen als Klimakiller, ohne weitere wichtige Argumente zu liefern. Man merkt, jetzt wird es politisch. Die mittelalterliche Warmzeit wird kleingeredet (vielleicht weil kein industrielles CO2 verfügbar). Es werden etliche Folgen der Temperaturerhöhung genannt (mehr Hurrikane, weniger Eis etc.), die aber allesamt keinen Beweis für eine CO2-Steuerung darstellen. Als Steuerung könnte z.B. auch die Sonne in Frage kommen. Wichtig: Die Erwärmung selber bestreitet nämlich niemand. Es geht darum, ob sie menschengemacht ist oder natürliche Ursachen hat.

Das Kapitel 6, Klimaszenarien der Zukunft, möchte ich nicht weiter kommentieren. Es basiert weitestgehend auf der Annahme, daß die Steuerungsmechanismen der Klimaerwärmung quantitativ bekannt wären. Dies ist meiner Meinung nach anzuzweifeln.

In Kapitel 7 schießt Latif scharf gegen seine Kritiker, indem er diese für die Verunsicherung in der Bevölkerung verantwortlich macht. Als Folge könnten die hunderte milliarden-Dollar-schweren Klimaschutzmaßnahmen momentan nicht voll durchstarten. Im Folgenden wird es dann noch kurioser. Eben noch ärgerte sich Latif über seine Kritiker, und schon eine Seite später streitet er die Existenz eines Expertenstreits ab. Schuld hätten die Medien, die diesen erfinden würden. Gegenfrage: Wer sind eigentlich Henrik Svensmark, Chris Landsea, John Christy, Richard Lindzen, Stephen McIntyre und Fred Singer? Diesen und allen anderen Kritikern des CO2-dominierten Klimamodells wirft Latif vor, das Klimaproblem kleinreden zu wollen. Und dann wird es bizarr. Die kritischen Argumente kämen meistens von Menschen, die entweder nicht in der Klimaforschung tätig sind oder gar keine naturwissenschaftliche Ausbildung besitzen." Dies ist selbstverständlich unwahr. Viele der engagierten Klimadiskutanten sind ausgebildete Naturwissenschaftler, darunter Promovierte, Professoren und (ehemalige) IPCC-Autoren. Ich selber bin habilitierter Geologe. Was will Latif mit hiermit bezwecken? Im Folgenden wird Latif wieder sachlicher und geht auf die Argumente der Kritiker ein. In den entsprechenden Rubriken tauchen wieder etliche bereits oben diskutierten Probleme auf. Äußerst interessant ist Latif's Erklärung der Kleinen Eiszeit mit verminderter Sonnenaktivität während des Maunder-Minimums (1650-1710). Mangels Veränderungen in der atmosphärischen CO2-Konzentration, wird die Sonne nun plötzlich doch noch zum anerkannten und entscheidenden Klimasteuerungsfaktor erhoben, zumindest für diesen Zeitabschnitt.

Insgesamt kann man aus dem Buch trotz der geschilderten fragwürdigen Schlußfolgerungen eine Menge lernen. Der gute Schreibstil von Latif ermöglicht eine effektive und angenehmen Lektüre. Und zwar für alle, egal ob man nun einem Lager angehört oder sich einfach nur neutral informieren möchte. Es bleibt zu wünschen übrig, daß in einer Neuauflage einige der oben genannten Kritikpunkte aufgegriffen werden könnten. Unter gebildeten Menschen sollte es nicht notwendig sein das Konsens-Märchen weiterzuspinnen. Zudem geht es in der Wissenschaft nicht um Konsens sondern die Wahrheit, die in der Wissenschaftsgeschichte noch selten demokratisch ermittelt wurde. Vergessen wir einen Moment die voreilig installierten CO2-Zertifikate und das Katastrophengeschrei. Notwendig ist nun eine wissenschaftlich fundierte und ausgangsoffene Erforschung und Diskussion der Klimasteuerungsmechanismen. Hierzu gehören auch die Prozesse, die wir gerade erst beginnen zu verstehen, etwa die Rolle der Sonne. Wenn wir derartige Elemente von vorneherein nicht ausreichend in die Modellszenarien einarbeiten, beschränken wir die Resultate auf unzulässige Weise.
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