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4.0 von 5 Sternen Satanische Exzesse im Garten Eden, 5. März 2012
Rezension bezieht sich auf: Antichrist - Arthaus Collection Skandinavisches Kino (DVD)
Es gibt nicht viele Filme, von denen man sich hinterher wünschte, man hätte sie nicht gesehen, was im Falle von "Antichrist" nicht nur mit der Drastik der dargestellten Gewalt zu tun hat, sondern auch mit dem regressiven Geschlechterbild, mit dem Lars von Trier hier das Publikum konfrontiert. Der Film handelt von einem Ehepaar, das sich aufgrund des tragischen Todes des eigenen Kindes in einer absoluten psychischen Ausnahmesituation befindet. Der Unfall trägt sich im Prolog des Films zu, als der kleine Sohn an einem kalten Winterabend fatalerweise das Laufgitter öffnet, seinen Eltern heimlich beim Sex zusieht, dann auf ein Fensterbrett klettert und schließlich vom eisglatten Sims in die Tiefe stürzt. Kurz zuvor stößt er noch drei Zinnfiguren vom Tisch, deren Namen "Trauer", "Schmerz" und "Verzweiflung" jeweils im Sockel eingraviert sind. Dies sollen auch die drei Kapitel sein, auf denen im Folgenden die Handlung aufbaut. In einem vierten Kapitel wird die Ankunft dieser sogenannten drei Bettler zum düsteren Vorzeichen für den Tod einer weiteren Person.

Dass sich der Unfall parallel zum Sex zuträgt, spielt dabei eine große Rolle, denn dadurch entsteht jener Kontext zwischen Begehren und Strafe, der zum finalen Auslöser einer tiefgehenden Depression der Mutter wird, die in ihrer Verzweifelung von Schuldgefühlen geplagt in einem Sog aus schmerzhafter Trauer und krankhafter Paranoia versinkt. Als ihr Mann, ein Psychotherapeut, sich mit ihr in eine Waldhütte namens Eden begibt, um sie dort von ihren Ängsten zu therapieren, entdeckt er ein fürchterliches Geheimnis. Seine Frau glaubt seit geraumer Zeit vom Satan besessen zu sein und entwickelt einen zerstörerischen Hass auf ihren Körper. Sie hat panische Angst vor der Natur, deren Organismus in einem unendlichen Kreislauf Leben gibt und wieder nimmt. Mit den Eicheln, die von den Bäumen zur Fortpflanzung abgeworfen werden und aufs Dach der Hütte prasseln, assoziiert sie den Hagelsturm, den einst die Schwestern von Regensburg entfacht haben sollen. Den Gedanken, dass die Natur Satans Kirche sei, reflektiert sie nun auf verstörende Weise auf ihren Körper, der ebenfalls Leben gebar, das durch ihre vermeintliche Unachtsamkeit wieder verloren ging. Was in der subjektiv verzerrten Wahrnehmung dieser Frau nichts anderes bedeutet, als dass die weibliche Natur grundsätzlich auch böse ist. Der Abstieg in den Wahnsinn begann bereits ein Jahr zuvor, als sie in der Hütte an ihrer Dissertation schrieb, die sich mit dem Gynozid und religiösen Gräueltaten an Frauen im Mittelalter beschäftigte. Vor dem Hintergrund ihrer psychischen Erkrankung beginnt sie nun, die studierte Gewalt nachzuahmen, weil sie überzeugt ist, dass ihr Körper nicht von ihr selbst, sondern tatsächlich vom Antichristen kontrolliert wird, der sie in einer unstillbaren Sexsucht ihren Mann mit sadomasochistischen Praktiken förmlich in sich verschlingen lässt. Schließlich eskaliert die Gewalt vollends, weil die namenlose "Sie" auch noch eine schizophrene Angst entwickelt, dass "Er" sie bald verlassen will. Es folgt ein apokalyptischer Kampf der Geschlechter, bei dem tief ins Repertoire martialischer Foltermittel gegriffen wird.

Beim Anschauen drängt sich zwangsläufig die Frage auf, ob "Antichrist" ein misogynistisches Machwerk ist. Zunächst dient der Film als Parabel für den Entfremdungsprozess eines Menschen, der sich in seinem seelischen Schmerz radikal ins Unergründliche zurückzieht, ohne dass ihm jemand aus diesem Labyrinth wieder heraushelfen kann. Auf diesem Boden gedeiht das Motiv der Selbstaufopferung, durch das unverkennbar das christologische Bild des Sündenbocks schimmert, das sich auch als Wahnvorstellung im Kopf dieser Frau festsetzt, die meint, sich in eine tiefe Schuld verstrickt zu haben, was "Antichrist" zu einem pervertierten Spiel mit diversen Opferperspektiven macht, das in eine tragische Konfliktsituation zwischen beiden Ehepartnern mündet, deren Beziehung immer mehr auf ein wechselseitiges Muster aus Macht und Ohnmacht reduziert wird. Zumindest wird eine Ursache misogynistischen Verhaltens modelliert, nämlich das uralte Klischee, dass angeblich nur der Mann rational denkt und die Frau überempfindlich sei. Die Furcht vor der unkontrollierbaren Weiblichkeit, die aufgrund ihrer Fähigkeit Leben zu stiften, näher zur Natur steht, zählt seit jeher zu den Urängsten der maskulinen Existenz, die versucht dieses Manko mit physischer Gewalt auszugleichen, um somit das Patriarchat über das andere Geschlecht aufrechtzuerhalten. "Antichrist" handelt von dieser männlichen Angst. Nun gehört es zu den Regeln des Horrorfilms, dass die Angstvision zur Realität wird. Dies geschieht hier dadurch, dass sich die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern umkehren, die Ratio dieses Mannes ins Wanken gerät und er tatsächlich glaubt, die Hexe in seiner Frau zu erkennen. Nur stellt sich die Frage, zu welchem Zweck ein Regisseur diesen Topos so undifferenziert für das Kino bebildert. Denn man bewegt sich hier auf einem äußerst schmalen Grat, weil man eben nicht genau weiß, ob er nur das Entstehungsmuster eines frauenfeindlichen Habitus oder stattdessen Frauen selbst als gefährlich darstellen will. Die Redaktion des Kulturspiegels verneint im Booklet eine misogynistische Absicht, zumal Lars von Trier zu diesem Zeitpunkt ebenfalls an einer schweren Depression litt und man hat auch das Gefühl, dass diese "Sie" mehr als Projektionsfläche für seinen eigenen Seelenzustand dient.

Die Bilder werden in einer schonungslosen Eindeutigkeit präsentiert, die Flagellanten wild mit der Peitsche auf sich einschlagen lässt. Wobei es eher kontraproduktiv wirkt, wenn diese vom Wahnsinn stigmatisierte Frau unter dem Eindruck ihrer Zwangsneurosen beim Sex mit ihrem Mann dessen Glied plötzlich mit einem Holzklotz malträtiert, ehe sie es solange massiert, bis das Blut aus der Eichel spritzt und sie ihm mit viel Sachverstand ein Loch ins Bein bohrt, um dort einen Schleifstein zu verankern, der jegliche Fluchtversuche verhindern soll. In diesen Momenten wirken die sehr intimen Aufnahmen auch nicht mehr schockierend, sondern erinnern in ihrem grotesken Erscheinungsbild eher an einen Softporno mit Splatter-Effekten, was dieses ansonsten recht ansprechende dystopische Psychodrama auf eine etwas absurde Ebene zieht. Zum plakativen Höhepunkt wird die großformatige Selbstbeschneidung von Charlotte Gainsbourgs Klitoris als metaphorisches Verstümmelungsritual des Schlunds des Bösen und Zeichen der eigenen Machtlosigkeit, weil sie es offenbar selbst langsam leid wird, sich permanent wie ein teuflisches kleines Gretchen splitterfasernackt am Fuße von Baumwurzeln in ein geistiges Delirium zu masturbieren und dabei noch wie ein flackerndes Feuer in alle Richtungen zu züngeln. Wenn man von diesen kontroversen Sequenzen einmal absieht, besticht "Antichrist" ansonsten durch stilistisch schöne Bilder, die in ihrer surrealen Ästhetik wie eine geträumte, unwirkliche Vision erscheinen. Ähnlich wie in "Breaking The Waves" spielt Lars von Trier hier mit einem Glaubenskonstrukt. "Sie" glaubt, dass er existiert, "Er" nicht und muss sich am Ende eines Besseren belehren lassen. Mit dem einen Unterschied, dass Lars von Trier diesmal nicht Gott meint, sondern den Antichristen.
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