Kundenrezension

9 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Monumental, 15. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Nibelungen (DVD)
Wenn eine fast 90 Jahre alte Verfilmung des Nibelungen-Stoffes trotz einiger Nachfolger immer noch (zurecht) als die beste gilt, so spricht das nicht nur gegen die späteren Filmschaffenden, sondern vor allem für die Qualität von Fritz Langs Monumentalwerk. Von den schauspielerischen Leistungen über die Sets bis zur Kameraführung - besser kann man es nicht machen.
Das Drehbuch hält sich weitgehend an das mittelhochdeutsche Nibelungenlied, nur einige Stellen werden ausgespart (so wird etwa die unheilverkündende Reise der Burgunden/Nibelungen zur Etzelburg auf den Aufenthalt bei Rüdiger reduziert) oder aus der nordischen Sagentradition ergänzt (was insbesondere für Siegfrieds Jugendgeschichte gilt: Im Nibelungenlied wird z. B. der Drache nur in einem Vers erwähnt). Einige Widersprüche im Text (etwa Siegfrieds doppelte Jugend: Er wächst in Xanten auf, bis er nach Worms reist, um Kriemhild zu freien; in Worms wird berichtet, dass Siegfried den Drachen getötet und den Nibelungenhort errungen hätte) werden sinnvoll geglättet: Siegfried erringt sich das Königtum, indem er mehrere Könige im Kampf besiegt und sie so zu seinen Vasallen macht. Auch die tragischen Verwicklungen, die im Gemetzel enden, werden - wenn man wieder von Glättungen absieht - dem Text und dem mittelalterlichen Weltbild gemäß präsentiert: Dieses war von Standes- und Hierarchiedenken geprägt. Brunhild muss nach den Zeichen, die sie empfangen hat, annehmen, dass Siegfried ein Vasall Gunthers ist, genau diesen Eindruck hatten sie mit ihrem Schauspiel auch erwecken wollen. Daher ist es aus Brunhilds Sicht und mit dem hierarchisch geprägten Weltbild im Hintergrund nur folgerichtig, dass ihr der Primat vor Kriemhild gebührt. Siegfried wird letztlich Opfer seines eigenen Betrugs, den er für Gunther begangen hat. Und Gunther verstrickt sich in Verpflichtungen und die Notwendigkeit der Staatsraison - deshalb wird er an Siegfried schuldig. Hagen übernimmt als Machiavellist avant la lettre die Drecksarbeit und die gesamte Schuld, was ihm von Gunther durch ihre Treue vergolten wird. Brunhild ist Opfer der Betrügereien Siegfrieds und Gunthers, aber auch ihres eigenen Stolzes. Kriemhild schließlich wird von einem naiven jungen Mädchen zur kaltblütigen Massenmörderin. Niemand trägt die alleinige Schuld, doch schuldlos ist keiner.
Die visuellen Gestaltungen der Figuren und Orte sind zu ikonographischen Motiven geworden: Siegfried als blonder Held, der körperlich allen anderen überlegen ist und dies auch offen zeigt; Hagen als sein finsterer Gegenpart, immer dunkel gekleidet und einäugig (ein aus der Walthersage übernommenes Motiv) und mit einem riesigen Flügelhelm ausgestattet; Gunther als schwacher Herrscher, der mehr will, als er bewältigen kann (Brunhild) und daran zugrunde geht; Etzel, im Nibelungenlied der Inbegriff des höfischen Königs, in der nordischen Sagentradition blutrünstig und grausam, wird in diesem Film zu einer Mischung aus beidem: Er ist wild und ungesittet, stellt aber die Gastfreundschaft über alles und liebt seinen Sohn abgöttisch - beides wird ihm zum Verhängnis; Kriemhild, die an Siegfrieds Leiche kniend anklagend auf den Mörder Hagen zeigt und später mit versteinertem Gesicht vor der brennenden Etzelburg steht - man muss den Film nicht kennen, um diese Bilder zu kennen, die oft kopiert und doch nie erreicht wurden.
Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung hat dieses Meisterwerk der Filmgeschichte aufwändig restauriert, die Originalmusik neu einspielen lassen, fehlende Zwischentitel sowie Lücken im Filmmaterial rekonstruiert und die damalige Kolorierungstechnik eingesetzt, so dass die DVD dem Film relativ nahe kommt, den auch die Zuschauer im Jahre 1924 sehen konnten. Dafür vielen Dank an die Stiftung und ihre Mitarbeiter.
Zum Abschluss seien noch ein paar Worte über die Ideologie verloren, die in diesem Film transportiert wird. Am Anfang der beiden Teile wird jeweils der Widmung "Dem deutschen Volke zugeeignet" eingespielt. Damit wird der Anschluss an die Nationalisierung der Nibelungensage hergestellt, die im 18. Jahrhundert nach der Wiederentdeckung des Nibelungenliedes einsetzte (etwa durch Bodmers Rede von der "deutschen Ilias") und die ihren Höhepunkt in der Rezeption der künstlerisch bedeutsamsten Umsetzung des Stoffes in der Neuzeit, in Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" (wohlgemerkt: gegen Wagners Intentionen!) fand. Doch Fritz Lang lieferte keineswegs einen vorzeitigen Propagandafilm für die Nationalsozialisten ("Die Nibelungen" soll Hitlers Lieblingsfilm gewesen sein; man kann sich seine Fans aber nicht aussuchen), denn die im Film als besonders deutsch propagierte Tugend, die Treue, führt alle Beteiligten in den Untergang und wird damit massiv in Frage gestellt - eine Implikation, die den Nazis überhaupt nicht genehm sein konnte.
"Die Nibelungen" ist ein frühes Meisterwerk der Filmgeschichte, das in keiner Filmothek eines Cineasten oder Filmliebhabers, noch dazu eines, der sich für mittelalterliche Sagentraditionen interessiert, fehlen sollte.
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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 02.11.2013 19:25:03 GMT+01:00
Amazoner meint:
Es ist unfassbar. Ein jeder Ausländer würde sich dafür an den Kopf fassen, dass Sie ernsthaft einen ganzen Absatz darüber schreiben, dass die Filmemacher ihr Vaterland doch tatsächlich NICHT hassten (heute wohl tatsächlich etwas ganz Außergewöhnliches) und ihm sogar den Film widmeten. So was aber auch. Jeder andere würde diese Tatsache höchstens, in einem Nebensatz, mit Stolz erwähnen, nur der schuldstolze Superteutone kann es natürlich nicht lassen, wieder einmal an allem Nationalen herumzukritisieren. Und dabei kommt er sich wohl noch ach so progressiv vor. Ist tatsächlich aber nur lächerlich.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.11.2013 08:07:03 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.11.2013 08:31:51 GMT+01:00
Tony Soprano meint:
Leider lesen Sie den Absatz mit Ihrer ideologischen Brille. Dies führt dazu, dass Sie gar nicht wahrnehmen, was der Rezensent wirklich schreibt. Von dem, was Sie ihm unterstellen wollen, steht in seinem gesamten Text nichts. Es ist einfach ein historischer Fakt, dass das Nibelungen-Epos im Zusammenhang mit der Nationalbewegung seit dem 18. Jahrhundert eine zentrale, identitätsstiftende Rolle gespielt hat (v.a. Romantik, Studentenbewegung ab 1817 als Protestbewegung gegen die Restauration im nachnapoleonischen Europa, aufkommender Liberalismus bzw. v.a. Nationalliberalismus bis hin zur gescheiterten Revolution 1848, Paulskirchenverfassung etc. etc., alle wollten sie ein einheitliches Deutschland in Freiheit, einen parlamentarischen Nationalstaat, 1871 gab es dann den autoritären Nationalstaat von oben, der durch Blut und Eisen entstanden war mit den bekannten Folgen bis 1945). Dass wir heute dem geschichtlichen Prozess und seinen verschiedenen Phasen mit einer historisch-kritischen Haltung gegenüberstehen, versteht sich von selbst - wenn man nicht geschichtsvergessen ist. Mit Vaterlandshass hat das sicher nichts zu tun.

Veröffentlicht am 14.02.2014 13:59:55 GMT+01:00
Danke für die tolle Rezension, Herr Rosenberger. Besser und prägnanter kann man diesen Film nicht bewerten.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.03.2014 10:15:53 GMT+01:00
Lieber Herr Schäuble, vielen Dank für das positive Feedback.
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