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Kundenrezension

21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Cornelius Suttree und seine Kumpels sitzen tief in der "Scheiße", 31. Dezember 2008
Rezension bezieht sich auf: Verlorene (Taschenbuch)
Cormack McCarthy war für mich die Leseentdeckung des letzten Jahres. "Die Straße", das Buch, mit dem Autor der internationale Durchbruch gelang, dann die dreibändige Bordertrilogie "All die schönen Pferde", "Grenzgänger" und "Land der Freien" eröffneten für mich eine neue Leseerfahrung (Danke, Thomas), ausgestattet mit einer eigenen Sprache und einer herrlichen unzeitgemäßen Welt mit Vätern und Söhnen, Natur, Weite, Fatum und Charakter. Natürlich ging es mir dann wie allen McCarthy Fans, ich wollte wissen und lesen, was der Meister früher so geschrieben hat.
"Verlorene" ist wohl das bekannteste der früheren Werken Cormack McCarthys. Es handelt von Corneliuis Suttree, einem Mann unbestimmten Alters, den wir 650 Seiten lang als Fischer, Landstreicher, Trinker und Träumer durch drei elende Jahre seines Lebens begleiten. Wie Oceanfrogg, J-Bone Ruby, der Lumpensammler, der Indianer, der Melonenvögler Gene Harrogate und eine ganze Galerie anderer schräger Vögellebt auch "Butt" Suttree als Mitglied eines frühen Südstaaten-Prekariats in einer baufälligen Unterkunft am Ufer des großen Flusses am Stadtrand von Knoxville/Tennesse. Manche dieser Figuren erfrieren in den eiskalten Wintern, manche fallen auch in den Fluss und ertrinken, wieder andere werden erschossen, erschlagen, dement oder sterben elend an inneren Krankheiten - alle aber sind Alkoholiker, die ihr Geld in sinnlosen Rauforgien verprassen. Immer wieder werden sie in Arbeitslager, Gefängnissen oder Krankenhäuser eingewiesen, nur um anschließend in der sogenannten Freiheit ihr sinnloses Leben fortzusetzen. Die Frage, was mit diesen Menschen los ist und warum sie gegen ihr depriviertes Schicksal nicht protestieren, bleibt offen, weil sich McCarthy hier wie in allen seinen Büchern jeglicher moralisierenden Kommentierung enthält. Nur einmal, als Suttree eine chaotische Reise zum Begräbnis seines Sohnes unternimmt, wird deutlich, dass er wie alle Anderen auch ein Gestrandeter des Lebens ist, ein "Verlorener", der nach privaten Katastrophen seinen Halt im bürgerlichen Leben so endgültig verloren hat, dass ihn nichts mehr dahin zurückzieht.
Der einzige Ausflug aus diesem elenden Leben währt nur kurz. Als Liebhaber der farbigen Prostituierten Joyce kann Suttree sich einige Wochen in besseren Hotels einquartieren, er wird eingekleidet, erhält einen eigenen Wagen und lebt das faule Leben einer Drohne, während Joyce in den Großstädten der weiteren Umgebung ihrem einträglichen Gewerbe nachgeht. Am Ende zerbricht auch diese kurze Liaison an der persönlichen Unzulänglichkeiten der Partner. Suttree verlässt nach einem heftigen Streit einfach den Wagen der Geliebten und kehrt zu Fuß in sein baufälliges Hausboot am Fluss zurück. Die restlichen achtzig Seiten bringen nichts Neues. Suttree und seine Kumpels rutschen immer "tiefer in die Scheiße" (Zitat!), bis sie ihr Schicksal ereilt. Dass ganz im Unterschied zum gesamten Tenor der Erzählung ganz am Ende des Buches Suttree dann plötzlich mit sauberern Kleidern und einem kleinen Köfferchen als Anhalter Stadt und Fluss verlässt, kann unmöglich ernst gemeint seine sondern muss wohl als Traumende verstanden werden.
Ich habe dieses Buch mit großer Anteilnahme gelesen, und wie immer kann einen das Gruseln überwältigen, wenn McCarthy die Details aus dem Leben im gesellschaftlichen Bodensatz beschreibt. Die Szenen, in denen Gene Harrogate ein Schwein ermordet oder Suttree bei 14 Grad Minus auf den Planken seines Hausbootes friert, sind pure Meisterschaft Auf der anderen Seite aber blieb mit der Charakter der Hauptfigur Cornelius Suttrees unverständlich - er kam mir in seinem teilnahmslosen Umherwandeln im Reich der Verlorenen vor wie eine seelische Teflonpfanne an der nichts hängen bleibt. Auch alle anderen Gestalten, vielleicht mit Ausnahme von Gene Harrogate, bleiben literarisch merkwürdig blass, obwohl von ihnen in einem fort über 650 Seiten lang die Rede ist. Insgesamt erreicht dieses Buch also trotz der eindringlichen Sprache und der mitunter extrem verdichteten Atmosphäre meiner Ansicht nach nicht ganz die Meisterschaft der Brodertrilogie oder der "Straße". Nicht ganz, heißt bei Cormack McCarthy aber natürlich immer noch fünf Punkte.
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