Kundenrezension

18 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Krümelmonster" wäre mir lieber gewesen., 6. Oktober 2012
Rezension bezieht sich auf: Monster (Limited 3D Cover Special Edition) (Audio CD)
"NO FILLER - NO BALLADS - JUST FULL-THROTTLE ROCK'N'ROLL" lese ich weiß auf rot (Coversticker), während Paul Stanley mir aus dem 3D-Cover seine Hand entgegenstreckt, und erlebe ein moderates Déja-Vu: Wurde nicht auch mittlerweile 3 Jahre alte "Sonic Boom" so, zumindest so ähnlich, angekündigt? Vor allem, was die vollständige Abwesenheit von Mädchenmusik angeht? Das öffentliche Sich-Besinnen auf kompromißlose Hardrock-Tugenden gehört zur Kisstory, genau so wie das schmerzfreie Brechen solcher Gütesiegel - sonst wären Alben wie "Crazy Nights" (1987) ja nie erschienen. Später wurden derlei Ausflüge in Friseursalon-kompatiblen AOR (vor allem von Gene Simmons) dann wieder als Irrweg abgetan, und es erschien die nächste Jungsmusik-Bollerplatte. Ein Saulus-Paulus-Spielchen, das jung hält und mittlerweile also anscheinend sogar völlig abgekoppelt von den Tatsachen funktioniert. "No Filler", soviel Widerspruch muß sein, stimmt allerdings nicht: Songs wie das weitgehend ohne Ideen auskommende "Last Chance" sind genau das. Auch das bekenntnishafte "Freak" ist nach genauerem Hinhören ziemlich 08/15, trotz relativ originellem Text aus der Kategorie "Paul Stanley singt über sein eigenes Selbstbewußtsein".
Was "Monster" leider ein wenig abgeht, zumindest verglichen mit dem Vorgängeralbum, sind diese vintage-KISS-Momente, die ohne Umschweife auf die 70er Jahre verweisen - das Jahrzehnt also, in dem Kiss Kiss waren und nicht ein mehr oder weniger überzeugendes Derivat ihrer selbst. Offensichtliche Selbstzitate mögen ja in den Augen mancher Zeitgenossen eine fragwürdige Sache sein, aber wenn es darum geht, DEN PERFEKTEN MOMENT für alle Zeiten zu konservieren (und nichts anderes tun Kiss in ihrer aktuellen Inkarnation), dann war "Sonic Boom" um einiges stärker als "Monster". Das von Eric Singer mal wieder makellos gesungene "All For The Love Of Rock'n'Roll" steht noch am eindeutigsten in dieser Tradition: Ein wohlgestalter Mischling aus "Mr. Speed" ("Rock And Roll Over", 1976) und "It's Alright" von Paul Stanleys 1978er Soloalbum. Davon hat er 50% der Strophe gleich mal komplett abgeschrieben. Das war's dann aber auch schon mit den schamlosen Selbstreferenzen. Schade. Simmons' "Eat Your Heart Out" hat zumindest eine Kuhglocke an Bord und erinnert an Gassenhauer vom Schlage eines "Calling Dr. Love". Überhaupt Simmons: Er wurde ja im Rahmen der Promotion für "Monster" in verschiedenen Publikationen mit dem Satz zitiert, Kiss wären die Beatles auf Steroiden. Natürlich grenzenlos anmaßend, dieser Vergleich, aber das kriegt man wohl nicht mehr raus aus dem Kopf dieses Testikel-getunten Mitt-Romney-Unterstützers. Im Sinne seiner narzißtischen Wahnidee wäre es konsequent gewesen, den beiden Angestellten Tommy Thayer und Eric Singer jeweils noch mindestens einen Song mehr einzuräumen - hätte der Platte gutgetan und den Eindruck einer gewissen Austauschbarkeit sicherlich stark relativiert.
Thayers "Outta This World" könnte in der Tat von Ace Frehley geschrieben worden sein, nur daß Frehley nicht so gut singt wie sein Ex-Gitarrencoach. Und Thayers Soli, von denen es in manchem Song (z.B. in "Hell Or Hallelujah") zuviele gibt, sind Frehley². Für 9 von 12 Nummern bekommt er Songwriter-Credits. Er ist der Spaceman und hat Frehley für alle Zeiten ausgefrehleyt.
Nochmal kurz zurück zu Chaim Witz und seinen Fab-four-Träumereien: "Wall Of Sound" ist sein gelungener Versuch, aus "Helter Skelter" einen Kiss-Song zu machen, und es war klug, "The Devil Is Me" viel weiter hinten zu plazieren, handelt es sich doch um nichts weiter als einen Zwillingscousin von "Wall Of Sound". Aber nichts für ungut, Gene Simmons macht eine gute Figur auf diesem Album. Seine Stücke haben mehr Humor, wirken weniger verbissen als Stanleys Material - obwohl dessen "Shout Mercy" einer der stärksten Kiss-Songs ever ist, mit seinem an die Rolling Stones gemahnenden "Whoo-Hoo" und Eric Singers double-snare-Figur. Auch das absteigend groovende "Long Way Down" ragt heraus, vielleicht eine Zusammenführung von "Keep Me Comin'" ("Creatures Of The Night", 1982) und "Take Me Away", wiederum von Stanleys erster Soloplatte.
Stanley hat "Monster" auch produziert, und da ging's wohl um alles. Die Platte PUMPT wie ein auf Krawall gebürsteter Arnold Schwarzenegger. Sie klingt nach Viagra und, ja, Steroiden. Und sie klingt an der Oberfläche fast, als wollten Kiss allen Ernstes der aktuellen Hardrock-/Metal-Landschaft ein relevantes Statement hinzufügen. Als ob sie das je nötig hatten bzw. als ob sich je wer dafür interessiert hat. Als wollten sie dann irgendwie aber doch ein Phänomen der Gegenwart sein und kein Zeitfenster in die goldene Vergangenheit. Warum? Warum diese inkonsequente Cover- und Bookletgestaltung mit dieser Metal-Klischeetypo und dieser angegothten Matrix-Düsternis? Das sind die Neunziger, und was sollen Kiss in den Neunzigern? Es war so passend, das "Sonic Boom"-Cover von Michael Doret machen zu lassen, hätte man jetzt nicht Ken Kelly anrufen können, der damals "Love Gun" und "Destroyer" gestaltet hat? Ich meine, davon, daß sie nochmal sowas wie "Unmasked" (1980) oder "The Elder" (1981) versuchen, träum' wahrscheinlich sowieso nur ich, aber wäre es nicht netter und am Ende sogar kredibler gewesen, weiter auf der Selbtverklärungsschiene zu fahren?

Was soll's, "Monster" ist nicht schlecht. Für eine Band wie Kiss ist es bemerkenswert, daß sie überhaupt neue Platten machen, ohne dabei abgehalftert zu klingen. Aber die great expectations werden leider nicht ganz erfüllt. Falls sie noch ein Album schaffen, darf's von mir aus bitte gern wieder etwas nostalgischer sein...
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Von 1 Kunden verfolgt

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1-7 von 7 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 07.10.2012 11:58:29 GMT+02:00
Ralf Wegmann meint:
Top Rezi. Die bringt es auf den Punkt. Danke dafür.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.10.2012 14:36:16 GMT+02:00
Steffen Frahm meint:
Hey! Das freut mich! Hätte gar nicht unbedingt erwartet, für den Text so eine postive Rückmeldung zu bekommen. Nix zu danken, gern geschehen. Auch wenn ich das Album erstmal nicht so dolle finde, bleiben Kiss für mich 1 Herzensangelegenheit.

Veröffentlicht am 26.10.2012 00:43:48 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 26.10.2012 00:44:32 GMT+02:00
Rhinoman meint:
Ich kann Ihre Rezension nur bedingt nachvollziehen -- Mehr 70er-Jahre-Sound als Monster geht 2012 nicht mehr ! - Ihren Wunsch nach Alben wie Unmasked und The Elder kann ich auch nicht ganz nachvollziehen, allerdings akzeptiere ich Ihren Wunsch absolut !! -- Im grunde genommen sehe ich das Album ähnlich wie Sie, nur irgenwie genau andersrum, was Ihre Guten Songs des Albums sind, das sind meine schlechten und umgekehrt. Komischerweise kommen wir aber am Ende auf das selbe Ergebnis.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.10.2012 19:26:28 GMT+01:00
Steffen Frahm meint:
Die Sache mit "Unmasked" und "The Elder" war eigentlich eher ein Witz, obwohl ich diese beiden Alben in der Tat sehr mag...Mir ging es aber vor allem darum, da es mir besser gefallen hätte, wenn sie weiterhin konsequent eine 21.-Jahrhundert-Entsprechung der 70er-Jahre-Kiss zu sein versucht hätten. Ich erlebe "Monster" in der Hinsicht ganz anders als Sie, aber so ist es immer wieder, nicht wahr? Die Wahrnehmung von Musik, so subjektiv, so vielfältig...Danke für Ihre kritische Rückmeldung!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.01.2013 22:11:37 GMT+01:00
Epikurs Geist meint:
Wieder eine prima Rezension, Herr Frame! - Bei 'I Was Made For Loving You' bin ich damals zum KISS-Fan geworden, bei Unmasked habe ich KISS zum ersten Mal live gesehen (besonders für die Ami-KISS-Fans der ersten Stunde, für die KISS rein für Hardrock stand, war Unmasked die zweite Katastrophe nach Dynasty), und bei The Elder habe ich mich auf einen abenteuerlichen KISS-Fantasy-Trip durch dunkle Wälder mitnehmen lassen. Ich LIEBE diese drei Alben! Ich habe schnell gelernt, auch alle vorangegangenen KISS-Platten zu lieben. Von allem, was nach der klassischen Make-Up-Periode kam, hat mich allerdings am ehesten noch Psycho Circus als (ganzes!) Album überzeugt (sicher aus nostalgischen Gründen). Tommy Thayer und Eric Singer (gemeinsam mit Eric Carr wohl die drei umgänglichsten Mitglieder in der Bandgeschichte) sind den Originalen, deren Masken sie tragen, natürlich musikalisch weit überlegen; was die Stimmen angeht, bin ich hingegen früh auf Peter und Ace geeicht worden. Die vier Stimmen der Originalbesetzung sind ja so eigen, wie die dazugehörenden Make-Ups.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.02.2013 20:43:14 GMT+01:00
Steffen Frahm meint:
Aber gerade Eric Singer hat eine sehr ansprechende Stimme, finde ich! Wenn er "Black Diamond" singt, haut das total hin.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.02.2013 21:43:10 GMT+01:00
Epikurs Geist meint:
Klar, für sich betrachtet ist Eric Singers Stimme voll okay! Hab ihn mir gerade noch einmal mit seinem Solo-Projekt bei Black Diamond angesehen/angehört:

http://www.youtube.com/watch?v=2OQ42rl-sZE

Ich freue mich auch über die Stücke, die Gene und Paul ihn auf den jüngeren Alben (selber) singen lassen! Nur, siehe oben! Die frühe Prägung ... Niemand kann das rückgängig machen. Aber dafür macht es Eric sehr gut (und wirkt, wie Tommy auch, erfreulich bescheiden dabei)!
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