Kundenrezension

30 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Freak-Metal mit Gaga-Texten, 2. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Turisas2013 (Audio CD)
Mit einem bombastischen Mix aus allen möglichen Metal-Genres hatte sich Turisas seinerzeit einen Namen machen können und sich einen festen Platz unter den Leading Metal Acts gesichert. Seit den ersten beiden Alben gehörte die finnische Truppe zu meinen absoluten Favoriten und auch das etwas schwächelnde, aber dennoch weit überdurchschnittliche, letzte Album konnte die Band nicht von ihrem uneigeschränkten Triple-A Rating abbringen.
Dementsprechend war es natürlich erfreulich, dass die Truppe um "Warlord" Nygard diesmal nicht wieder eine halbe Ewigkeit bis zum neuen Longplayer verstreichen ließ. Bedenklich stimmte mich alerdings die Vorankündigung, die Band wolle mit ihrer Musik einen "organischeren" Sound anpeilen. Solche Aussagen fasse ich immer erstmal skeptisch auf. Denn üblicher weise bedeutet es, wenn eine Band im Vorfeld versucht, eine neue Richtung zu rechtfertigen, dass sie nun mit weniger Geld als vorher auskommen muss, oder dass ein Major-Label ihr die Zügel aus der Hand genommen hat. Beides bekommt dem Schaffen des jeweiligen Künstlers in der Regel weniger gut. Aber "organisch" klingt für mich nach "biologisch abbaubar" und was das für Metal bedeuten sollte, hätte ich mir in meinen schlimmsten Fieberträumen nicht ausmalen können. Nicht weniger bedenklich stimmte mich auch im Vorfeld das untypische und merkwürdige Cover sowie der seltsam dümmliche Albumtitel.
Koste ich also mal, was einem die finnischen Schlachtenbummler hier auftischen.

ERSTE DOSIS:
Der erste Track fängt vielversprechend an, der Turisas typische Sound ist unverkennbar. "Its all for your own good" kommt allerdings nicht so richtig un die Pötte. Der Song bleibt auf der Bremse, die Vocals sind mehr gesprochen, als gesungen und die Choräle erreichen nicht den gewohnten Bombast. Extrem bedenklich sind allerding die Texte! In den Lyrics wird die Lebensberater-Marotte des letzten Albums weitergeführt. Warlord Nygard motiviert uns hier dazu, unsere inneren mentalen Mauern einzureißen um uns endlich den Herausforderungen des Alltags zu stellen. Und wie der Titel schon sagt, er möchte dabei nur unser Bestes. Das tut doch mal richtig gut, die volle Dosis "Chakkaa!" in einem Metal-Song, das hat die Welt (mal wieder) gebraucht. Und wer könnte einem besser Selbstbewusstsein mit dem Zaunpfahl einprügeln als
Wikinger-begeisterte Rock-Finnen?

ZWEITE DOSIS:
Und damit wir uns richtig wohlfühlen, geht der Life-Coaching-Kurs hier gleich weiter. Auch hier geht es ums Ausbrechen aus gewohnten Bahnen und darum, dass man lieber seine spontanen Entscheidungen schnell treffen sollte, denn "Ten more Miles" weiter könnten wir es schon bereuen. Die Melodie und der Sound würden eigentlich in Ordnung gehen, wenn der Song selber nicht wieder so ein Kind-geh-doch-mal-an-die-frische-Luft-Gesabbel wäre. Damit wir uns aber gut fühlen, versichert uns Turisas, dass sie immer für uns da sind, uns beistehen und uns durch die schweren Zeiten helfen. "Turisas! You can count on us!", ein Selbstbeweiräucherungssong der Seelentröster Turisas. Dazu präsentiert
uns die Band in den Strophen Beispiele von Loosern die ihren Hintern nicht hochkriegen und sich in Ausflüchten und Ausreden verkriechen. Wenn man nicht zuhört, geht der Song durchaus in Ordnung. Aber wenn nur diese unnötigen Aufrappelpredigten nicht wären...

VERDAUUNGSPAUSE:
Nach so zwei harten Dosen an gutgemeinter Lebensberatung können wir hier erst mal friedlich wegknacken. "Piece by Piece" ist überraschenderweise ein Song über "Peace". Es rattert also sinnlose und unzusammenhängende Phrasen und Worthülsen über Frieden/Bedrohung/Freiheit oder sonstwas am laufenden Band. Melodisch im Mittelfeld, präsentiert das Stück Dadaismus im Reinformat!
Was uns der Warlord hier mitteilen möchte wird wohl immer sein Geheimnis bleiben.

DIE BESSERUNG:
Die Pillen und die Ruhephase haben anscheinend gewirkt. Mit "Into the Free" geht es jetzt tatsächlich endlich so los, wie man es von Turisas gewohnt ist. Der Song über einen Inhaftierten der seinen Weg zurück in die Freiheit findet fährt Turisas' alte Tugenden auf. Starke Melodien und kräftige Chöre. Ein klein wenig Westernfeeling zwischendurch schadet dem Song nicht. Obwohl er nicht zu den Glanzleistungen der Band zählt, greife ich mal soweit vor, ihn bereits als den einsamen Höhepunkt dieses Albums zu bezeichnen.

DIE NEBENWIRKUNGEN:
Jetzt schlägts Dreizehn. Dachten wir eben noch, die Turisas-Kur würde endlich zu alter Größe zurückfindet, trifft uns nun das totale Delirium in Form von "Run, Bhang-Eater, Run!"! Quasi-Instrumetals wie dieses haben die Finnen schon auf ihren Vorgänger-Scheiben gehabt. Flotte Melodien, ein wenig Humpa und Folklore, hier und da eine einsam eingeworfene Textzeile, abgerundet mit den üblichen Fanfaren. Dieses orientalische Gedudel hat allerdings eher was von einem Stummfilm auf Speed. Anscheinend handelt diese Drogenvision irgendwie von einem Typen der von den Wachen des Sultans verfolgt wird, offenbar hat es was mit dessen Harem zu tun. Fragt nicht.
Das Ganze klingt wie "Marx Brothers im Orient", ist so grotesk wie absonderlich und hört sich eher nach einem netten Scherz an, der leider nach hinten losgegangen ist.

DIE SCHLIMMEN NEBENWIRKUNGEN:
Wenn das jetzt mal ein Ausrutscher gewesen wäre, oder ein Experiment, aber nein, mit "Greek Fire" wird alles noch viel schlimmer. Nach reiflicher Überlegung bin ich sicher, hier nicht nur den schlechtesten Turisas-Song überhaupt vor mir zu haben, sondern einen der nervtötendsten Songs in der Geschichte des Metal schlechthin.Er besteht ausschließlich aus langsamen Passagen die abwechselnd
entweder
abgehackte
Wortfetzen
bieten
oder
gaaaaaaaaaaaaaanz, laaaaaaaaaaaaangezooooooooogeneeeeeeeeeeee,
Wööööööööörteeeeeeeeeeer.
Das Geschrammel dazu kann zudem nicht den Hauch einer Melodie aufweisen.
Das ging mir beim ersten Hören schon tierisch auf den Zeiger, danach wurds nur noch schlimmer.

DAS AUSKLINGEN:
Eine kurze Pause vom Wahnsinn bietet uns "The Days passed". Ein bisschen Herzschmerz, ein wenig Wehmut, ein langweiliger Song über belanglose Themen. Nach den beiden Tracks zuvor geradezu eine Wohltat.

DER RÜCKFALL:
EIn munteres Sauflied sollte es wohl werden, aber das Ding ist nur peinlich. Hier werden anscheinend die Ereignisse thematisiert, an die sich der Texter mal nach einem durchsoffenen Abend erinnert. Alkohol, Schlägerei, Frau ohne Schuhe. Soweit, so gut oder? Irgendwie schräg, nett gemeint, aber andere Bands wissen 100mal mehr, wie man Saufhymnen schreibt. Und singt. Turisas, lass die Finger vom Schnaps! "No good Story ever starts with drinking tea", aber Promille ist anscheinend auch kein Garant für mitreißende Partysongs.

DAS ERWACHEN:
Der Horrortrip nähert sich seinem Ende, der Schrecken verzieht mit einer vagen Erinnerung an den Western von Gestern. Worum es in diesem Song genau geht, weiß niemand. Aber er klingt nach Spaghetti und jemand reitet zusammen. Denn Rest dazwischen hat man auch noch mit Satzschnipseln irgendwie gefüllt bekommen und mit diesem mittelmäßigen, möchte-gern-epischem Track habe ich die schwer verdauliche Rosskur endlich hinter mir.

DIE DIAGNOSE:
Ich finde noch immer die ersten beiden Alben genial, auch das dritte ist noch sehr gut, aber das hier ist gelinde gesagt, himmelschreiender Blödsinn. Ganz ehrlich Nygard, was hast DU da geraucht?!? So einen Unfug singt man doch nicht noch wirklich?! Gut, anscheinend wollte man sich ein wenig von der Vergangenheit lösen, schließlich taucht hier erstmals nicht ein einziger Wikinger auf dem Album auf. Aber das heißt doch nicht, dass man gleich so einen Mumpitz vermusizieren muss! Bei den Texten hab ich im besten Fall keine Ahnung worum es eigentlich genau gehen soll und im Regelfall schlage ich die Hände überm Kopf zusammen. Manchmal hilft gar nur ein Hechtsprung zu Skiptaste. Zugegeben, Metaller waren noch nie die hochtrabenden Lyriker, aber was dabei rauskommt, wenn sie glauben, sie wärens doch, hört man hier.
Auch der Sound hat die personellen Umwandlungen nicht gut verkraftet. Der Original Turisas Sound kommt zugegebenermaßen hier und da mal durch, aber die Songs pendeln zwischen Geht so, Erträglich und Katastrophe.
Ein einziges gutes Stück, 4 mal Mittelmaß und ganze 4 Rohrkrepierer sind unterm Strich einfach zu wenig für eine Band wie Turisas.

DIE AUSSICHT:
Kleiner Tip: Über Harald III gibts noch mehr zu besingen, nur so am Rande.
Sollte das nächste Turisas Album wieder so ein Freak-Metal sein, lasse ich in Zukunft lieber die Finger davon. Es muss nicht immer Mittelalter und es muss auch nicht immer der tausendste Wikinger sein. Aber eine ganze CD mit sinnfreien und zusammenhanglosen Liedtexten die sich wie eine schlechte Browserübersetzung lesen, benötigt zumindest wieder etwas mehr Wumms im Sound. Mal ganz ehrlich, würde Turisas der finnische Kriegsgott wirklich existieren, was würde er von diesem Album halten?
Frag dich das mal Nygard und bis dahin legst du deinen Warlord Titel mal zur Seite in das Kästchen mit den Homöopathiewässerchen und den Hare-Krishna-Büchern und nennst dich fortan erstmal ausschließlich Wellness-Coach.

DIE AUSBEUTE:
Eins von fünf schwindeligen Drachenbooten für "Into the Free". Mehr ist beim bestem Willen nicht drin für eine CD die ich eigentlich gar nicht mehr hören mag.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-8 von 8 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 11.09.2013 18:04:05 GMT+02:00
P. Eisinger meint:
Köstliche Rezension!! Hab herzlich in mich reingekichert :D

Veröffentlicht am 12.09.2013 03:20:41 GMT+02:00
G. Claußen meint:
Schade drum... die politische Komponente von "For Your Own Good" und "Greek Fire" und ist dir wohl entgangen, wie? Andererseits wüsste ich gerne, was denn mal nicht "belanglose" Songtexte sein sollten. Solche Stories wie auf den ersten beiden Alben etwa?

Veröffentlicht am 13.09.2013 20:03:16 GMT+02:00
Edgar Elch meint:
Sehr amüsante Rezension, habe sie nur durch Zufall gefunden, werde aber mal in das Album reinhören ;-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.09.2013 03:40:27 GMT+02:00
Metalhead meint:
@G. Claußen: offentsichtlich ist der Rezensent mit der Interpretation tiefgründiger Lyrics überfordert und kann deshalb mit der Entwicklung, die die Band genommen hat, nicht mithalten...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.09.2013 08:46:31 GMT+02:00
Dingo meint:
"Entwicklung" ist nicht grundsätzlich positiv, denn auch Degeneration ist eine Entwicklung. Und ja, mit dieser Entwicklung kann und möchte ich auch gar nicht mithalten. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich um einen ausgestellten Stein mit einem Loch darin scharen, den ein angeblicher Künstler für tausende Euros an ein Museum verhökert hat um mit ihnen die sozialkritische Botschaft des Exponates zu diskutieren, von der der Künstler selber nicht mal weiß. Aber würde ich der Band unterstellen, dass dieses sinnbefreite Gebrabbel tatsächlich eine tiefgründige Intention besäße, es würde nichts ändern. Auch mit (tief, tief, tief) versteckter Tiefgründigkeit, macht dieses ALbum deshalb nicht mehr Spaß. Wenn diese Degeneration die Entwicklung der Band widerspiegelt, dann darf sie diesen Weg gerne gehen, ich warte solange hier und höre mit stattdessenandere Bands an. Kennt übrigens jemand diese Sipmpsons Folge mit dem Barbershop-Quartett den "Überspitzen" und Barneys Interpretation von "Number 9", die er der Band als Song vorschlägt?Irgendwie sehe ich da Parallelen in dieser "Entwicklung".

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.09.2013 00:18:44 GMT+02:00
Myre meint:
Das heißt Number "8" :D

Veröffentlicht am 22.09.2013 11:01:08 GMT+02:00
Dingo meint:
Danke!^^
Ich muss dringend wieder mehr Simpsons gucken...

Veröffentlicht am 06.10.2013 11:18:02 GMT+02:00
Merlin meint:
dafür zeigen sie dann im Video zu Ten more miles, welch krasse Wikinger sie doch noch sind, indem sie ein ganzes Dorf inkl. Frauen abschlachten. sehr heldenhaft, Bravo. So ein Mist, werdet erwachsen!
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