Kundenrezension

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen „Ich biege in eine Straße ein … aber … in eine meines Herzens“, 19. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Taschenbuch)
Der erste Band ist in drei Teile geteilt: 1. Combray, 2. Eine Liebe Swanns; 3. Namen und Orte: Namen.
Der Protagonist erinnert sich an seine Kindheit und an den Ort Combray, wo er mit den Eltern jeden Sommer verbrachte, aber auch an die verliebte Liebe, die Charles Swann für Odette empfindet. Im dritten Teil dann beginnt die Liebe zwischen dem Ich-Erzähler und Gilberte, der Tochter von Charles Swann und Odette, Konturen anzunehmen. Bereits im ersten Band ist der Aufbau des Gesamtwerks ersichtlich, das aus Erinnerungen und detaillierten Beschreibungen von Außen- und Innenwelt, von punktuellen Ereignissen und Details in der Landschaft bestehen. Gefühlnuancen werden seitenlang detailliert beschrieben aber auch bereits abstrakte Themen, wie die Vorteile des Lesens, die Kraft der Bilder, die Bedeutung der Musik und allgemeine Überlegungen hinsichtlich Glaube, Zufall und Beziehung.

Zum besseren Verständnis erfolgt in der Folge die Rezension zum Gesamtwerk:

Proust zu lesen bedeutet eine Welt zu betreten, deren Luft so dünn wird, dass man das Gefühl hat, in eine eigene sterile, saubere Geisteswelt einzutauchen. In diesem Roman kommen nur die subtilsten, „saubersten“ Gedanken vor. Es gibt nur Geist, keine Erde. Die Keime, die wahrgenommen werden, strahlen ausschließlich aus dem Gewissen aus. In diesem Roman geschieht nichts ruckartiges, die „Action“ findet im Inneren des Protagonisten statt, die äußeren Ereignisse lösen eine Lawine an Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen und Überlegungen aus, die der Autor meisterhaft in allen Details darlegt.
14 Jahre hat Proust an diesem 7-Bändigen Werk gearbeitet, immer wieder Änderungen und Korrekturen vorgenommen. Von schwächlicher Gesundheit, aber reich, konnte sich Proust ein Leben lang mit Kunst und Kultur befassen und in Kontakt mit Persönlichkeiten aus den höchsten Bildungs- und Aristokratiekreise treten.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Werke. Frankfurter Ausgabe: 7 Bände in Kassette (suhrkamp taschenbuch) ist ein grandioses Werk, das allgemein von Zeit, Erinnerung, Liebe, Eifersucht und bürgerlichem, aristokratischen Leben in der Zeit der Belle Epoque in Frankreich erzählt. Als Bildungsroman breitet sich die bürgerliche Welt des 19. und frühen 20. Jahrhundert zum Greifen nahe vor dem Leser aus, manche der zahlreichen Protagonisten, wie dem Ich-Erzähler oder Odette und Madame de Guermantes wird man nie wieder vergessen können. Minutiös werden sämtliche Landschaften beschrieben, Proust schreibt seitenlang nur über Sträucher und Blumen zum Beispiel, die er in einem Park sieht und zwei Bücher später tauchen dieselben Sträucher und Blumen wieder in seiner Erinnerung auf. Die Stärke von Proust Romans liegt aber nicht so sehr in der Beschreibung der äußeren Ereignisse und der materiellen Welt, sondern viel eher in der stilistisch und inhaltlich brillanten Beobachtung und minutiösen, bis ins letzte Detail ausgefeilten Beschreibung von Bewusstseinszuständen, Gefühlen und Gedanken, welche sich so in die Länge und Breite ziehen, dass die Zeit ausgedehnt wird und darin keine Chronologie, keine Messung mehr möglich ist. Am Ende der Lektüre wird man gewahr, wie unmerklich die Zeit vergangen ist.

Ich persönlich hatte das Gefühl, ins Innere, in die Gedanken- und Gefühlswelt vom Ich-Erzähler zu treten, als würde ich mit seinen Augen und seinen Gefühlen alles erleben, aber noch mehr, als würde ich in einem in jeglicher Hinsicht ausgedehnten Geist schweben, um aber immer wieder doch diese Art von punktueller Realität zu erleben und zwar immer dann, wenn der Protagonist, meistens durch andere Menschen und sich in Gesellschaft begebend, auf den Boden der Tatsachen katapultiert wird und die Mauer zwischen seinem Inneren und der Außenwelt dadurch durchbrochen wird.

Ein einzelner, bestimmter Bewusstseinszustand wird in diesem Werk oft auf mehr als zweihundert Seiten beschrieben und analysiert. Den zerhackten Assoziationsfluss, der uns heutzutage von einem Thema zum anderen springen lässt und unsere Gedanken infiziert, gibt es in diesem Buch nicht; ein Gedanke wird nicht nur zu Ende gedacht, sondern von allen, einem Menschen möglichen Blickwinkeln betrachtet und gefühlsmäßig erfasst, in seiner Oberfläche und seiner Tiefe. Ein Gedanke wird mit den Sinnen erfasst, mit dem Körper, mit dem Geist und Proust spielt fast damit, setzt diesen Gedanken mit anderen Gedanken in Bezug, mit der Welt, mit der Realität, mit der Phantasie. In Prousts Werk einzutauchen, sich darauf einzulassen zahlt sich schon deshalb aus, weil man am Ende das Gefühl hat, den eigenen Geist bereichert, das eigene Leben um eine wichtige Dimension erweitert und vertieft zu haben.

Die Gabe Prousts besteht darin, dem Leser vor Augen zu führen, wie man sich bei Ausführung bestimmter Tätigkeiten, beim Denken bestimmter Gedanken fühlt; die Beschreibungen darüber sind dermaßen ausführlich und doch sensibel und leicht nachvollziehbar, dass sämtliche Geisteswissenschaftler von ihm noch etwas lernen könnten.

Ein großer Teil des Romans untersucht das Phänomen der Liebe, der verliebten erwiderten und unerwiderten Liebe, der Leidenschaften, die Menschen füreinander empfinden. Proust wird nie ausfällig oder grob, alle leid- und freudvollen Regungen, selbst die stärksten und intensivsten, die negativsten und positivsten, werden auf sublime, geistreiche Art beschrieben. Darin liegt auch eine große Stärke des Autors, Gegenstände und materielle Manifestationen davon, ausschließlich mit seinem feinen Geist zu erfassen und zu beschreiben. Proust würde nie das Wort „Sex“ benützen, nicht einmal „Geschlechtsverkehr“ oder „küssen“, diese Tätigkeiten kommen alle im Buch vor, werden aber ganz anders beschrieben, seitenweise von Gedanken und Gefühlen geschmückt, so dass die Tätigkeit an sich ein kleiner Punkt inmitten eines großen Ozeans an Innerlichkeit bleibt. Und dies verhält sich mit allen äußeren Tätigkeiten und gesehenen Gegenständen und Landschaften auf die gleiche Weise. Proust lässt jemanden etwas sehen, berühren, sagen oder hören und bettet dies in einem großen Ganzen ein, so dass sich das Gesehene, Berührte, Gehörte und Gefühlte in einem breiten Raum im „Gehirn“ verliert und mehr noch, im Geiste sublimiert wird.
Proust gelingt außerdem eine genaue Interpretation und Darlegung des Phänomens der Erinnerung.

Die Übersetzung ins Deutsche durch Eva Rechel-Mertens und Luzius Keller ist sehr gut gelungen, ich fragte mich ständig, wie es jemand schaffen konnte, dieses Werk zu übersetzen und jene inneren Regungen und Bewusstseinszustände so meisterhaft in eine anderen Sprache zu übertragen.

Mich interessierten am meisten die philosophischen Passagen, derer es viele gibt und in meisterhaftem Stil von Proust zur Sprache gebracht wurden. Im Folgenden eine kleine Kostprobe aus diesem Band:

Was ich den Zeitungen vorwerfe, ist, dass sie uns alle Tage auf unbedeutende Dinge aufmerksam machen, während wir drei oder viermal in unserem Leben die Bücher lesen, in denen Wesentliches steht. In dem Augenblick, wo wir jeden Morgen fieberhaft die Zeitung auseinanderfalten, sollte eine Vertauschung der Dinge stattfinden und in der Zeitung sollten, ich weiß nicht was, die … Pensées von Pascal stehen!

Und war nicht die Welt meiner Gedanken selbst eine Art Krippe, ein Raum, in dessen Tiefe ich sogar auch dann geborgen blieb, wenn ich einen Blick auf die Dinge warf, die sich draußen zutrugen? Sobald ich einen Gegenstand außerhalb meiner wahrnahm, stellte sich das Bewusstsein, dass ich ihn sah, trennend zwischen mich und ihn, umgab ihn mit einer geistigen Schicht, die mich hinderte, jemals unmittelbar seine Substanz zu berühren.

Auf der Art von Schirm, wo, während ich las, bunt schillernd die von meinem Bewusstsein gleichzeitig entfalteten Zustände erschienen, angefangen bei den geheimsten, in meinem Inneren verborgenen Sehnsüchten bis hin zu der rein äußerlich wahrgenommenen Aussicht auf den Garten, den ich vor Augen hatte, bildeten – ganz gleich, welches Buch es gerade war – mein Glaube an den philosophischen Gehalt und die Schönheit des Buches, das ich las, sowie mein Verlangen, mir diese zu eigen zu machen, den unmittelbar vorgegebenen, tiefen Grundton, den ständig bewegten, alles regulierenden Hebel.

Unser Glaube, dass jemand an einem unbekannten Leben teilhat, in das seine Liebe uns mit hineintragen würde, ist unter allem, was die Liebe zu ihrer Entstehung braucht, das Bedeutungsvollste, demgegenüber alles andere nur noch wenig ins Gewicht fallen kann.

Zu anderen Malen aber begann der Regen zu fallen, den uns der kleine Kapuzenmann im Schaufenster des Optikers schon vorausgesagt hatte; wie Zugvögel, die gemeinsam den Abflug unternehmen, stürzten die Tropfen dicht gedrängt zusammen vom Himmel herab. Sie trennen sich nicht, sie weichen auf ihrem raschen Durchzug nicht vom Weg ab, sondern jeder bleibt an seinem Platz und zieht den folgenden hinter sich her, so dass der Himmel verdunkelter ist als beim Aufbruch der Schwalben. Wir flüchteten in den Wald. Als ihre Reise beendet schien, kamen noch ein paar Schwächere, Säumige hinterher. Wir aber verließen wieder unseren Unterschlupft, denn es gefiel den Tropfen im Laub, und der Boden war schon wieder fast trocken, als noch der eine oder der andere sich im Spiel auf den Rippen eines Blattes verweilte, an der Spitze hängen blieb, sich dort ausruhte, in der Sonne funkelte, um sich dann plötzlich von der ganzen Höhe des Zweiges heruntergleiten zu lassen, und uns auf die Nase fiel.
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