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Kundenrezension

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie sich Angst anhört, 25. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Töne der Angst: Die Musik im Horrorfilm (Broschiert)
Eine Juristin, auch schwieriger Literatur zugetan, mit Sicherheit auch abstrakter Kunst, erzählte neulich von einem Schönberg-Erlebnis. Es müssen die "Fünf Orchesterstücke" gewesen sein. Ein Freund hätte sie ins Konzert geschleppt. Sie war "schockiert". Für sie nicht fassbar, Unklang, Verlärmtes. Für einen wie mich, vertraut mit Stockhausen und Lutoslawski, eine bemerkenswerte Einschätzung. Man muss sich das immer wieder neu vor Augen halten: Neue Musik ist nicht "angekommen", schon gar nicht in der ungefähren Mitte irgendeiner Gesellschaft, auch nicht zwangsläufig bei Menschen, die Thomas Mann inhalieren und sich profund zu Roberto Bolano äußern können. Sie "nischt" bis in alle Ewigkeit, von Pärt, Glass, Reich und Konsorten mal abgesehen. Doch wir alle haben kein Problem mit der Duschszene in "Psycho", der "romantischen Atonalität" des frühen Rosenman, mit den avancierteren Partituren eines Elliott Goldenthal ("Alien³"), mit Goldsmiths "Coma" oder "Freud", wenn wir die dazu gehörigen Filme sehen und die Musik weit gehend nebenkanalig wahr nehmen. Horrorfilme insbesondere der 70er strotzen nur so vor radikaler Neuer Musik, mitunter greift die Regie sogar auf absolute, präexistierende Werke zurück (prominentes Beispiel: "Shining", mit Musik vor allem von Penderecki) oder hauptberufliche Filmkomponisten nutzen die Errungenschaften der Avantgarde, um das Böse, das Fremde, den Eindringling (oder das "Beast from within") in all seiner Gefahr tönend zu begleiten, die Gefühle des Zuschauers hin ins Unangenehme zu steuern.

Hentschel denkt nicht in Genres. Wenn er Horrorfilm meint, fallen auch "Forbidden Planet", "Eraserhead" und "Irreversible" darunter. Die ideale Zielgruppe für dieses Buch wären Horrorfilmfans, die regelmäßig Neue Musik hören. Im deutschen Sprachraum dürften das nur wenige hundert Menschen sein, denn das ist eine fast unmögliche Kongruenz. Niedrigst- und Höchstkultur berühren sich allzu selten. Doch da Hentschel den Radius weit spannt und nicht zwangsläufig "Cannibal Holocaust" oder "Saw" meint, kann jeder dieser sehr profunde, sprachlich brillante Arbeit - das beste deutschsprachige Buch über Filmmusik und Sound Design überhaupt - lesen und die zahlreichen Ausschnitte auf der Begleit-DVD danach mit sehr viel Erkenntnisgewinn betrachten. Sich die nach musikalischen Gesichtspunkten ausgewählten Clips vor der Lektüre anzusehen, ergibt wenig Sinn.

Musik, die irritiert, die etwas Neues hinzu addiert, einfärbt, eindunkelt, diametral angelegt ist und dadurch die Angst potenziert, die ohne Filmbild womöglich gar nicht als Musik wahr genommen werden würde. So wie ein Bekannter von mir fassungslos war, als ihm klar wurde, dass die Klänge nach dem Absturz in "Fearless" - wahrlich kein Horrorfilm - komponiert sind ("Polymorphia"). Hentschel hat sein Buch "Töne der Angst" genannt, denn es geht auch um Körperlaute ("Body Sounds"), Geräuschmusik (wie in "The Texas Chain Saw Massacre"), brodelnde Environments ("Eraserhead") mit Industrial-Einschlag und Blubberglucks wie in "Forbidden Planet". In einem 40-seitigen großen Exkurs geht er zurück zu Franz Waxman, hin zu Leonard Rosenman ("The Cobweb"), stellt uns elektronische Orgeln vor und wie sie wann von wem eingesetzt wurden, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, dann das Theremin und Sinusgeräusche stockhausen style. Fast dreißig Seiten nur zu Chormusik und religiösen Bezügen ("The Omen", "Carnival of Souls", "Candyman"), und seine Beschreibung der Gesamtanlage eines Scores und einzelner Cues gehört zum Besten, was ich - englischsprachige Titel eingerechnet - jemals über Filmmusik gelesen habe. Kinderlieder und Spieluhren: Man trifft auf sie heute noch in Filmen der letzten Jahre, und Hentschel weiß auch, warum sie in "The Bad Seed", "You Better Watch out" und "The Innocents" so gut funktionieren. Nebenbei lernt man durch "Töne der Angst" Filme aller Epochen kennen, die auch gut informierte Cineasten nicht unbedingt kennen, nehmen wir "Black Christmas" oder "The Last House on the Left".

Vor dem Glossar drei Seiten zur FSK, Schnittauflagen, Verboten. So etwas wie eine kurze Kampfschrift. Unpassend, weil nicht Musik betreffend. Zumindest hätten Kompositionen von Shore, Goldenthal und Young (insbesondere der außergewöhnliche Ansatz in "The Vagrant") ausführlicher besprochen werden müssen, anstatt nur hier und dort mal "Hellraiser" zu erwähnen; der Autor konzentriert sich auffallend stark auf Filme der 60er und 70er. Ansonsten kann man noch so lange suchen: Man wird nichts Kritisches finden. Wenn Sie wissen wollen, warum der Horror vor allem akustisch vermittelt wird, muss sich "Töne der Angst" zulegen.

Neben den bereits erwähnten Filmen werden die Klangkonzepte zu folgenden Filmen ausführlicher gewürdigt: "The Exorcist", "The Birds", "Profondo rosso", "God told me to", "Night of the living dead" (der nur aus stock music besteht), "The Offence" (Birtwistles einzige Filmkomposition, ein unbekannter Meilenstein im Bereich radikaler Musik im Mainstream-Film) und noch ein paar andere. Auf der DVD finden sich u. a. exemplarische Szenen aus "Eraserhead" (gleich drei!), "Rabid", "Shivers", "You better watch out", "The Exorcist", natürlich "Shining", "Carrie", "Re-Animator", "Evil Dead", "The Bad Seed" - manche nur 30 Sekunden lang, andere über zwei Minuten. Sehr gut gestaltet, absolut einleuchtend, wenn man die Clips mit der Lektüre verknüpft. Der recht hohe Buchpreis ist absolut gerechtfertigt.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 16.12.2011 18:48:52 GMT+01:00
Also es gibt sie schon, die Horrorfans mit Hang zur Neuen Musik. Einschlägige Scores werden jedenfalls immer wieder neu auf CD (!) herausgebracht, zuletzt Horners "Wolfen" und "Humanoids from the deep" (beide teilen sich ein Hauptthema, das wiederum von Ives geklaut ist).
Danke für die Empfehlung, ein schöner Fund!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.12.2011 12:33:15 GMT+01:00
Riyad Salhi meint:
Ja, Horner hat in seinen Anfängen tatsächlich Erkenntnisse aus der Avantgarde in seine Scores eingeflochten. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist "Aliens", eine seiner besten Arbeiten überhaupt. Später hat er das kaum weiter verfolgt oder ist in routinierten Sümpfen versunken. Und ein paar Cluster aufzutürmen, Streicher krächzen zu lassen oder die Kontrabässe raunen zu lassen, das ist noch nicht Neue Musik, das ist ebenso Routinemüll. Morricone hat in den 60ern, 70ern ebenso viel Interessantes kreiert, sogar noch später (z. B. "Rampage").

Veröffentlicht am 05.07.2012 15:49:41 GMT+02:00
A. M. meint:
Na, das nenne ich mal eine profunde Rezension ...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.10.2012 07:29:35 GMT+02:00
Monticello meint:
"Nicht in der Gesellschaft angekommen"...

Ja, wen wunderts, das Klappern von Topfdeckeln und Kloschüsseln wird wohl auch nie als Musik in der Gesellschaft "ankommen" - ist doch bezeichnend, wenn sich Stockhausen und Co. nur als Horrormusik eignen - dem ist wohl nichts mehr hinzu zu fügen.
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