Kundenrezension

25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Weiterdenken notwendig, 5. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Ganz normale Männer: Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen. Mit einem Nachwort (1998) (Taschenbuch)
Die erste und längste Phase des Umgangs mit brutaler Gewaltausübung war Leugnung ( die Unfähigkeit zu Trauern). Dann kamen immer mehr unwiderlegbare Darstellungen, dass viele dabei waren, mitgemacht haben und mindestens davon wussten. In diese Phase fällt auch die Doktorarbeit von Browning, die dann als Buch erschien und, in Anlehnung an die Auffassung von Hannah Arendt, den bezeichnenden Titel trägt: Ganz normale Männer. Gerade die Entdämonisierung ist das Bedrohliche. Schon Hannah Arendt wurde dafür gescholten, dass sie das Böse durch Entdämonisierung näher an jeden einzelnen heranrückte. Eichmann war eben kein Monster, sondern potentiell der nette Nachbar von nebenan. Inzwischen hat es weitere Studien gegeben,insbesondere vom Erinnerungsforscher Harald Welzer zur Frage, wie aus normalen Männnern Massenmörder werden konnten. Je sozialpsychologischer der Ansatz, desto mehr wird man den Strukturen eine wichtige Steuerungsfunktion zuweisen. Browning mühte sich in seiner Studie, Differenzierungen vorzunehmen, nicht alle zu willigen Vollstreckern ( Goldhagen) zu erklären,sondern auch die zu beschreiben, die sich widersetzten. Nach den neueren Studien, die die umfassende Bereitschaft zur Anpassung zu belegen scheinen, ist man neugierig, mehr zu erfahren, aufgrund welcher " Ausstattung" Menschen sich denn weigerten, diese Greueltaten mitzumachen. Religiöse Bindungen ? Andersgeartete Wertmaßstäbe des Nicht-Handelns oder schlicht mangelnde Entschlossenheit ? Inzwischen gibt es fast eine Beweislastumkehr: der Mitmacher ist die Normal-Rolle, was macht den Verweigerer aus ? Das war nicht die Aufgabe von Brown vor fast zwanzig Jahren, aber diese Frage wäre heute zu stellen, denn Anpassungsbereitschaft und Folgewille ist ja nicht erloschen, sondern wird auch heute praktiziert. Deswegen gibt es ein besonderes Erkenntnisinteresse daran, unter welchen Bedingungen Menschen gegenüber Zumutungen immun bleiben ? Das Buch von Browning trägt nach wie vor dazu bei, über die Frage des Mitmachens nachhaltig zu reflektieren. Gerade erschien der Film von Vilsmaier, der letzte Zug,Abtransport der letzten Juden von Berlin nach Auschwitz. Jede Menge Menschen haben das mitbekommen und daran mitgewirkt.Auch Vilsmaier zeigt uns beide Seiten-Grausamkeit und Mitgefühl-. Darüber lohnt intensives Nachdenken !
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen 
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein

[Kommentar hinzufügen]
Kommentar posten
Verwenden Sie zum Einfügen eines Produktlinks dieses Format: [[ASIN:ASIN Produkt-Name]] (Was ist das?)
Amazon wird diesen Namen mit allen Ihren Beiträgen, einschließlich Rezensionen und Diskussion-Postings, anzeigen. (Weitere Informationen)
Name:
Badge:
Dieses Abzeichen wird Ihnen zugeordnet und erscheint zusammen mit Ihrem Namen.
There was an error. Please try again.
">Hier finden Sie die kompletten Richtlinien.

Offizieller Kommentar

Als Vertreter dieses Produkt können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
Der folgende Name und das Abzeichen werden mit diesem Kommentar angezeigt:
Nach dem Anklicken der Schaltfläche "Übermitteln" werden Sie aufgefordert, Ihren öffentlichen Namen zu erstellen, der mit allen Ihren Beiträgen angezeigt wird.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.  Weitere Informationen
Ansonsten können Sie immer noch einen regulären Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen.

Ist dies Ihr Produkt?

Wenn Sie der Autor, Künstler, Hersteller oder ein offizieller Vertreter dieses Produktes sind, können Sie einen offiziellen Kommentar zu dieser Rezension veröffentlichen. Er wird unmittelbar unterhalb der Rezension angezeigt, wo immer diese angezeigt wird.   Weitere Informationen
 
Timeout des Systems

Wir waren konnten nicht überprüfen, ob Sie ein Repräsentant des Produkts sind. Bitte versuchen Sie es später erneut, oder versuchen Sie es jetzt erneut. Ansonsten können Sie einen regulären Kommentar veröffentlichen.

Da Sie zuvor einen offiziellen Kommentar veröffentlicht haben, wird dieser Kommentar im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt. Sie haben auch die Möglichkeit, Ihren offiziellen Kommentar zu bearbeiten.   Weitere Informationen
Die maximale Anzahl offizieller Kommentare wurde veröffentlicht. Dieser Kommentar wird im nachstehenden Kommentarbereich angezeigt.   Weitere Informationen
Eingabe des Log-ins
 

Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

Sortieren: Ältester zuerst | Neuester zuerst
1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 20.01.2014 12:06:01 GMT+01:00
Leser Sagittarius -

Ihre Rezension setzt sich mit der Frage auseinander, wie sich normale Menschen in einer solchen Weise verändern konnten; sie berücksichtigt jedoch nicht die besonderen Umstände, mit denen normale deutsche Soldaten beim Einmarsch in die SU konfrontiert wurden. Auch bei den meisten anderen Beiträgen zu diesem Buch ist dies der Fall.

Diese Umstände waren völlig verschieden von den Verhältnissen, welche die deutschen Soldaten etwa beim Einmarsch in Frankreich oder in die Niederlande vorfanden, wo ja Massenmorde der hier beschriebenen Art nicht stattfanden. In seinem Buch "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen" schreibt der polnisch-deutsche Historiker Bogdan Musial auf S. 147:

"Die Zahl der Menschen, die im Sommer 1941 sowjetischen Verbrechen zum Opfer fielen, geht in die Zehntausende. … Für unsere Problemstellung entscheidend ist aber erstens, dass die Verbrechen faktisch in jeder Stadt, jeder größeren Ortschaft und in unzähligen Dörfern … begangen wurden. Zweitens ist anzumerken, dass sie in Gebieten begangen wurden, die kurz darauf von der Wehrmacht besetzt wurden, sodass die deutschen Truppen direkt mit ihnen konfrontiert waren."

Musial beschreibt auf den folgenden Seiten die Reaktion der deutschen Soldaten und der betroffenen Bevölkerung auf die in den Gefängnissen etwa in Lemberg aufgefundenen Leichen, die häufig durch Handgranaten oder Maschinengewehrfeuer mehr oder weniger schnell ums Leben kamen und in vielen Fällen auch Spuren von Folterungen aufwiesen. Unter den Toten befanden sich auch deutsche Kriegsgefangene.

Es überrascht mich, dass praktisch keiner der Rezensenten auf diese Vorgänge Bezug nimmt. Brownings Buch erschien 1998, Musials Buch drei Jahre später, die meisten der Rezensenten hätten Musials Text daher schon kennen können - wie lässt sich das Ausbleiben einer entsprechenden Diskussion erklären?

TD
‹ Zurück 1 Weiter ›