Kundenrezension

99 von 117 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schöne Sprache, dünner Inhalt, 21. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Distelfink: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Der Distelfink“ von Donna Tartt ist ein Roman, der das Schicksal eines Jungen im modernen Amerika mit einem von ihm gestohlenen Gemälde verbindet – in der gebundenen Ausgabe auf 1024 Seiten.

Kurz zum Inhalt: Der dreizehnjährige Theo besucht mit seiner alleinerziehenden Mutter ein Museum in New York, als sich sein Leben auf einen Schlag verändert. Ein Gemälde aus dem Museum, „Der Distelfink“, das er heimlich mitgehen ließ, begleitet ihn von nun an, während er bereits in jungen Jahren den Boden unter den Füßen verliert.

Unter normalen Umständen würde ich den Inhalt klarer anschneiden. Bis zum ersten Wendepunkt der Geschichte, nie mehr als ein guter Klappentext, kurz zusammenzufassen, worum es geht, um dem zukünftigen Leser einen Einblick zu geben, halte ich an sich nicht nur für legitim sondern fast für notwendig. Doch bei diesem Roman fällt mir das schwer, denn der Anfang ist mit seiner Tragik, seinem Tempo und seiner Emotionalität eigentlich schon der beste Teil des gesamten 1000-Seiten-Werkes und, auch wenn dieser Anfang bereits gut 200-300 Seiten umfasst, wird der Klappentext des Verlags dort für meinen Geschmack bereits zu konkret.

Was die Autorin anschließend dokumentiert, ist der Abstieg des jungen Ich-Erzählers Theo, der sich über verschiedene Stationen seines noch jungen Lebens von einer Depression zur nächsten, von einer Trunkenheit zur nächsten und von einem Drogenrausch zum nächsten manövriert und dabei auf Nebendarsteller trifft, von denen kaum eine Entwicklung ausgeht und die in den meisten Fällen eine so sehr gespaltene Persönlichkeit besitzen, dass ihre Undurchschaubarkeit für den Leser zwar auch regelmäßig Überraschungen mit sich bringt und sie als Charaktere spannend macht, sie aber insgesamt auch blass und austauschbar wirken lässt.

Die Autorin verliert den roten Faden ihres Romans – die Verbindung zwischen Theo, der Entwicklung seines Lebens und dem Gemälde als Symbol – zu oft aus den Augen. Theos Geschichte schweift ab und kreist in sich wiederholenden Situationen, die das Lesevergnügen mit der Zeit immer zäher machen. Wenn das Gemälde dann einmal wieder in den Fokus rückt, ist es meist nur für kurze Zeit – lange habe ich darauf warten müssen, dass die Autorin zum längst überfälligen Finale kam. Dieses wirkte dann allerdings zu überzogen und passte weder von der zeitlichen Folge (was für ein Zeitsprung!) noch vom inhaltlichen Rahmen her zum Rest des Romans. Internationale, organisierte Kriminalität und ein überstürzter Gangster-Road-Trip schafften einen eher kitschigen als runden Abschluss. Also blieb der Anfang der inhaltlich stärkste Abschnitt des Distelfinken.

Meine Motivation während des Lesens wurde dabei kurz nach dem starken Auftakt, als ich gerade in der ersten langen, langen Phase aus Drogen und Alkohol festhing und verzweifelt die Spannung suchte, noch einmal deutlich gesteigert: „Der Distelfink“ wurde als Gewinner des renommierten Pulitzer Preises bekannt gegeben. Leider konnte ich aber trotz größter Mühe und größtem Durchhaltevermögen auf den langen, langen 1000-und-ein-paar-Seiten nichts finden, dass mich jetzt befähigen würde, diese Auszeichnung oder den Hype um das Buch nachzuvollziehen. Möglicherweise haben dabei die Erwartungen, die mit der langen Bearbeitungszeit von mehr als zehn Jahren, in denen man nichts von der Autorin hörte, einhergingen sowie der gigantische Umfang des Werkes und die mit Sicherheit vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten Tartts nicht nur mitgewirkt, sondern auch eine größere Rolle gespielt als der eigentliche Inhalt.

Sprachlich ist „Der Distelfink“ wirklich gelungen. So wurde die Lektüre für mich dann auch eher ein Lesen um des Lesens Wille. Schöne Worte aneinandergereiht, auf den Punkt gebrachte Beschreibungen mit einem hervorragenden Gespür für die einprägsamen Details und nicht zuletzt auch die Fähigkeit den jugendlichen Ich-Erzähler und die anderen jungen wie alten Charaktere im Roman (fast immer) glaubwürdig agieren zu lassen, machten „Der Distelfink“ zu einer erzählerisch runden Reise. Wären die schön geschriebenen Dialoge doch nur nicht zu oft inhaltlich leer und die detailreichen Beschreibungen nicht zu oft der Ersatz für einen deutlichen Handlungsfortschritt – der Roman wäre perfekt. So, wie er ist, empfand ich ihn leider als 300 bis 400 Seiten zu lang - der Roman war inhaltlich zu wenig dicht.

Fazit: Pulitzer-Preis-Träger 2014, Bestseller und Auslöser eines Hypes um ein einziges kleines Kunstwerk. „Der Distelfink“ ist der erste Roman von Donna Tartt nach rund zehn Jahren. Sprachlich hat er auch mir sehr gut gefallen, inhaltlich flachte der Roman jedoch nach dem bewegenden Beginn spürbar ab und verlor sich in Wiederholungen, Rauschzuständen und leeren Gesprächen. Theo und sein gestohlener Distelfink waren zu selten gemeinsam im Mittelpunkt des Geschehens. Ich vergebe gute 3 Sterne für einen gut geschriebenen, aber zu langen Roman, der deutlich eher auf den Punkt hätte kommen können.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-5 von 5 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.07.2014 12:38:28 GMT+02:00
Roseneve meint:
Ich schließe mich Ihrer Rezension inhaltlich voll an! Viel zu langatmig ...

Veröffentlicht am 03.08.2014 11:19:50 GMT+02:00
Ihrer Rezension kann ich nur voll zustimmen. Sprachlich sehr schön zu lesen, durchaus lebendige Charaktere, aber alles einfach zu lang. Die Alkohol- und Drogenexzesse haben mich in ihrer Wiederholung nur noch gelangweilt und der Kriminalplot ging mir dann doch etwas zu versöhnend über die Bühne. Gefallen haben mir dann wieder die Schlussbetrachtungen, sie runden den Roman ab. Ich sehe es nicht als verlorene Zeit an, den Roman gelesen zu haben, er hat mich in großen Teilen gut unterhalt. Wieso hierfür allerdings der Pulitzerpreis verliehen wurde, ist mir auch schleierhaft. Dennis Scheck bezeichnete in einer Literatursendung diesen Roman als "Meisterwerk", was mich nach der Lektüre doch sehr verwundert.

Veröffentlicht am 13.08.2014 13:59:23 GMT+02:00
K. Harjes meint:
Ja - sehr schön auf den Punkt gebracht! Dem ist von meiner Seite nichts hinzuzufügen.

Veröffentlicht am 14.08.2014 12:07:41 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 14.08.2014 12:11:21 GMT+02:00
Inge Endres meint:
Ihrem Kommentar stimme ich zu. Die Sprache ist sehr schön, differenziert, mystisch. Den Anfang fand ich sehr gut und ich wollte das Buch schon jedem empfehlen. Die hunderte Seiten über Alkohol- und Drogenkonsum fand ich abstoßend und nicht interessant. Schade.

Veröffentlicht am 07.09.2014 12:00:13 GMT+02:00
MRT meint:
Hab das Buch gerade zugeklappt... puh...
Ihre Rezension und Bewertung sind punktgenau.
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