Kundenrezension

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jenseits von allem?, 25. August 2012
Rezension bezieht sich auf: Mark Hollis (Audio CD)
Sieben Jahre nach der Auflösung von "Talk Talk" veröffentlichte Bandleader und Sänger Mark Hollis sein erstes und bisher einziges Solo-Album. Der künstlerische Geniestreich von "Spirit of Eden" und "Laughing stock" hatte mit dem Verlust der meisten Fans und dem Verschwinden von der großen Weltbühne bezahlt werden müssen. Den Wenigen, die für diese beiden Alben die notwendige Zeit, Geduld, Disziplin und Offenheit hatten, offenbarten sich erhabene, kaum fassbare Kunstwerke. "Spirit of Eden" und "Laughing stock" boten dem geneigten Hörer die Möglichkeit, sich einerseits an Schönheit "satt" zu hören, darüber hinaus jedoch aus der Offenheit und Interpretierbarkeit beider Werke ein enormes Maß an Inspiration zu beziehen. Ich durfte letztere Erfahrung während meines Studiums mehrfach machen.

Die oben erwähnten Eigenschaften der Geduld, Disziplin und Offenheit sind auch für das Erfahren der hier zu besprechenden Platte eine unabdingbare Voraussetzung. Und noch mehr als bei den Vorgängern benötigt der Hörer hier ein "Mikroskop", um die hier dargebrachten Tonspuren zu zergliedern, zu erkennen und ihre Erhabenheit zu begreifen. Dann kann er entscheiden, ob er einem einzelnen Instrument folgen möchte, oder die Teile wieder zusammensetzt und ihnen im Gesamten lauscht. Beide Varianten bieten ein kaum zu übersehendes Repertoire an Erfahrungen und Impulsen.

Der Hörer legt die CD ein und hört...die ersten 18 Sekunden nichts. Danach...leise, beinahe vorsichtige Klavierklänge, die eine schöne, leicht optimistische, aber sehr zurückhaltende Melodie aufbauen. Weitere zwölf Sekunden nach dem Einsetzen des Klaviers schleicht sich eine Stimme ins "Bild". Dem Klavier zur Seite tretend, diesem jedoch etwas übergeordnet - jedoch gleichermaßen zurückgesetzt. In ihrer Vorsicht, Filigranität und Verzagtheit wirken beide Elemente einsam, ja beinahe bedeutungslos gegenüber der sie umgebenden, unendlich scheinenden Dunkelheit. Optimismus, dargestellt durch zwei schwache Lichter, eingebettet in Dunkelheit - so möchte ich "The colour of spring" zusammenfassen.

Das folgende "Watershed" scheint ein Licht zu entfalten. Allerdings ein sehr kaltes und diffuses. Tempo und Komplexität der Instrumentierung werden deutlich erhöht. Die Melodie zelebriert Traurigkeit. Die Filigranität des Klangteppichs ist überwältigend, der Gegensatz zwischen weichen und rauen Passagen kaum fassbar. "Inside looking out" setzt die Traurigkeit fort, intensiviert sie sogar noch, während Tempo und Instrumentierung stark gedrosselt werden. Das Licht des Vorgängers fehlt hier völlig, die Dunkelheit scheint mir noch größer und weiter als im Opener. Obwohl mit 6:20 Minuten sehr lang, erscheint mir der zeitliche Abstand zwischen "Watershed" und dem nun folgenden "The gift" sehr viel größer. Dieses ähnelt "Watershed" hinsichtlich Tempo und Instrumentierung, ist melodisch aber nicht ganz so traurig.

Was nun kommt, wirkt wie eine stille Oper mit drei Akten. Waren die vier Vorgänger schon sehr weit von dem entfernt, was gemeinhin als "Populärmusik" bezeichnet wird, wirft "A life" alle Konventionen über Bord. Der erste, wieder sehr dunkel scheinende Akt wird durch einige Bläser strukturiert, zu denen eine sehr verzagte Stimmte tritt. Hollis' Stimme leitet in den zweiten Akt über, der durch Klavier, eine diesem gegenüber deutlich zurückgesetzte Gitarre sowie Kinderstimmen geformt wird. Das hier leicht erhöhte Tempo wird im Übergang zum dritten Akt wieder gedrosselt. Dieser wird in seinem ersten Teil durch Bläser und Stimme (Hollis) strukturiert, denen schlussendlich Drums und weitere, jedoch stark zurückgesetzte Instrumente treten. "A life" erscheint kaum fassbar. Einerseits offenbart das genaue Hinhören einen Gegensatz zwischen höchster technischer Vollendung und Improvisation. Anderseits wirkt das Gesamtkonzept unglaublich offen und beliebig ausbaubar. Bezeichnenderweise singt (spricht) Hollis in den mehr als acht Minuten nur 14 Wörter.

Verglichen mit diesem Koloss wirkt "Westward bound" einfach - ja beinahe simpel. Vielleicht ist das auch. Vor allem jedoch still. Die Melodie - sofern man die wenigen Noten zu einer solchen kombinieren kann - ist sehr schön und besinnlich. Stiller Optimismus, der in die Unendlichkeit zu führen scheint.

Demgegenüber ist "The daily planet" instrumentell deutlich komplexer. Melodisch beinahe aggressiv, hat dieser Titel einen sehr schönen Rhythmus und ist neben "Watershed" und "The gift" einer der drei "lauten" und vor allem "hellen" Titel der Platte. Vom Gefühl her erscheint "The daily planet" deutlich kürzer, als er es mit 7:20 Minuten tatsächlich ist.

Das Licht erlischt nun endgültig, während Hollis auf die Zielgerade zu schwenken scheint. "A new Jerusalem" besteht wie "A life" aus drei Akten. Der erste wirkt, von weichen Gitarrenklängen getragen, wie eine Besinnung. Ein Abschied in innerem Einklang. Von allem befreit. Der zweite Akt, durch Bläser getragen, erscheint deutlich pessimistischer, fast verzagt. Der dritte Akt ist...Stille. 110 Sekunden lang Stille. Aus der Stille - der Unendlichkeit - kam dieses Werk, in die Stille - in die Unendlichkeit - geht es wieder ein.

Hollis' Soloalbum erscheint mir abseits stehend. Ohne Konvention nur den eigenen Impulsen verpflichtet. Im Übrigen frage ich mich, ob die Aufschrift "Mark Hollis" wirklich den Titel des Albums darstellt, oder aber nicht mehr als eine notwendige Benennung bzw. Nachricht an die Hörer ist, aus wessen Feder dieses Werk kommt. Das, was hier geboten wird, ließe sich nur schwer mit einem Titel zusammenfassen. In gewisser Weise bildet das Album mit "Spirit of Eden" und "Laughing stock" eine Trilogie, steht jedoch im selben Augenblick vollkommen allein. Stilistisch erscheint es als logische Fortsetzung und gleichzeitig als Bruch. Ich bin hier bewusst nicht auf die Texte eingegangen, da diese ebenso offen sind wie das Werk insgesamt. Stets kurz, wirken sie gleichzeitig präzise, diffus und weitschweifend. Die Interpretation muss dem Einzelnen überlassen bleiben.

Eins ist jedoch sicher: Dem aufgeschlossenen Hörer bietet sich hier eine Trinität aus künstlerischer Vollendung, unbegrenzt scheinender Offenheit und sich direkt daraus ergebender Inspiration, die ihres gleichen nicht so rasch findet. Ich nenne dieses Werk seit neun Jahren mein eigen und es wirkt immer noch so frisch, interessant und inspirierend wie am ersten Tag.
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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-1 von 1 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.03.2014 17:56:32 GMT+01:00
Bernd Zurmahr meint:
Meinen allergrössten Respekt zu Ihren Rezensionen betreffend aller Talk Talk und Mark Hollis CD's. Ich kann jedes von Ihnen geschriebene Wort dazu fett unterschreiben, musste aber 64 Jahre alt werden um die "Geduld, Disziplin und Offenheit" aufzubringen mich auf The Color of Spring, Spirit of Eden, Laughing Stock und die Mark Hollis solo CD einzulassen. Seit nunmehr vier Jahren vergeht kaum ein Tag/Abend an dem ich nicht zumindest eine dieser CD's höre und.....geniesse :-)
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