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3.0 von 5 Sternen Unterhaltsam, aber ohne Tiefgang, 26. Dezember 2013
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Rezension bezieht sich auf: In der Nacht (Gebundene Ausgabe)
Die 20er Jahre: Wirtschaftskrise, Prohibition, Alkoholschmuggel. Im Prolog des Romans - auf einem Boot Richtung offenes Meer, die Füße in einem Kübel aushärtenden Zements, umgeben von einem Dutzend schwerbewaffneter Mafiosi - sinnt Joe Coughlin darüber nach, dass wohl alles anders gekommen wäre, hätte er nicht die bildschöne, undurchschaubare Emma Gould kennen gelernt.

Klingt nach Passion & Crime, nach Hochspannung, Action, Atemlosigkeit. Tatsächlich passiert unglaublich viel in diesem Roman; Alligatoren zerreißen Menschen, Gangster stürzen Menschen von Dächern, Mobster schlachten Mithäftlinge, Männer jagen Frauen durch Sümpfe und Schiffe in die Luft. Das alles müsste eigentlich viel aufregender rüberkommen, ist auch durchaus unterhaltsam, aber riss mich trotzdem nicht vom Hocker.

An der Sprache oder an mangelnder Recherche lag das auf keinen Fall. Lehane ist ein Meister der szenischen Schreibe; man fühlt die Schwüle Floridas und schmeckt das Miasma der Sümpfe. Er hat die 1920er so gründlich recherchiert, dass er die Kleidung seiner Protagonisten bis zu den Schnürsenkeln der zweifarbigen Schuhe beschreiben kann; vielleicht tut er hier auch manchmal des Guten zu viel. Auch die Architektur und das politische Szenario hat er perfekt drauf; sogar Sacco und Vanzetti wurden eingearbeitet, die Rassenunruhen in Tulsa ... Woran lag es also sonst?

Erstens an den Figuren. Joe ist ein anständiger Junge, der beschlossen hat, bei den Bad Guys mitzumischen. Lehane weiß natürlich, dass glaubhafte Figuren einen inneren Konflikt brauchen: Also will Joe zwar ein Gesetzloser sein, aber auf keinen Fall ein Gangster. Nicht, dass man den Unterschied erklären könnte. Daher wirkt Joe weder tiefsinnig noch zerquält, sondern hat philosophisch einfach nicht den Durchblick. Dito seine kubanische Geliebte Graciela, die als zigarrenrollende Revolucionista beginnt und als Luxusweib eines Mobsters, nämlich Joe, endet. Gracielas kubanische Freunde behaupten hartnäckig, diese Kluft zwischen Ideal und Realität sei für sie schier unerträglich, aber der Figur scheint es damit blendend zu gehen. Die Konflikte werden behauptet, nicht ausagiert. Daher gehen Joe und Graciela nicht unter die Haut. Mit den Nebenfiguren ist es ähnlich.

Was außerdem fehlt, ist ein übergreifender Spannungsbogen; ein Plot, in dem eins zwingend zum anderen führt; das Detail am Anfang zum Resultat am Ende; aber so ist es nicht; jeder Teil des Buches hat seine Ereignisse, alles plätschert vor sich hin. Es gibt eine Reihe von Bögen, die alle nach und nach ihr Spannungspotential verpuffen. Der einzige übergreifende Bogen ist die verschwundene Emma, und der funktioniert nicht: Ich habe nicht eine Sekunde lang (und das ist kein Spoiler!) geglaubt, dass Emma wirklich tot ist.

Vor allem aber: Damit die geneigte Leserin die Botschaft des Romans auch bestimmt versteht, legt Lehane sie seinen Figuren in den Mund. Mehrfach. "Gewalt gebiert Gewalt", lässt der Autor Thomas Coughlin ziemlich zu Anfang zu seinem Sohn sagen. "Das ist ein Naturgesetz. Was du in die Welt setzt, kehrt immer zu dir zurück." Und um es noch deutlicher zu machen, erklärt Tim Hickey, Joes erster nicht ganz legaler Arbeitgeber ihm, die erste Termite sei am Einsturz eines Hauses genauso schuld wie die letzte. Joe versteht das nicht so recht: Hat sie zu diesem Zeitpunkt nicht längst das Zeitliche gesegnet? Und entscheidet sich für "die Gesetze der Nacht." Was Joe nicht versteht, durchschaut die Leserin mühelos, und das bereits auf Seite 56. Mehr Tiefsinn hat "In der Nacht" nicht zu bieten. Auch ethisch vergaloppiert sich der Autor gewaltig: "Seit Anbeginn der Zeit waren gute Taten mit schmutzigem Geld erkauft worden", sinniert Joe als Patrón seiner Tabakplantage, auf der 6jährige Kinder 14-Stunden-Schichten schieben, dafür aber Baseball spielen dürfen. Der Sozialkitsch der letzten 30 Seiten liest sich wie eine Apologie des amerikanischen Kulturimperialismus - und ich fürchte, Dennis Lehane meint das so.

An diesem Buch kann man sehr schön erkennen, was geschieht, wenn ein talentierter Autor sich durch die Filmindustrie korrumpieren lässt. Der Roman mutet an wie ein Architekturmodell; mit schön ausgeführten Details, aber ohne Seele. Wie man hört, hat DiCaprio bereits die Rechte erworben. Das dürfte einer der Filme werden, die besser sind als das Buch.
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