Kundenrezension

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Er muss wachsen, sie aber muss abnehmen - oder doch nicht? (Spoiler!), 22. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Avanti, avanti! (DVD)
Hat schon jemals jemand es geschafft, einen US-Titel, der aus einem italienischen Wort besteht, durch Hinzufügung genau desselben Wortes in sein Gegenteil zu verkehren? "Avanti, avanti", das klingt wie "Dalli, Dalli", also "schnell, schnell". Im Original heißt der Film "Avanti!", mit Ausrufezeichen. Das ist kein Aufruf zur Eile. Das ist eine Einladung. Wenn jemand in Italien an die Türe klopft, fragt er oder sie: "Permesso?" - darf ich eintreten? Und die Antwort heißt: "Avanti!", ja, treten Sie gerne ein! Und genau so ist Billy Wilders Film. Er lässt uns in eine schöne Welt eintreten, die nicht eine Welt der Eile ist. Es geht um das Eintreten in eine neue Welt, um das Überdenken von Gewohnheiten, um Romantik, um ein Sich-Öffnen und Offen-Sein, und vor allem nicht um Be-, sondern um Entschleunigung. Und das kommt so:

Der puritanische und etwas verhuscht wirkende US-Geschäftsmann Wendell Armbruster (Jack Lemmon) muss überraschend auf die italienische Insel Ischia reisen, um den Körper seines dort verstorbenen Vaters in die USA zu überführen. Doch wie konnte der als moralisches Vorbild verehrte Mann bei klarem Wetter und ohne Gegenverkehr von der Fahrbahn abkommen und einen Abhang hinunterstürzen? Nun, Armbruster werden bald die Augen übergehen, denn Papa war aus zunächst ungeahnten Gründen abgelenkt: Er fuhr mit seiner Geliebten selig die Straße entlang, und nicht nur das - er traf sich mit dieser Frau seit über einem Jahrzehnt jeden Sommer während seiner angeblichen Kur (naja, eigentlich nicht mal "angeblich") im selben Hotel auf Ischia. Und die beiden führten nicht etwa ein heimliches Schattendasein, sondern waren im Hotel stets willkommene Gäste, sogar mehr: ganz besondere Gäste, deren wechselseitige aufrichtige Zuneigung und Liebe das gesamte Personal offenbar so sehr angesteckt hat, dass es ihnen den Aufenthalt mit wahrer Emphase und Anteilnahme stets so angenehm wie möglich machte. Hier ging es nicht um ein Verhältnis, sondern um wahre Romantik und große Gefühle (was wir im Laufe des Filmes über die Frau erfahren, zeigt auch, dass sie ein Mensch voller Liebe und Größe gewesen sein muss, geradezu das Gegenteil von einem "Flittchen"). Nein, es GING nicht darum, es GEHT darum! Armbruster trifft auf Pamela Piggott (Juliet Mills), die Tochter von Armbruster Seniors großer Liebe, die im Gegensatz zu ihm schon einiges mehr weiß und dem armen Mann Stück für Stück die Wahrheit ans Licht bringt. Der Liaison wird alles Schlüpfrige genommen und sehr sehr viel Gefühl und Aufrichtigkeit gegeben. Daran muss Armbruster sich erst einmal gewöhnen!

Und daran, dass sich die Wiederholung der Romanze bei den beiden Hinterbliebenen ankündigt. Am Ende ist Armbruster gelöst und gereift und kann sogar umgekehrt der meist stärker wirkenden Pamela eine kleine Befürchtung nehmen: Sie glaubt nämlich ständig, zu viel zu wiegen (was Unsinn ist; dass sie nicht gerade wie Keira Knightley gebaut ist, gereicht ihr zur Ehre!). Doch Armbruster mahnt: "Miss Piggott, wenn Sie auch nur ein Pfund abnehmen, nur ein einziges Pfund...". Ja, Billy Wilder konnte letzte Sätze schreiben, so kann man sich verabschieden!

Billy Wilder kann man höchstens vorwerfen, dass er mit Misserfolgen nicht umgehen konnte und allzu leicht bereit war, einen Film viel zu selbstkritisch und negativ zu sehen, wenn er bei Publikum und Presse nicht so gut angekommen war. "Avanti!" hätte mehr Verteidigung von ihm verdient, denn es handelt sich um die romantische Perle seines Spätwerkes. Dabei ist vieles urwüchsig Wilder, auch das, was klischeehaft scheint: Wilder lässt an überpointierten Gegensätzen der Marke "US-Geschäftigkeit vs. Dolce Far Niente und Italienklischees" nichts, aber auch gar nichts aus. Doch Wilder verwandelt den vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil: Viele seiner Filme, gerade die meines Erachtens besten, waren immer bis zum Gehtnichtmehr unrealistisch und klischeebeladen. Aber - wie auf völlig anderem Gebiete Hitchcock - ist das bei Wilder Programm und nur Hülle, nur Chiffre, um durch schematische (und sehr schöne bzw. witzige) Äußerlichkeiten in das Innere seiner Protagonisten zu sehen. Da darf Lemmon mal wieder einen Hang zum Chargieren haben und sein Businessmann bis an die Schmerzgrenze gestresst und verhuscht sein. Armbruster darf verklemmt sein, obwohl es nicht nötig wäre. Pamela darf sich zu dick finden, die es doch gar nicht ist, so können beide noch an- und vor allem miteinander reifen und aufblühen (glücklicherweise wurde die Idee Wilders und seines Co-Autors I.A.L. Diamond nicht realisiert, eine WIRKLICH dicke Frau einzusetzen!). Italien darf viel zu schön sein, um wahr zu sein. Es darf andauernd Mandolinenmusik erklingen. Eine Schar skurriler Nebenfiguren darf herrlich überzeichnet sein (inklusive des Klischees der notorisch eifersüchtigen Sizilianerin, was Billy Wilder noch toppt: "Es gibt nur eines, was schlimmer ist - eine eifersüchtige Sizilianerin mit Schnurrbart."). Es darf der uralte Gag strapaziert werden, dass "caldo" im Italienischen "warm" heißt, was andauernd zu Verbrühungen Armbrusters am Wasserhahn führt. Das alles zeigt einfach nur eine sehr schöne, witzige, romantische Geschichte von Menschen, die sich nicht nur einander, sondern dem Leben gegenüber öffnen und Altgewohntes überdenken. Und so wie das gesamte Hotelpersonal und Pamela der Liaison der Eltern alles Schlüpfrige nehmen, so nimmt Billy Wilder es auch der späteren Liaison der Kinder. Gerade WEIL er zu diesem Zwecke auch auf gewisse Sprüche, Nacktbaden und kurze Blicke auf Juliet Mills Brüste nicht verzichtet, ist es bewundernswert, dass dabei keine frivole, sondern eine sehr romantische Komödie über authentische Gefühle herausgekommen ist.

Wilder war der Meinung, nicht weit genug gegangen zu sein; Armbruster hätte z.B. herausfinden sollen, dass sein Vater nicht nur am Ufer Ischias, sondern auch am "anderen Ufer" gewesen war. Aber was wäre dann aus Pamela und Armbruster Jr. geworden??? Nein, dieser Film mit viel Herz und viel Witz ist genau richtig, wie er ist!
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-2 von 2 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 05.06.2011 12:55:09 GMT+02:00
Montana meint:
Wir hatten die Diskussion schon. Aber ich möchte Dich darauf hinweisen, daß Hitch "Vertigo" für einen mißlungenen Film hielt. Kaum zu glauben. Die Jungs wollten eben vor allem Anderen, Unterhalter sein. Das ihnen das gelungen ist, ist umso bewunderswerter, da ihre Filme auch große künstlerische Tiefe besitzen. Und damit habe ich grade das gesamte Hollywoodkino beschrieben und warum ich es so liebe. Die Amerikaner schaffen es nämlich wunderbar Trivialität mit Kunst zu verbinden. Und danke, für diese Rezension, eines Films, den ich seit Kindertagen liebe.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.06.2011 15:21:19 GMT+02:00
Tonio Gas meint:
"Die Amerikaner schaffen es nämlich wunderbar Trivialität mit Kunst zu verbinden." - Ich weiß, wer den Satz LIEBEN wird...;-) (okay, ich auch...), ich sage nur - scheinbar triviale sexy comedy... PS: Caine ist, wie ich mir sagen ließ, nicht vergessen, kann aber noch etwas dauern. GLG, Tonio (by the way, hast Du nen CS-Kontakt für mich, dann privat? Danke!)
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