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5.0 von 5 Sternen Diese Verzauberung durch Worte, diese Begeisterung,.., 25. September 2012
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Rezension bezieht sich auf: Meine rebellischen Freunde: Ein persönliches Lesebuch (Gebundene Ausgabe)
...mich von der Welt der Poesie in die eigene Welt entführen zu lassen und Metaphern für wahrhaftiger zu halten als die Realität, ist mir bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. (S 11) Konstantin Wecker beschreibt im Vorwort seine rebellische Jugend, die mit einem widerständigen Elternhaus die Tür weit offen fand für eigene Gedanken und Visionen. Von den Dichtern schöpft er die Fülle dessen, was uns alle unverstanden umgibt, hier findet er Trost und Hoffnung, ja alles, was ihn auch heute noch ausmacht: Kreativität, Anarchie, Musik, Tanz und Gedicht.

Besonders klar definiert Wecker, warum er Anarchist ist: diese Sichtweise vertraut darauf, dass der Mensch mündig, selbstständig und mitfühlend ist und daher keine Herrschaftskreise oder Führungseliten braucht, die ihn lenken oder leiten. (S 12) Unvergessen bleibt ihm die Aufforderung von Henry Miller, dass jeder Künstler die Verpflichtung habe, Anarchist zu sein. Selbstverständlich ist Konstantin Wecker Romantiker. Er möchte nicht marschieren, sondern schlendern, lustwandeln, wandern und schwärmen. Aus dieser künstlerischen Kraft heraus engagiert sich Wecker, er bleibt nicht im Elfenbeinturm, er mischt sich ein und unvergessen für mich sein Auftritt bei einer Demonstration gegen Stuttgart 21. Alleine seine Stimme, diese tiefe, röhrende, voluminöse Präsenz verleiht seinem Gesagten besonderen Nachdruck. Er sieht Dinge wie sie sind und erkennt, dass wir alle an einem Mangel an politisch engagierten Kunst leiden, sie hat sich heute viel zu sehr in Vermarktungs- und Heldenanbetungsschemata zurückgezogen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde all das, was als engagierte Kunst galt, von den neoliberalen Propagandisten als Gutmenschentum oder Alt-68er-Attitüde lächerlich gemacht, formuliert Wecker, um einer Kunst das Wort zu reden, die sich radikal in den Dienst des Menschen stellt. Kunst hat für ihn einen humanistischen Auftrag, sie braucht rebellische Köpfe, so wie Schiller 1795 in seiner Rede zur ästhetischen Erziehung des Menschen eine umfassende Bildung aller in Wissenschaft und Kunst forderte. Kunst muss Mut zur Utopie haben, schreibt Wecker, sie muss Wege zu neuen Ufern weisen. Und dann dieser wunderbare Satz: Die Kunst unterstützt darin, uns selbst im anderen zu erkennen. Poetisierung und Solidarisierung sind für ihn die Gebote der Stunde, nur so können Herzen in einer Gesellschaft der Herzlosigkeit zurückerobert und eine geldgierige, geistlose Zeit überwunden werden.

Konstantin Wecker sieht das Patriarchat Arm in Arm marschieren mit dem Kapitalismus, er unterstützt die Frauenemanzipation bzw. Gleichberechtigung und sieht in Pflegekräften größere Rebellen als jene Banker, die uns um Millionen erleichtern. Wir brauchen eine neue Ehtik der Fürsorge, schreibt er. Für Wecker sind Pflegekräfte Rebellen, die ihnen da ihnen die Ideen eines liebevollen Umgangs mit Menschen wichtiger ist als materieller Wohlstand.

Die Freunde Weckers (Schrifsteller, Widerständige, Sänger, Gelehrte, Spirituelle) lässt er in einer persönlichen Annäherung (Kaum ein Buch hat mich bereits als Jugendlicher so in seinen Bann gezogen, so lachen und weinen lassen wie die Autobiografie des ewigen aufmüpfigen Bayern Oskar Maria Graf) und einem Auszug aus dessen Werk sprechen. Oskar Maria Graf zitiert er mit "Wir sind Gefangene, ein Bekenntnis." (Vorwort zur Biografie Grafs) Die Parallele zu Weckers Wirken wird hier mehr als klar, seine Wurzeln dargelegt: …einer Gesellschaftsordnung das Wort zu reden, in welcher gleiches Recht für jeden gilt und die Freiwiligkeit zur Einordnung in das Ganze schließlich zur sittlichen Regel wird. (S 40)

Ein spannend erhellendes, widerständig sympathisches Buch, in dem wir u.a. auch erfahren, dass Wecker ohne Franz Josef Degenhardt wahrscheinlich nicht angefangen hätte, Lieder zu schreiben. (S 133) Die deutsche Sprache in Liedern wieder einzusetzen, das war die Großtat Degenhardts, das Ganze war ja durch die N..is kontaminiert bzw. missbraucht worden. Trotz aller Widerstände und Anfechtungen durch Erzkonservative, Degenhardt bleibt in unserem kollektiven Gedächtnis, sein Mitten im Mai verliert nie an Aktualität. Brachial-sinnlich und kraftstrotzend nannten Wecker viele, früher. Heute singt er gemeinsam mit Hannes Wader (wunderschön, wie er seine erste Begegnung mit ihm schildert, S 138), ein Gewandelter, jene Grenzen ahnend, jenes Nichtwissen, das uns alle umgibt.

Am Ende des Buches wird Tiziano Terzani vorgestellt, dessen Verdienst nach Wecker ist, den Tod als selbstverständlich natürlichen Teil des Lebens zu erklären. Das Ende ist mein Anfang: Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens Erst im Tod umfassen wir wohl die Menschheit und lassen uns in diese Schönheit fallen. Je mehr Gutes vorher war, umso schöner dieser Übergang. Alles geschehen lassen, kein Drama daraus machen, leicht fallen wie Blätter im Wind. Mein Tod - pah. Zum Lachen. (S 208) Die Text verschwimmen zwischen dem Urheber und Konstantin Wecker, der hier eine umfassende Einsicht in seine Gedanken und Lebenswelt gibt bzw. uns daran teilhaben lässt, wer ihn inspiriert hat.
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