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62 von 66 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
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Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Und plötzlich gehörst du ihm: Gefangen im Netz eines Loverboys (Taschenbuch)
In dem Buch erzählt die unter Pseudonym schreibende niederländische Merel van Groningen, wie sie als 15-jähriges Mädchen in die Fänge eines sog. "Loverboys" gerät. Charakteristisch für solche Männer soll das gezielte Herstellen von Doppelbindungssituationen sein: Man sucht sich ganz bewusst Mädchen aus, die irgendwelche Probleme besitzen (meist mit dem Elternhaus), wirbt mit Zuwendungen und Liebeserklärungen um sie, um sie dann mit körperlicher Gewalt und seelischen Grausamkeiten dazu zu bringen, sich zu prostituieren, wobei Zuwendungen und Härte im ständigen Wechsel angeboten werden. Recht ähnlich geht es im Buch zu.Erfreulicherweise ist das Buch nichts für Spanner. Ihr erstes Mal erlebt sie auf S. 121 (d.h. zur Hälfte des Buches), und selbst davon wird fast unangemessen knapp berichtet (kein Wort von Schmerzen, Blutungen, Gefühlen etc., sie fand es lediglich "spannend"). Der Prostitution zugeführt wird sie erst ab S. 225 (von ca. 250 Seiten insgesamt). Es kommt aber zu keinem einzigen Verkehr mit einem Freier, denn ihr wird rechtzeitig die Flucht ermöglicht. Dies ist sicherlich eine recht interessante und mitunter auch bewegende Geschichte. Wirklich berührt haben mich aber nur ganze drei Seiten im Buch, nämlich die drei letzten der eigentlichen Story (S. 244-6). Denn da trifft sie dann endlich zwei erwachsene Menschen, die das tun, was eigentlich schon mindestens 100 Seiten lang davor zwingend erforderlich war, nämlich rückhaltlos zu helfen und zwar jetzt und nicht irgendwann. Ich muss gestehen, dass das Buch sein eigentliches Ziel (darauf wird mehrfach hingewiesen, sogar mit Webadressen und allem Drum und Dran), auf die Vorgehensweise und Gefährlichkeit solcher Loverboys hinzuweisen, bei mir komplett verfehlte. Durchgeknallte Personen gibt es reichlich. Die Frage ist eher, wie man andere vor solchen Menschen schützt. Und in diesem Punkt löste das Buch dann bei mir regelrecht Entsetzen aus. Ich fragte mich zwischendurch immer wieder, ob Holland vielleicht neuerdings ein Vorort von Kinshasa oder Sao Paolo ist, dort "where the streets have no names". Doch dazu gleich mehr. Vielleicht lag es auch an der sonderbaren Art von Merels Darstellung selbst. Ich konnte mich nie wirklich in sie hineinversetzen. Sie berichtet zwar von Problemen mit ihrem Elternhaus, weswegen sie kurzerhand in ein Internat gesteckt wird, was sie dann auch sofort gut findet, doch man erfährt fast nichts Genaues darüber. Die Menschen, die sie trifft, sind fast immer sehr nett bis beinahe übertrieben höflich. Beispielsweise ereignet sich der folgende Dialog unter den Jugendlichen im Internat, die mehrheitlich dort sind, weil sie irgendwelche Probleme haben (S. 53): "'Was, so spät schon? Na, dann werde ich mal gehen. Danke für die gute Unterhaltung.' 'Ich rufe dich morgen wieder an', sagte Saskia. 'Ja, das ist prima. Bis morgen!' 'Bis morgen!', riefen auch die Jungen. Ich zog meine Jacke an und ging zum Haus zurück. Drinnen begrüßte mich Piet auf dem Gang. 'Hat es dir gefallen?' 'Es war sehr nett.'" So stelle ich mir eine Konversation zum Tee im Hause Windsor vor, aber unter Problemjugendlichen in ihrer Freizeit? Die Freundlichkeiten ziehen sich im Grunde durch das ganze Buch. Merel findet fast jeden nett und hat auch für dessen Verhalten das größte Verständnis, selbst im Nachhinein. Im Vorwort heißt es (S. 5): "Dank des Einsatzes meiner Mutter und der Hilfe des Jugendrichters habe ich mich aus dem Netz befreien können." Welcher Einsatz? Und hatte ihre Mutter sie nicht einfach weggegeben? Für ihren Gruppenleiter Piet im Internat ist sie voll des Lobes. Lediglich ihr Loverboy Mike wird zunehmend negativ dargestellt, dabei ist er letztlich nur ein armer Irrer. Auch ist er nicht der klassische Lude, der Mädchen anwirbt, um sie für sich anschaffen zu lassen, denn dafür fehlen ihm die finanziellen Mittel. Mike lebt nämlich von der Sozialhilfe. Entsprechend wird Merel auch nicht mit dicken Autos und Luxus geködert, sondern mit Mangel. Fortwährender Hunger (mitten in Holland) ist ein durchgehendes Thema des Buches. Sie frisst Hundefutter - zur Überraschung von Freunden -, weil halt nichts anderes zu Essen da ist. Sie magert ab, nicht weil sie magersüchtig ist, sondern weil sie im Alter von 15 Jahren mitten in Europa Hunger leiden muss. Mich hat in dem Buch weniger das Verhalten von Mike und seinen Freunden gestört, sondern die beinahe unerträgliche Verantwortungslosigkeit fast aller darin vorkommenden Erwachsenen. Beispielsweise wird sie von Mike und einem seiner Freunde mit gezückter Pistole (und einem massiven Schlagversuch mit einem Staubsaugerrohr, der aber vom offensichtlich in Kampfsportarten gut ausgebildeten Piet abgewehrt wird) aus dem Internat entführt (ab S. 108). Piet flüstert ihr bei der Verabschiedung zu: "Ich werde bei der Polizei keinen Ärger machen. Ich will es für dich nicht noch schwerer machen, als es ist." Nanu? Ein 15-jähriges Mädchen wird mit gezückter Pistole von zwei erwachsenen Männern aus einem Internat, in das sie von ihren Eltern gebracht wurde, entführt, und die Internatsleitung will bei der Polizei keinen "Ärger" machen? Groningen, oder vielleicht doch eher Kinshasa? Einmal verletzt Mike ihre Hand wutentbrannt mit einem Schraubenzieher, weswegen sie ins Krankenhaus muss. Die dortige Ärztin stellt fest (167): "Ich finde die Geschichte etwas seltsam. Ein Kartoffelschäler verursacht nicht eine solche Wunde, und davon fällt man auch nicht gleich in Ohnmacht. Sagen wir mal so, dein Freund ist ein Bekannter von uns und der Polizei. Wir wissen, wozu er imstande ist. Ich denke, dass er dir die Verletzungen zugefügt hat. Dass du ohnmächtig geworden bist, hat mit diesen Verletzungen nichts zu tun. Der Grund dafür ist, dass du unterernährt bist." Trotzdem darf Mike das 15-jährige Mädchen (in Holland ist das sog. "age of consent" - Schutzalter - 16 Jahre) wieder ganz normal zu sich nach Hause nehmen: es passiert nichts. Später muss Mike für mehrere Wochen ins Gefängnis (es handelt sich um Verkehrsdelikte). Sie ist dann im Grunde allein zu Hause. Sie berichtet davon, dass sich des nachts häufiger ein Streifenwagen der Polizei blicken lässt. Einer der Polizisten meint zu ihr: "Deine Mutter steht in ständigem Kontakt mit der Polizei. Wir haben ihr angeboten, dich hier rauszuholen, aber sie weiß nicht, wo du dann unterkommen kannst, und dafür sucht sie jetzt zusammen mit dem Jugendamt eine Lösung." Wenig später wird sie von einer Mitarbeiterin des Jugendamtes aufgesucht. Es geht darum, was mit ihr geschehen soll, da ihre Mutter dem Jugendamt das Sorgerecht übertragen hat. Die Frau stellt bald fest, dass kein Essen im Hause ist. Merel bricht in ihrer Gegenwart in Tränen aus und sagt wörtlich: "Ich kann nicht alles erzählen, aber freiwillig kann ich nicht von ihm weg. Bitte holen Sie mich hier raus! Mir ist ganz egal, wie, wenn er nur nicht glaubt, dass ich es selbst will." Und wieder passiert nichts. Mike wird aus dem Gefängnis entlassen und er kann ganz normal in seine Wohnung zurückkehren, wo sie noch immer wohnt. Spätestens ab diesem Punkt war dies dann für mich kein Manifest contra Loverboy mehr, sondern - sofern es sich nicht um eine äußerst verzerrte Darstellung der Wirklichkeit handelt - eine Dokumentation über das Versagen der sozialstaatlichen Bürokratie und der Erwachsenenwelt generell. Ach ja: Im Epilog heißt es übrigens (251): "In der Stadt begegnete ich Kelly. Sie hatte ebenfalls mit Mike gebrochen und war in eine andere Stadt gezogen. Sie erzählte, Mike habe schnell ein anderes Mädchen gefunden." Ende gut, alles gut, kann man da nur sagen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen Kommentare
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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag:
29.04.2013 20:57:31 GMT+02:00
DO meint:
Manchmal ist weniger mehr. Ich brauche das Buch jetzt jedenfall nicht mehr kaufen, weiß ja jetzt ausführlich was passiert.
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