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5.0 von 5 Sternen "Betrogen - sein Leben lang", 27. Januar 2013
Rezension bezieht sich auf: In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie (Taschenbuch)
Nicht erst seit dem Buch "Mutter, wann stirbst du endlich" ist bekannt, was für eine psychische und physische Belastung die Pflege eines dementen Menschen bedeutet. Mit dieser Situation sieht sich auch Alexander konfrontiert, wenn er seinen 78jährigen Vater Kurt besucht und ihn versorgt, obwohl er selbst gerade erst mit einer Krebsdiagnose aus dem Krankenhaus entlassen worden ist. Bestimmt keine leichte Lebenssituation. Dennoch hat man schon bald das Gefühl, dass die Gründe für den mit Tötungsfantasien verbundenen Hass auf den "alten, pedantischen Hund, diese Maschine" nicht in der gegenwärtigen Bedürftigkeit des Vaters, sondern in einem tiefliegenden Vater-Sohn-Konflikt zu finden sind. Dahin deutet auch Alexanders Verachtung für das wissenschaftliche Lebenswerk des DDR-Historikers, für das er jahrzehntelang die Familie "tyrannisiert" habe, das aber inzwischen nur noch "Makulatur" sei. Mit dem Geld des Vaters macht er sich auf eine Reise nach Mexiko, um vielleicht doch noch körperlich und seelisch zu gesunden und um den Mythen der Großmutter zu folgen, die hier während der Nazi-Zeit zusammen mit Wilhelm als kommunistische Emigrantin gelebt hat. Das Motiv für Alexanders Reise mag der Versuch sein, über die bewusste und einfühlende Wahrnehmung der Wirklichkeit zu verstehen, warum die Großeltern so geworden sind. Ein solches Verständnis kann nach Hannah Arendt letztlich zur Versöhnung und Neuorientierung im eigenen Leben führen. Doch das Verstehen misslingt, die Plätze, die er nach den Bildern der Großmutter aufsucht, sind für ihn ohne Aura und die Legenden von Wilhelms Agententätigkeit und dem Trotzki-Attentäter sind nicht mehr erzählbar. So wird die Reise ein Fiasko. Er streunt umher, wird ausgeraubt und "betrogen, so wie sein Leben lang", und auch noch krank.
Er fühlt sich fremd und findet keinen Zugang, weder zum ziemlich öde gezeichneten Land noch zu den Einheimischen und auch nicht zu anderen Touristen, wie z.B. den beiden Schweizerinnen Nadja und Kati, die das haben, was er nicht hat: Gottvertrauen und Gewissheiten. So bleibt er auch in Mexiko, was er sein Leben lang war: ein Paria, der zwar Liebe, Identität und Teilhabe sucht, aber letztlich vom Gefühl beherrscht wird, "nicht dazuzugehören". Die Gefühle der Unsicherheit, Isolation und Kommunikationsschwäche verdichten sich in einem Fiebertraum zu eindringlichen Bildern: "Gesichter, die zerplatzen, wenn er sie zu berühren versucht. Das ist mein Lebensfilm, denkt er".

Alexander ist als Teil der Generation Halb-und-Halb (halbes Leben in der DDR...) die interessanteste Figur in dem Buch, weil an ihm die sozialisationsbedingten Brüche und seelischen Verletzungen besonders deutlich werden. Schon als kleines Kind hat er die politischen Verheißungen des groben und amusischen Stiefgroßvaters Wilhelm empfangen und als Jugendlicher unter dem Druck des politisch angepassten Vaters gelitten. Dennoch verweigerte er sich dem ihm vorgezeichneten Weg und entzieht sich mit der Übersiedlung in den Westen der erdrückenden Präsenz der älteren Generationen. Die Mexiko-Reise im Jahr 2001, die die Gegenwartsebene des Romans darstellt, zeigt aber die irreparablen Schäden der ideologischen Indoktrination.
Wie ein Kaleidoskop werden auf der Vergangenheitsebene signifikante Bilder aus dem Leben von vier Generationen der Familie - Wilhelm und Charlotte, Kurt und Irina, Alexander sowie Markus - montiert, wodurch ihre Lebensprägungen erhellt werden. Durch polyperspektivisches Erzählen, eindeutig Eugen Ruges Stärke, wird der 90.Geburtstag von Wilhelm im Jahr 1989 aus unterschiedlichen Blickwinkeln beschrieben. Immer wieder blitzt ein hintergründiger Humor auf, zum Beispiel, wenn der Erzähler an anderer Stelle aus Alexanders Kinderperspektive assoziiert: "Das Schwein hieß einfach nur Schwein. So wie Wilhelm einfach nur Wilhelm hieß." Insgesamt wird deutlich, dass es keine Brücken zwischen den Generationen gibt und in der Familie auch keine Liebe. Jeder verachtet jeden, einzig die beiden russischen Frauen lieben Alexander.

Der Roman ist nur bedingt repräsentativ für das Leben in der DDR, denn er fokussiert sich nur auf das Leben der protegierten Funktionärsclique. Das allerdings ist gelungen, besonders in den Figuren Wilhelm, der nichts konnte und lebenslang "das Gefühl hatte, dass er für seine Dummheit bezahlt wurde", und Charlotte, die ebenfalls "keine Ahnung von nichts" hatte, aber als Parteigenossin öffentlich über "schädliche" Literatur schwadronieren durfte.
Wer keine DDR-Apologetik sucht, für den ist das Buch ein Gewinn.
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