Kundenrezension

565 von 581 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Unausgegoren und im Endeffekt überflüssig, 21. Oktober 2010
= Spaßfaktor:2.0 von 5 Sternen 
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Arcania: Gothic 4 (Computerspiel)
Wie erwartet gibt es zu "ArcaniA - Gothic 4" bereits kurze Zeit nach Erscheinen eine übergroße Auswahl an Rezensionen. Die Gesamttendenz der Bewertungen spricht dabei eine deutliche Sprache und kann meiner Ansicht nach von potentiellen Käufern guten Gewissens beachtet werden - auch wenn viele der extrem positiven und auch der vernichtend negativen Rezensionen nicht annähernd objektiv zu sein scheinen.

Ich selbst habe "ArcaniA" trotz einigen Unbehagens nach den letzten Teilen der Reihe vorbestellt und vor Spielbeginn keine Rezensionen, auch nicht von Fachzeitschriften, gelesen, um möglichst unbeeinflusst berichten zu können. Um das Fazit vorwegzunehmen: Fairerweise hätte Publisher JoWood den Namen "Gothic" tatsächlich aus dem Titel streichen sollen. Das wäre zwar schon beim katastrophalen Add-On "Götterdämmerung" zum bestenfalls durchschnittlichen "Gothic 3" angebracht gewesen, bei "ArcaniA" erinnern jedoch höchstens winzige Spurenelemente an einen der größten Klassiker der deutschsprachigen Rollenspielgeschichte.

Dabei hat sich das Programmierteam von Spellbound merklich bemüht. Zwar verlief die Installation bei mir ein wenig holprig (zwischendurch denkt man mehrfach, das Programm wäre abgestürzt), danach gibt es aber einiges zu bewundern. Das beginnt beim wie immer grandiosen Soundtrack, der im Spiel durch eine fantastische Geräuschkulisse und großteils sehr gute Synchronsprecher ergänzt wird. Auch die Grafik ist wunderbar gelungen und wirkt wie aus einem Guss, sehr gute Wetterwechsel inklusive. Technisch ist - heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr - ebenfalls alles im grünen Bereich. Auf meinem System waren keinerlei Abstürze und Performance-Probleme zu verzeichnen. Vereinzelt gibt es zwar Grafik- und Clippingfehler, diese sind aber zu verschmerzen. Auch die eingeblendeten Texte sind weitgehend fehlerfrei, lediglich auf den Ladebildschirmen passen sie bei mir zeitweise nicht ganz ins Bild. Sagenhaft sind übrigens die kurzen Ladezeiten - Respekt dafür an die Programmierer. Die Hintergrundgeschichte selbst kommt nach etwas zähem Tutorial ganz gut in Fahrt, wird zwischenzeitig allerdings ziemlich wirr. Ein Wermutstropfen ist die relativ kurze Spielzeit. Der neue Held (natürlich wieder namenlos) ist zwar ganz gelungen, besitzt aber nicht die sympathisch-kauzige Art seines Vorgängers (zumindest in Teil 1-3). Das Treffen mit alten Bekannten wirkt etwas zu gezwungen und aufgesetzt, sorgt aber für einen großen Nostalgiebonus. Eine sinnvolle Erweiterung wurde mit Minimap inklusive Quest-Anzeige zwar integriert, leider aber ziemlich halbherzig umgesetzt.

Viel mehr Positives ist leider nicht anzumerken. Hauptgrund dafür ist sicherlich für viele (so auch für mich), dass das Spiel eben "Gothic" im Titel trägt und sich damit mit den legendären Vorgängern messen muss. Problematisch ist dabei, dass gerade einige der größten Tugenden der ersten beiden Teile gestrichen wurden, während aus Kritikpunkten von Teil 3 offensichtlich wenig gelernt wurde.

Das gilt vor allem für das neuerlich ziemlich misslungene Kampfsystem, das in stupides Dauergeklicke ausartet. Dennoch sind die Kämpfe sehr leicht gehalten, zudem wird der Held rasend schnell mächtiger, sodass ein Ausflug in eine Höhle keine große Herausforderung ist. Letztlich ist auch die Spielwelt trotz ihrer Einteilung in relativ überschaubare Gebiete wieder ein wenig zu groß ausgefallen - es gibt daher einige Längen, die aber nicht allzu sehr stören, da die Gegend zumindest optisch sehr schön umgesetzt wurde. Unschön sind dafür die vielen unsichtbaren Grenzen - man kann nicht nur später vorgesehene Gebiete nicht betreten, auch ein kleiner See ist mangels Schwimmkenntnissen ein unüberwindliches Hindernis, ebenso kniehohe Felsen. Eine Rückkehr in bereits besuchtes Terrain ist übrigens möglich, aber kaum jemals nötig. Extrem vereinfacht wurde die Charakterentwicklung. Lehrer gibt es keine mehr, Erfahrungspunkte werden nach einem Stufenaufstieg auf diverse Skills verteilt. Erinnert an andere Rollenspielserien, ist aber längst nicht so elegant und umfassend gelöst, wie man sich das gewünscht hätte. Eine zu geringe Auswahl an NPC-Designs und fehlende Mimik bei manchen Figuren kann man zwar verschmerzen, zeugen jedoch deutlich davon, dass die Spielentwicklung vermutlich ein wenig überambitioniert angegangen wurde.

Die erwähnten Punkte sind zwar keinesfalls zu vernachlässigen, aber in meinen Augen nicht so dramatisch wie drei andere Änderungen, bei denen ich einfach nicht verstehe, was sich das Team dabei gedacht hat. Das größte Manko davon ist - zumindest für mich - der im Vergleich zu früher wesentlich zurückgeschraubte Realismus. So ist es jetzt ohne Probleme möglich, die Truhe des Besitzers in dessen Anwesenheit zu plündern. Geradezu absurd ist es, wenn man einem Händler auf diese Weise die vor seinen Augen gestohlenen Waren zurückverkauft. So etwas sollte es in einem Rollenspiel einfach nicht geben. Auch können im Optionsmenü "Rollenspiel-Aktivitäten" aktiviert werden. Hier kann man sich also aussuchen, ob man sich in Betten legen, Kessel benutzen oder Schwerter schleifen will. Leider hat die Aktivierung aber keine praktische Funktion, zwar kann man sich danach an ein Lagerfeuer setzen, Fleisch braten kann man allerdings nicht. Wozu diese Funktion überhaupt nötig ist, wissen wohl nur die Programmierer. Damit geht ein weiterer Realismusverlust einher: das Crafting-System wurde so weit wie nur irgend möglich vereinfacht. Um das erwähnte Fleisch zu braten braucht man also kein Lagerfeuer mehr, sondern nur das entsprechende Rezept und die passenden Zutaten, dann reichen zwei Klicks. Gleiches gilt fürs Schmieden und die Alchemie. Hier ist es wohl wirklich besser, "Rollenspiel-Aktivitäten" zu deaktivieren, dann braucht man sich wenigstens nicht immer zu fragen, wozu im Dorf ein Amboss herumsteht, den man zwar gebrauchen, aber nicht benutzen kann. Ein Tag-Nacht-Wechsel ist zwar integriert, hat aber keinerlei Auswirkungen auf das Spiel. Alle NPCs sind Tag und Nacht ansprechbar und an ihrem Arbeitsplatz, dazu kommt, dass man selbst auch zur "Nachtarbeit" verdammt ist, da beim Schlafen in Betten die Zeit nicht schneller vergeht. Auch ein Rufsystem oder ähnliches ist nicht vorhanden, noch dazu ist es nicht möglich, Charaktere anzugreifen, wenn das Programm das nicht vorsieht. Wozu wird man beispielsweise in der Kneipe gewarnt, "ja keinen Ärger zu machen", wenn das sowieso nicht möglich ist? Stehlen aus Truhen hat keine Konsequenzen, Taschendiebstal wurde gestrichen und Angriffe auf NPCs richten keinen Schaden an...

Die zweite, eigentlich ebenso schwerwiegende Veränderung ist das gestrichene Fraktionssystem. Man kann sich keiner der im Spiel für die NPCs vorhandenen Gilden anschließen. Dadurch fällt es schwer, sich mit einer Seite zu identifizieren und es geht sehr viel an Tiefgang verloren. In Verbindung mit dem an einzelne "Levels" erinnernden Aufbau der Spielwelt führt das auch zu einem praktisch nicht vorhandenen Wiederspielwert.

Auf diesen Wiederspielwert wirkt sich auch der dritte Punkt dieser Aufzählung negativ aus. Handlungen in der "Gothic"-Welt haben keinerlei Auswirkungen mehr. So ist es im Rahmen der Haupt-Quest zwar gelegentlich möglich, sich eines Problems auf die eine oder andere Art aufzunehmen, spürbare Konsequenzen gibt es aber nicht. Auch die Questgeber erwähnen die Lösung des Spielers maximal in einem Nebensatz. Eine Rückkehr zum Questgeber ist übrigens nicht wirklich nötig, da man für die Vollzugsmeldung keine Erfahrungspunkte mehr erhält.

Mit diesen Ungereimtheiten und Schwachpunkten hätte es das Programm wohl auch unter anderem Namen sehr schwer. Was neben dem fehlenden, berüchtigten "Gothic-Feeling" noch auffällt: an vielen Ecken und Ende wirkt das Programm trotz weitgehender Bug-Freiheit einfach unfertig. Hinweise darauf sind die beschriebene "Rollenspielelemente-Funktion", die kurze Spielzeit, die stellenweise vorkommenden doppelten Charaktermodelle, das hastig zusammengeschustert wirkende Aufstiegssystem, der Mangel an alternativen Lösungsmöglichkeiten und eine oft unangenehm störende Abwesenheit von Logik und Schlüssigkeit. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das alles genauso geplant war - eventuell hatte es JoWood mal wieder eiliger als gut für das Spiel war.

Der Meinung vieler Mitrezensenten, "Risen" wäre eigentlich das viel bessere, weil authentischere "Gothic 4" muss man sich insgesamt leider vorbehaltlos anschließen. Aber auch ohne die "Veteranenbrille" sind die dargelegten Mängel meiner Ansicht nach einfach zu groß, um mehr als 2 Sterne zu vergeben. Eventuell können Spieler mit emotionaler Bindung an die Vorgänger noch einen Stern abziehen, absolute "Gothic"-Neulinge einen addieren. Aber auch für sie dürfte das Spielerlebnis maximal durchwachsen sein.
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Kommentare

Von 2 Kunden verfolgt

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1-10 von 24 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 22.10.2010 19:13:45 GMT+02:00
Peter Zwegat meint:
Sehr treffende Rezension, danke für die Mühe!

Veröffentlicht am 23.10.2010 06:24:45 GMT+02:00
Torsten Bilau meint:
Super Rezension, weiter so !

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 23.10.2010 11:57:14 GMT+02:00
Sam Hawkens meint:
1A Rezension! Was mir auch noch aufgefallen ist: Vor jedem Lager, jeder Burg stehen Wachen, die ja eigentlich selbige schützen sollen. In den alten Gothic-Teilen haben die immer reagiert und mitgekämpft, wenn man mit ein paar Monstern im Schlepptau in ihre Nähe kam. Jetzt: Nichts! Keine Reaktion! Wachen, die ihren Namen nicht verdienen.. Monster reagieren ebenso nicht auf die Stadtbewohner! Großes AUTSCH..

Weitere Minuspunkte: - ständige Klongesichter (mit gefühlten 3!! Variationen!)
- Städte, Dörfer etc. wirken leblos - Einwohner haben keine Tagesabläufe und ruckeln, zuckeln sinnlos durch die Gegend..
- Einwohner geben ständig gleiche Wortlaute von sich (z.B sehr stark aufgefallen bei den Magiern im Sumpfgebiet!)

Veröffentlicht am 25.10.2010 11:30:03 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 25.10.2010 11:31:22 GMT+02:00
Michael Seitz meint:
Ja, es ist kein Gothic mehr. Es hat viele Dinge nicht, die man aus der Gothic-Reihe gewohnt ist. Dafür gibt es ja Risen. ;) Nichtsdestotrotz bereue ich den Kauf nicht, denn es spielt sich erfrischend einfach, als Snack zwischendurch. Mehr habe ich nicht erwartet. Und, es macht sogar Spaß. Endlich mal mit dem Bogen schießen und auch das Gefühl haben, mit dem Bogen den Gegner überwinden zu können. Wenn ich Gothic spielen möchte, spiele ich Teil 1-3 oder Risen. Es war doch von Anfang an klar, daß Arcania kein Gothic werden würde. Es heißt ja auch 'A Gothic Tale'. ;) Daß es Gothic 4 genannt wird, liegt an der Verkaufsstrategie von Jowood. Für einen Erstling einer Softwareschmiede, die noch kein Rollenspiel gemacht hat, finde ich Arcania erfrischend. Nein, ich bin kein Mitarbeiter von Jowood. Das ist ein ganz übler Publisher. :) Und, wenn Arcania durch ist, packe ich nochmal Gothic 2 inkl. Addon an.

Veröffentlicht am 01.11.2010 16:39:45 GMT+01:00
Weisser Rabe meint:
du hast es treffend formuliert, als Ergänzung würde ich noch hinzufügen, dass es mich mehr an "Fable" erinnert hat als an "Gothic"

Veröffentlicht am 02.11.2010 20:37:01 GMT+01:00
Morrow meint:
Ein weiterer Grund für mich auf ein Risen 2 zu warten :D Pirania Bytes sind halt doch die besten. Wundert mich das Jowood nich wieder die Indischen Entwickler dahinter gesetzt haben *lol* echt erbärmlich!!! War echt ein super Gothic 3 addon muss ich schon sagen **Ironie** Entschuldigung das ich mich so herablassend ausdrücke, aber irgendwo muss ich ma meinem Ärger luft machen.

Jowood ist für mich persöhnlich gestorben sry.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.11.2010 14:07:28 GMT+01:00
Cthulhu meint:
Nachdem was man hört, wird Jowood auf der Hauptversammlung am 9.11. Insolvenz anmelden, u.a. wegen der katastrophalen Verkaufszahlen von Arcania. Dann hat sich das ganze Thema eh erledigt. Arcania war der letzte Versuch, ein profitables Produkt auf die Beine zu stellen, indem man aus Gothic ein massenkompatibles Hack-and-Slay in einer einer begrenzeten statt freien Welt macht -- und der ging voll in die Hose. Schade, aber Mitleid ist wohl fehl am Platz.

Veröffentlicht am 08.11.2010 10:15:19 GMT+01:00
Bienenkorb meint:
Hervorragende Sprachausgabe? Du solltest vielleicht dazu schreiben, dass du es auf Englisch spielst, denn die Deutsche ist das erbärmlichste das ich mir jemals anhören musste.

Veröffentlicht am 19.11.2010 13:31:02 GMT+01:00
TuckerCase meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 20.11.2010 12:28:47 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.11.2010 12:30:44 GMT+01:00
X-Ray meint:
Kann mich der ganzen Rezension nur anschließen. Ich habe gestern mit Arcania begonnen und wurde schon in der Vorgeschichte maßlos enttäuscht. Eben noch in der Höhle um irgendwelche Käfer zu killen und plötzlich eine, ohne logische Vorwarnung einsetzende, Zwischensequenz, in der man sich eine Minute später auf einer Insel wiederfindet. Storytechnisch nachvollziehbar aber die Umsetzung ein Grauen. Hier mangelt es eindeutig an Feingefühl. Dennoch bin ich gespannt wie es weitergeht. Allerdings bin ich auch froh, mir diesen Teil der "Gothic" Reihe nur geliehen zu haben. Kaufen würd ich ihn nicht.
Btw. mich wundern die zum größten Teil negativen Rezensionen aller neuen Spiele nicht mehr (Mafia II, CoD Black Ops, etc.),
da sie irgendwie alle eines gemeinsam haben: Es wird versucht mit einem bekannten Spielnamen, oder der Ausreizung aktueller Hardware durch Bombastgrafik oder Special Editions, ... auf Käuferfang zu gehen. Dies endet nur immer wieder in extrem wirren instabilen Kopierschutzmaßnahmen, miesen Storys, Bugs etc., und damit, dass nicht nur die (in meinen Augen eh unnützen) Zusatzkarten, Soundtracks, Goldledereinbandzusatzquestkartenzumandiewandhängen, Aufkleber, Poster etc. im Regal verstauben, sondern auch das Spiel selbst. Auch muss man sich nicht über illegale Downloader wundern, die es satt haben sich ein Spiel zu kaufen was hinterher keinen Kreuzer wert ist. Demos gibt es ja nur noch eher selten. Bemerkenswert finde ich dagegen diejenigen Spiele, die mit weniger Marketingaufwand erschienen sind... (Dead Space, Risen,...). Vielleicht sollten sich die Entwicklerfirmen mal Gedanken um den Einsatz ihrer Geldmittel machen.
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Stefan T.
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