Kundenrezension

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Farben, die Distel und eine Dirigentin, 7. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Hans Pfitzner: Palestrina (Bayerische Staatsoper) [Blu-ray] (Blu-ray)
Pfitzner ist schwierig. Erhaltene Fotos diese politisch gefährlich verwirrten Küstlers zeigen einen Mann mit müden und wütenden, tieftraurigen und infantil trotzigen Augen. Pfitzners Weigerung, sich von dem Naziregime zu distanzieren, bleibt kaum entschuldbar. Er war eine Distel mit der Seele einer Mimose. Pfitzner kämpfte wütend in Wort und Schrift gegen eine Futuristengefahr, die allein in seinem Kopf existierte. Und nebenher ist Pfitzners Palestrina eines der größten Meisterwerke der Oper, ein Werk, das so viel klüger, menschlicher und weiser scheint als sein Schöpfer, dass man es kaum glaubt. Der Palestrina ist tiefenpsychologisch fundierte Kunstheorie, er ist offen Kirchenkritisch, durchsetzt von Gedanken, die eher linksliberal anmuten. Er weiss von der korrumpierenden Wirkung von Macht. Eine Meditation zudem über einen grausamen Gott und über Schopenhauers Wille und Vorstellung, Liebe und Verlust. Ein Mirakel. Und das alles mit einer musikalischen Sprache, die Wagners Parsifal auf Augenhöhe begegnet.

In der vorliegenden Aufführung aus der Bayerischen Staatsoper ist der Palestrina nur auf den ersten Blick vorwiegend bunt. Auf den zweiten Blick ist er vorwiegend schlüssig. Wir erleben eine Regiearbeit, die mit sinnhaften Konzepten beweist: hier ist ein Mann am Werk, der das Theater in Bauch und Adern hat. Das Werk wird niemals an eine dümmliche Albernheit verraten, keine der modernisierenden Entscheidungen wirkt aufgesetzt, um die eigene gelangweilte Ideenlosigkeit zu kaschieren. Die Kostüme verdienen ein Sonderlob, sie sind stets in das Gesamtkonzept integriert, fügen Chor und Solisten quasi als Mosaiksteine in das Tabelau.

Gesangstechnisch ist die Aufnahme hochrangig, wenn auch Christopher Ventis nicht die Qualitäten eines Nicolai Gedda in der bekannten Kubelik Aufnahme erreicht und Falk Struckmann nicht Fischer Diesku in ebenjener ist. Außerdem unterlaufen Struckmann kleinere Konditionsschwächen im großen Monolog im ersten Aufzug.

Sensationell in jeder Hinsicht sind hier jedoch zwei Damen in diesem Stück, in dem offiziell gar keine Frauen auftreten. Christine Karg als Ighino ist in sanglicher wie dastellerischer Hinsicht fulminant. Wie sie diese Rolle gestaltet, verweist sie alle mir bekannten Vorgängerinnen auf die Plätze, schon ihre ersten Töne lassen aufhorchen. Eine junge Sängerin mit klangschöner Stimme, guter Technik, zudem mit Herz und dankenswert auch Hirn.

Und dann ist da Simone Young, die leider als GMD in Hamburg nicht glücklich wurde. Dabei sollte solch eine Frau, die kammermusikalischen Zugang und romantisches Feuer kennt, und sich besonders im deutschen Fach zuhause fühlt, doch geschätzt werden können. Aber zur Politik sehe man sich den zweiten Akt dieser Aufführung noch einmal an.
Zurück zu Frau Youngs Leistung in vorliegendem Fall. Da ich beim Vorspiel Kubeliks sehr hellen, eher flächig-symphonischen Klang im Ohr hatte, wurde ich vom ein wenig rauheren und mehr kammermusikalischen Zugang irritiert. Ich habe dann noch einmal Thielemann gegengehört und gestaunt. Kurz: diese von Entschlossenheit getriebene, hochintelligente und vitale Frau zeigt sich sebst im Vergleich mit einem Einzigartigen als strukturbewusste Romantikerin von hohem Rang. Eine Wonne, ihr bei der Arbeit zuzusehen und zuzuhören. Sie arbeitet die Partitur transarent heraus, verdeutlicht die bald Wagneresque, dann die Renaissance evozierende musikalische Fraktur, stellt die Leitmotive klar herus, ohne den Sinn hinter den Noten der puren Struktur zu opfern. Ihre Begeisterung bei den Proben im beigegebenen Making of zu erleben ist erfrischend.

Die Bild- und Klangqualität der Blue Ray entspricht heutigem Standard, ohne neue Maßstäbe setzen zu können. In der Gesamtheit aber ist diese Einspielung, wie meine weniger verspäteten Vorezensenten anmerkten, ein Muss. Kaufen.

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Kommentare

Von 1 Kunden verfolgt

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1-4 von 4 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.09.2013 22:03:03 GMT+02:00
Wie bei allen Opern DVDs empfinde ich, daß die Musik viel intensiver wirkt, wenn man kein Bühnenbild sieht.
Dies ist leicht zu erreichen, indem man das Fenster iconisiert.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.01.2014 01:15:04 GMT+01:00
Henning meint:
Oder Sie ziehen sich eine Tüte über den Kopf.

Veröffentlicht am 23.08.2014 15:26:38 GMT+02:00
Jens Legler meint:
Ja, der "Palestrina" steht auf Augenhöhe zu Wagners besten Werken, vielleicht nur noch gemeinsam mit Bergs "Wozzeck" und ein paar Strauss-Opern. Leider entschuldigen sich alle, die ihn aufführen aufgrund der Vita Pfitzners, was allmählich ein wenig bemüht und pseudo-politisch-korrekt und selbstgefällig ist. Kompositionstechnisch überragend hat er allerdings wenig auf Effekt und oberflächliche Brillianz hin komponiert, so dass sich der Pöbel vermutlich langweilt. :-)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.09.2014 01:25:42 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.09.2014 01:26:27 GMT+02:00
Henning meint:
Zu den Entschuldigern. Pfitzner gehört in die schier endlose Reihe grosser Künstler, die zu Idioten wurden, wenn sie sich politisch äusserten. Dass man sich gerade bei ihm immer entschuldigt, gehört zu den bedingten Reflexen, mit denen man in der BRD beweist, ein Gutmensch zu sein. Mutti, ich bin artig, krieg ich jetzt noch ein Eis?
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