Kundenrezension

23 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Clints fulminante Abschiedsvorstellung, 19. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Gran Torino (DVD)
"Gran Torino", der im letzten Jahr eher still in die Kinos Einzug hielt, jedoch sowohl unter Kritikern als auch Kinogängern große Beliebtheit erlangte, ist eigentlich als Clints Abschied von seinem Wirken vor der Kamera gedacht. Von nun an will sich Eastwood nur noch als Regisseur betätigen.

Dies ist eigentlich jammerschade, denn Clint Eastwood war immer einer meiner unangefochtenen Lieblingsschauspieler. Nicht nur hat er mit Dirty Harry und dem oft namenlosen Westernhelden eine unnachahmliche Kultfigur geschaffen, sondern es ist ihm auch gelungen, im Laufe der Zeit diese von ihm geschaffene Figur selbstironisch zu dekonstruieren, ohne dabei parodistisch-lächerlich zu werden oder seine Vergangenheit zu verleugnen.

In "Gran Torino" spielt Clint den verbitterten, eigenbrödlerischen Witwer und Koreakriegsveteran Walt Kowalksi, der sich mit seiner - zugegebenermaßen eher unsympathischen - Familie überworfen hat und nun als einziger Weißer in einer früher von Fordarbeitern bewohnten Straße in Detroit übriggeblieben ist. Zu seinen Nachbarn, meist Angehörigen des Volkes der Hmong, hat der Rassist ein unverhohlen feindseliges Verhältnis. Als der stille und zurückhaltende Nachbarsjunge Thao, von Walt beharrlich "Toad" genannt, versucht, den Gran Torino seines Nachbarn zu stehlen, um in eine Straßengang aufgenommen zu werden, wird er von Walt dabei erwischt und muss - so will es die Ehre seiner Familie - bei Walt zur Buße Arbeit verrichten. Da es Walt gewohnt ist, sein eigenes Hab und Gut selbst in Schuss zu halten, setzt er ihn kurzerhand dazu ein, die heruntergekommenen Häuser in der Nachbarschaft wieder instand zu setzen. Nach und nach entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Walt und Thao sowie dessen Schwester Sue.

Thaos Weg zu mehr Selbstbewusstsein und der Erkenntnis, mit ein wenig Eigeninitiative seine Träume vielleicht verwirklichen zu können, wird jedoch von der Straßengang seines Cousins "Spider" durchkreuzt, und Walt wird klar, dass er für seinen Schützling noch einen entscheidenden Kampf auszufechten hat.

Man sollte sich nicht von dem Cover der DVD täuschen lassen und etwa einen Film erwarten, in dem mit der Waffe in der Hand für Gerechtigkeit gesorgt wird, denn einen glaubwürdigen Actionhelden hätte der 78jährige Eastwood sicher nicht abgeben können. Anders als manch andere Ikone umschifft Eastwood die Klippen der Lächerlichkeit, die darin besteht, entgegen dem Fortgang der Zeit am alten Selbstbild festhalten zu wollen - dies nur als Kommentar auf die ewig Junggebliebenen. Eastwood spielt hier allenfalls mit Elementen seiner alten Filmfigur, etwa wenn sein Griff zur Waffe von der Kamera typischerweise aus der Froschperspektive festgehalten wird - interessanterweise gibt Walt in dem Film allerdings keinen einzigen Schuss ab.

Eastwoods Film vermittelt die Botschaft, dass jeder noch so stark unterdrückte Mensch die Chance ergreifen kann, etwas aus seinem Leben zu machen, wenn dabei auch manch ein Strauß ausgefochten werden muss. Man mag diesen Glaubenssatz teilen oder auch nicht, in "Gran Torino" wird er auf eine zu Tränen rührende Art und Weise ausgebreitet. Auch die Problematik im Zusammenleben verschiedener Kulturen wird überzeugend beleuchtet.

Eastwood gleitet bei aller Eindringlichkeit seiner Botschaft keinesfalls in simple Schwarz-Weiß-Malerei ab, denn sein Held ist niemand, mit dem man sich ohne weiteres gern auf ein Bier zusammensetzen würde - auch hier also kein Zugeständnis an Eastwoods beharrlichste Kritikerin Pauline Kael. Zwar werden Walts rassistische Bemerkungen im Mittelteil des Films, wenn er sich mit seinem Friseur unterhält, relativiert, aber er ist durchaus seinen Vorurteilen verhaftet und - was für viele PC-Saubermänner und -frauen noch schlimmer sein dürfte - er raucht mit Genuss; mit so etwas käme heute ja nicht einmal mehr Sherlock Holmes auf der Leinwand davon. Im Verlaufe des Filmes, etwa während der Beichte, wird außerdem deutlich, dass das schlechte Verhältnis, das er zu seinen Söhnen hat, teilweise auch eine Folge seiner Erziehung ist. Diese stetige Ambivalenz macht Walt zu einem interessanten, realistischen Charakter und läßt seine zaghafte Annäherung an die Nachbarsfamilie glaubwürdiger erscheinen. Interessant, aber nicht beantwortbar, ist in diesem Zusammenhang noch die Frage, woher die Anziehungskraft solch rauhbeiniger, grantliger alter Männer - Dr. House ist dafür auch ein Beispiel - auf uns heute rührt.

Empfehlenswert ist es vor allem, den Film im englischen Original zu sehen, denn nach dem Tode Klaus Kindlers, der altbekannten Synchronstimme Eastwoods, kann man sich, so finde ich, nur schwer an andere Stimmen gewöhnen.

Ein besonderer Leckerbissen erwartet den Zuschauer am Ende des Films, wenn Clint selbst das Intro zu dem Song "Gran Torino" intoniert. Fazit also: Bahn frei für den "Gran Torino"!
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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 04.12.2009 18:59:18 GMT+01:00
Klein Tonio meint:
Hi, Ich bin mal auf Dich aufmerksam geworden, weil Du einen Eintrag von Christine kommentiert hast (Serlock Holmes von Billy Wilder), mit der ich hier regelmäßig plausche. Du schreibst aber wirklich klasse!!! Ich bin nicht der typische Western-Fan, aber Eastwood finde ich wunderbar und bin bei diesem Text hängengeblieben (zu dem Fim hatte ich selbst einmal einen längeren Text geschrieben). Er hat mir äußerst gut gefallen, und ich danke auch für ein paar Hintergrundinfos, die ich noch nicht hatte (anderer Klang der Stimme, war mir auch ab "Blood Work" aufgefallen, aber ich kannte bisher nicht den Grund). Deine Hilfreich-Quote hier ist eine Unverschämtheit. Genau so lang und analytisch will jedenfalls ich es lesen, das ist viel besser als diese Einzeiler ("super film unbedingt kaufen"). Bitte bitte weiter so. Falls es Dich interessiert, Western und Eastwood bei mir auf Amazon: Cheyenne, Shane, Rio Bravo, Pale Rider, Absolute Power, True Crime). Lg, Tonio

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.12.2009 21:35:04 GMT+01:00
Hallo Tonio,

ich habe mal eben auf Deine Seite geschaut und ich denke, ich werde dort ein Lesezeichen setzen, denn schon allein der großgeschriebene Name Hitchcocks bei den tags verheißt mir Gutes. Ich glaube, ich bin gerade dabei, mich andernorts in einer unangenehmen Auseinandersetzung zu verzetteln, und da ist es gut, mal etwas richtig Gutes zu lesen. Mit Christine und Dir kann ich allerdings in puncto Hintergrundinformationen zu Filmen sicher nicht immer mithalten, aber mich begeistern Filme immer mehr, und da macht es mir auch nichts aus, mir das ein oder andere anzulesen.

Eastwood ist für mich einer der allergrößten Schauspieler und Regisseure, und ich bin schon gespannt auf Deine Rezensionen. "Rio Bravo" ist einer der Western, bei denen ich richtig mitfiebere, obwohl mich die Botschaft von "High Noon" eher überzeugt.

Wir werden uns in Zukunft wohl noch öfter über den Weg lesen; freue mich drauf. Grüße, T.S.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 06.12.2009 01:33:03 GMT+01:00
Klein Tonio meint:
Vielen Dank für die Vorschusslorbeeren, auch wenn wir bei Rio Bravo offenbar auseianderliegen... Ich selbst bin noch nicht weitergekommen bei Dir, aber das Lesezeichen habe ich ebenfalls gesetzt. Ach ja, letztens habe ich hier "Die gefürchteten Vier" rezensiert, der mich absolut überzeugt hat. Mein Lieblingswestern (eher ein Antiwestern) ist "Weites Land", den ich aber nicht hier rezensiert habe, da ich mich da nicht kurz genug fassen kann. Ich bin gespannt, ob Du mal zu Sherlock Holmes von Wilder hier schreibst. Liebe Grüße, Tonio
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