Kundenrezension

41 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Stones im Exil - Essentielles aus Keiths Keller, 16. August 2007
Rezension bezieht sich auf: Exile on Main Street (Audio CD)
Die Rolling Stones hatten in den Jahren 1968 - 1972 einen einmaligen Lauf. Trotz zahlreicher Schwierigkeiten (der erzwungene Ausstieg von Ex - Bandchef Brian Jones, der kurz danach unter mysteriösen Umständen starb, die Katastrophe von Altamont, der lange Rechtsstreit mit Ex - Manager Allen Klein, zahlreiche Zusammenstöße mit den Behörden usw.) entstanden nacheinander vier Alben, die stets an vorderster Stelle genannt werden, wenn es um die Zusammenstellung der besten Platten aller Zeiten geht. Nach "Beggars Banquet", "Let It Bleed" und "Sticky Fingers" bildet "Exile On Main Street" den grandiosen Abschluß der "Big Four".
Anfang der 70er hatten die Stones aufgrund der exorbitanten Forderungen der britischen Steuerbehörde ihre Wohnsitze nach Südfrankreich verlegt und nach dem Auslaufen ihres Plattenvertrags mit der DECCA ihr eigenes Label, "Rolling Stones Records" mit der berühmten Zunge als Logo, gegründet. Die erste Veröffentlichung, "Sticky Fingers" von 1971 wurde von der Kritik hochgelobt und brachte die finanziell klammen Stones (die Rechte an sämtlichen Stones - Songs bis zu diesem Zeitpunkt lagen bei der DECCA) wieder auf Vordermann. Ein Jahr später erschien der nächste Klassiker. "Exile On Main Street" entstand zum größten Teil im feuchtkalten Untergeschoß von Keith Richards' Villa Nellcote, den Strom für das Equipment zog man sich illegal von einer Stromleitung, die durch den Villenpark führte.
Als das Album schließlich erschien, wußte man zunächst nicht viel damit anzufangen, die Kritik konnte sich nicht mit dem rauhen, unfertig wirkenden Produktionsstil anfreunden, auch fehlten hier die herausstechenden Hitsingles, die frühere Stones - Alben geprägt hatten (einzig "Tumbling Dice" schaffte es auf Platz 5 der US - Charts). Heute gilt gerade die rohe Produktion als stilprägend, die durchgehend ausgezeichnete Qualität des Songmaterials und die auf dem Album herrschende kraftvolle Stimmung sicherten "Exile" seinen verdienten Platz ganz oben in den All - Time - Charts und für viele ist es das beste Rock - Album aller Zeiten.
Was auch immer in Keiths Keller passierte, nie zuvor und nie danach zeigten die Rolling Stones derartige Kreativität, wenn es um das Vermischen von Stilen zu etwas ganz Neuem ging, sämtliche Einflüsse, die die Band jemals geprägt hatten, vermengen sich hier zu einer brodelnden Mixtur, "Exile On Main Street" ist das bunteste, chaotischste und wildeste Album, das die Stones jemals gemacht haben und erst nach mehrmaligen Anhören offenbart es seine ganze Magie.
Es beginnt mit "Rocks Off", einer lärmenden Rocknummer, deren Text von Paranoia und sexueller Vesagensangst geprägt ist. Ein sperriger, hochklassiger Opener.
Der nächste Klassiker ist "Tumbling Dice", die einzige Nummer von "Exile" die eine Top - Ten - Postion erreichte, ein unwiderstehliches Gemisch aus Rock, Funk, Blues und Soul mit Gospel - Chor. Die Nummer schwillt zu einer gewaltigen "Wall of Sound" an, um schließlich in einem langen Fade - Out zu verglühen. Unübertrefflich.
"Sweet Virginia" ist im Grunde feinster Country - Rock, wieder jedoch werden sämtliche Einflüsse anderer amerikanischer Musik zusammengekocht. Die Nummer wurde stilprägend für nachfolgende "Alt - Country" - Musiker, einer der ersten "Americana" - Songs, und das von einer urbritschen Band.
"Torn And Frayed" ist ein selbstironischer Blick in den Spiegel, in dem die Stones sich selbst als abgehalfterte Band karikieren und speziell Keiths Drogenabhängigkeit eine exponierte Rolle spielt.
"Sweet Black Angel" kommt als perkussive Nummer mit Karibik - Flair daher, im Kern ist es allerdings ein politischer Protestsong. Es geht um die schwarze Bürgerrechtlerin Angela Davis, die zu dieser Zeit im Gefängnis saß und zur Symbolfigur für die Behandlung politischer Gefangener wurde.
"Loving Cup" ist einer der wenigen Songs, die schon vor den Aufnahmesessions entstanden. Die Stones spielten ihn schon 1969 beim Hyde - Park - Konzert, bei dem der neue Gitarrist Mick Taylor einfgeührt wurde. Wieder ein Mix aus Rock und Gospel, geprägt von Nicky Hopkins' wilden Piano - Läufen, der Text voller Liebeshunger und Angst vor dem Versagen, ein energiegeladenes Angstlied.
"Happy" ist die zweite Singleauskopplung von "Exile". Geprägt wird die Nummer (Keith Richards am Mikro) von dessen ungewöhnlich gutem Gesang. Der Song wurde eine Art Markenzeichen für Keith und hat noch heute seinen festen Platz im Konzertrepertoire.
"Ventilator Blues" ist ein Credit an den Aufnahmeort, Keiths feuchten, stickigen Keller, in dem laut Mick Taylor nur ein einzger Ventilator etwas Linderung schuf. Ein um ein bleischweres Riff herum gebauter Blues, der direkt aus dem schwülen Mississippi - Delta zu kommen scheint, geprägt von Mick Jaggers schleppendem Gesang und einem famosen Solo des Gitarren - Virtuosen Taylor, dem technisch besten Gitarristen, den die Stones je hatten.
"Let It Loose" ist wieder ein Mix aus sämtlichen Stilen, die die Stones draufhatten, eine Gospel - Nummer mit mexikanischen Bläsern, mit zwei genialen Gastsängerinnen (Shirley Goodman und Tammi Lynn), tiefschwarz, innig und hingebungsvoll.
"All Down The Line" ist der typischste Stones - Song auf diesem Album. Auch dieser Song entstand schon 1969, fand in einer von Keith und Mick Taylor gnadenlos vorangetriebenen Version seinen Platz auf "Exile" und gehört zu den ewigen Favoriten im Live - Repertoire der Stones.
"Stop Breaking Down" stammt ursprünglich vom geliebten Blues - Genie Robert Johnson, die Stones machen jedoch eine komplett eigene Nummer daraus. Genial hier das Zusammenspiel von Taylors Bottleneck - Gitarre und Mick Jaggers Harmonika.
"Shine A Light" ist Mick Jaggers großer Auftritt, einer der stärksten Stones - Songs überhaupt, der während der letzten Tourneen einen festen Platz im Programm hatte. Die Band ist in Hochform, der Frontmann zieht alle Register, ein genialer Mix aus Southern Soul und Gospel.
Mit "Soul Survivor" endet das Album genauso energiegeladen, wie es beginnt. Wieder duellieren sich die beiden Gitarristen auf höchsten Niveau und spielen doch genial zusammen, während Jagger unwiderstehlich die Vokale in die Länge zieht.
"Exile On Main Street" wird nicht duch den großen Superhit geprägt, es ist ein Album voller phantastischer Songs, ein absoluter Höhpunkt in der Discographie der Stones und eine der wichtigsten und einflußreichsten Platten der Rockgeschichte, das seine Sperrigkeit nach mehrmaligem Anhören verliert.
Eine Plattensammlung ohne dieses Album ist keine.
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1-6 von 6 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 21.08.2009 18:06:36 GMT+02:00
musicpeterpan meint:
Klasse!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 22.08.2009 03:28:50 GMT+02:00
Martin Resch meint:
Danke. Ist man den Jungs doch schuldig. :-)

Veröffentlicht am 17.09.2009 12:53:03 GMT+02:00
Pete Thrope meint:
Schöne Rezension, aber eine Anmerkung muss ich zu "Rocks Off" machen. Ein Song über Paranoia und sexueller Versagungsangst? Scheint so. Allerdings singt Jagger gegen Ende anstatt ""I Only Get My Rocks Off While I'm Sleeping" (CD Anzeige ca. 3'36) "I Only Get My Socks Off..." und nimmt uns alle auf den Roller, die das ernst genommen haben.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 18.09.2009 00:52:25 GMT+02:00
Martin Resch meint:
Gut zugehört. Respekt. Dieser ironische Unterton ist mir bis jetzt entgangen. Beim nächsten Durchhören werde ich auf die Stelle achten.

Veröffentlicht am 20.04.2010 17:56:35 GMT+02:00
die Stones als Gründerväter des Americana ? Kein Wort von Gram Parsons ? Stilprägend ? Mutige These; schade ist sicherlich, dass sie den Weg, mit Ausnahmen - it's only R&R - nicht weitergegangen sind, sondern Jagger immer mehr geglaubt hat, er sei schwarz, und Keef anfing zu vergessen, dass Blues und Country ein Kind hatten, dass R&R heißt; übrigens immer noch; auch ohne die ehemaligen Kunststudenten aus London.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.05.2010 00:54:10 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.07.2013 09:29:03 GMT+02:00
Pete Thrope meint:
Das ist ein sehr merkwürdiger Einwurf, weil ich ihn nicht verstehe. Erstens hat Mick nie geglaubt, er sei schwarz. Die restlichen Stones übrigens auch nicht. Es ist durch mehrere Bücher verbürgt, dass sie genau wussten, dass sie den schwarzen Blues nur nachspielten, aber sich immer im Klaren waren, dass sie schwarzen Bluesmusikern nur nacheiferten. Es gibt keinen Beleg dafür, dass sie ihre Musik besser fanden als deren ihrer Vorbilder.

Zweitens hat wohl gerade Keith nie vergessen, dass der Blues ein Kind hatte, der sich Rock N' Roll nannte, und da haben Sie völlig recht, in Verbindung mit der weißen Countrymusik, die übrigens schon Bill Haley wusste.

Kein Wort zu Gram Parsons? Da haben Sie zwar recht, aber bitte, was Martin hier geschrieben hat, ist die Rezension eines Fans, keine neue Story über die Stones. Lassen wir ihm doch mal seine Freude über dieses Album, die er übrigens aus meiner Sicht aus Sicht eines Fans geschrieben hat und da ist das doch in Ordnung.

Ich habe ja selbst eine Rezension dazu geschrieben und wenn auch Martins Rezension ganz anders ist als meine, finde ich Martins ganz toll.
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