Kundenrezension

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die andere, leider weniger überzeugende, Seite des MI5, 23. Januar 2013
Von 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sweet Tooth (Gebundene Ausgabe)
McEwans aktueller Roman ist beim ersten Lesen leider mit Anstrengung verbunden. Auch wenn die Ich-Erzählerin Serena gerade zu Beginn durch ihre Kindheit und Jugend rast, hat man als Leser doch schon ab der Mitte dieses schleppende Gefühl in der Brust. Besonders die Szenen im MI5 dehnen sich und sind für politisch Uninteressierte zum Teil ein verwirrendes Geflecht aus Informationen über Politik und Wirtschaft der 70er Jahre in Großbritannien. Als kleinen Kunstkniff könnte man es betrachten, wenn man sich als Leser in die Ich-Perspektive Serenas hineinversetzt, die eigentlich auch keine große Ahnung von dem hat, was im Britischen Geheimdienst vor sich geht – wir als Leser erfahren also durch Serenas Augen genauso wenig und stehen ratlos vor den seitenlangen Passagen. Diese scheinen aber auch nicht wirklich mit der Handlung zu tun zu haben, jedenfalls haben sie mich persönlich nur immer wieder aus der Kontinuität der Handlung gerissen.
Die Geschichte im Ganzen wirkt schon ein wenig an den Haaren herbeigezogen: Ein unbedarftes, halbwegs begabtes Mädchen kommt zum Britischen Geheimdienst, weil mutmaßlich ihr toter Exfreund – wobei, ob er nun tot ist oder nicht, wird meines Erachtens auch nicht wirklich deutlich – zu Lebzeiten ein gutes Wort für sie eingelegt hat. Ihr Auftrag ist es nun, den jungen Schriftsteller Tom Haley zu begutachten. Wird er von ihr gut beurteilt, kann er in das Programm ‚Sweet Tooth‘ aufgenommen werden, das britische Autoren im Geheimen fördert. Sie macht jedoch den Fehler, sich auf eine Affäre mit ihm einzulassen…
Nun gut, von der Regierung unterstützte Schreiberlinge wird es gegeben haben und gibt es sicher in einigen Ländern auch heute noch, aber so ganz plausibel erschien mir McEwans Erklärung nun doch nicht: Wir wollen einen Schriftsteller, der liberal schreibt und den wir dann verdeckt mit jeder Menge Geld unterstützen können. Wenn er positive Aufmerksamkeit auf das Land legt, dann super … Wenn nicht, auch nicht schlimm. Eine eindeutige Motivation des Ganzen ist mir hier entgangen.
Die Protagonistin Serena war mir auch beim ersten Lesen wahnsinnig unsympathisch. Sie ist wunderschön und intelligent, hat tolles Haar und kann das kleine Naivchen spielen, wenn’s gewünscht wird. Ihrer Ansicht nach, liegen ihr die Männer zu Füßen, welchen Umstand sie dann auch nutzt, um selbige wie Socken zu wechseln. Leider haben sie dann aber doch alle irgendeine Macke, die die Beziehung zerbrechen lässt. Allgemein werden die Charaktere nicht sonderlich ausdifferenziert und wirken oft wie Stereotypen. Dies wird auch dadurch deutlich, dass einige Personen in Serenas Umfeld nur aufzutauchen scheinen, wenn es gerade wieder etwas für den Leser zu erklären gibt – ist die Situation vorbei, wird der Charakter wieder in die Mappe getan und wartet auf seinen nächsten Auftritt.
Wie ich zu Beginn schon sagte, scheint das Buch beim ersten Lesen nicht allzu viel herzugeben – zumindest, wenn man McEwan schon kennt und besseres gewohnt ist. Doch hat man das Ende gelesen, tritt der AHA-Effekt ein und plötzlich ergeben einige Dinge mehr Sinn oder lassen sich in einem neuen Licht sehen. McEwan spielt erneut mit der Metafiktion und der Leser weiß nicht genau, wer nun wirklich was erzählt und welche Ereignisse in der Story real oder erfunden sind.
Leider ist es schon ein Kampf, bis auf die allerletzte Seite vorzudringen, auf der der Clou dann endlich verraten wird. Obwohl ich dann zwar wusste, weshalb Serena so unsympathisch sein könnte, hat das nichts daran geändert, dass man ja trotzdem 320 Seiten mit ihr verbringen muss.
Weiterhin habe ich auch den Klappentext zu bemängeln: Es wird von einer dramatischen Liebesgeschichte berichtet und Serena selbst sagt auch im Buch, dass sie alles ruiniert habe. So überaus dramatisch war die Geschichte weder während des Lesens, noch am Schluss selbst, als der Leser endlich erfahren hatte, was geschehen war.
Fast ohne Einschränkungen gefielen mir jedoch die jeweiligen Kurzgeschichten von Tom Haley, die Serena detailliert wiedergibt (besonders zu empfehlen ist die mit der Schaufensterpuppe). Dadurch wirkte das ganze Buch jedoch irgendwie als hätte McEwan super Ideen für Kurzgeschichten gehabt, aber wusste, dass diese sich nicht verkaufen lassen – also hat er mal eben eine halbwegs absurd-stabile Handlung konstruiert, die seine Kurzgeschichten problemlos aufnehmen kann. Ich würde sagen auf beiden Seiten Potential verschenkt.
„Sweet Tooth“ ist kein schlechtes Buch und wenn man es einmal gelesen hat, begreift man beim zweiten Mal auch mehr von der Handlung und den Figuren. Wer jedoch nicht so viel Zeit darauf verwenden möchte, dem sei abgeraten.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.02.2013 20:56:45 GMT+01:00
SiMi meint:
Hallo Delia,
ich habe Ihre Rezension mit Interesse gelesen (auch wenn ich den Roman anders sehe).

Aber erlauben Sie mir eine Anmerkung: Tatsächlich hat McEwan in den Kurzgeschichten von Tom Haley Grundideen verwendet, die aus seinen "eigenen" Kurzgeschichten stammen, die vor gut 30 Jahren erschienen sind (für "Frühwerke" sehr lesenswert und sie verkauften sich auch ...). Diese Grundideen hat er für Tom Haley etwas anders "verpackt" und - da stimme ich Ihnen vollkommen zu - die Geschichte mit der Schaufensterpuppe ist besonders gelungen (wie schon die "alte" Geschichte).

Übrigens: Der Exfreund stirbt an Krebs.
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